Die Überlieferung des offenen Herzens

Die wichtigste Überlieferung, die ich jemals von meinem Wurzellehrer bekommen habe, war die Begegnung und Übertragung seines offenen und warmen Herzens. Diese Einsicht traf mich überraschend, als ich neulich in buddhistischen Unterweisungen saß.

Auf einmal wusste ich ziemlich genau, was ich all die Jahre, die er nicht mehr da ist, vermisste: Die Vertrautheit, Zuwendung und warme Fürsorge, die mir in den Jahren bei meinem Lehrer beinahe schon selbstverständlich geworden waren. Doch bis zu diesem Tag, als ich dort im Dharmazentrum saß und Unterweisungen zum Herzsutra hörte, war mir dies noch nie in voller Konsequenz bewusst geworden.

Irgendwo in diesem Blog erwähnte ich schon, dass ich kaum persönlich zu nennenden Kontakt zu meinem Lehrer hatte. Als ich ihn 1998 zur Besuch Seiner Heiligkeit des Dalai Lama in Rheinsehlen bei Schneverdingen zum ersten Mal begegnete, wusste ich nur, dass er der Lehrer am Tibetischen Zentrum Hamburg war.

Zufällig ergab es sich, dass ich aufgrund meiner freiwilligen Helfertätigkeit dort, während der Unterweisungen, immer genau so saß, dass ich ihn direkt anschaute. Etwa sieben oder zehn Tage vergingen, in denen ich ihm einfach nur gegenüber saß. Und als er eines Abends nach den Unterweisungen einen Vortrag hielt, beschloß ich, bei ihm im Zentrum den Lamrim zu studieren. Und das tat ich dann etwa fünf Monate später auch.

In den vier Jahren, die ich außer dem Lamrim noch Vinaya und  Tantra, ein wenig Madhyamkaavatara, den Bodhisattvacharyaavatara sowie das Sieben-Punkte-Geistestraining und Tonglen in Form der Studienbriefe oder durch direkte Unterweisungen studierte, hatte ich keinen privaten oder persönlichen Kontakt zu meinem Wurzellehrer. Ich hatte bei ihm Zuflucht genommen und war auch eine Weile im Vorstand des Vereins tätig. Doch ein persönliches Interview hatte ich bei ihm nie.

Ich hatte in den Jahren öfter mit mir gerungen, ob ich ihn einmal persönlich sprechen sollte. Doch ich muss offen gestehen, dass mir das zu umständlich war. Da Geshela weder Deutsch noch Englisch gut genug konnte, um sich direkt mit mir verständigen zu können, nahm ich immer wieder Abstand davon. Ich wollte einfach nicht auf einen Übersetzer angewiesen sein. Mein Gefühl hielt mich jedes Mal, wenn ich über ein Interview nachdachte, wieder davon ab.

Wir hatten dennoch ein sehr inniges Verhältnis, das gänzlich ohne Worte auskam. Und genau deshalb empfinde ich meine Beziehung zu ihm im Nachgang als so kostbar.

Je öfter ich Unterweisungen bei ihm hörte, desto größer wurde mein Wunsch, ihn zu treffen. Und mit der Zeit spielte ich für mich ein Spiel. Bevor ich mich auf dem Weg zu ihm ins Zentrum machte, spürte ich vorher nach, ob er da sein würde, oder nicht. Und zu 80 bis 90% hatte ich Recht. Insbesondere zum Samstag täuschte mich mein Gefühl so gut wie nie, ob er im Studienkreis anwesend sein würde, oder nicht. Wenn ich ahnte, dass er da war, ging ich freudig dahin. Wenn nicht, hatte ich meist gar keine richtige Lust, ging aber notgedrungen trotzdem.

Mit der Zeit fiel mir auf, dass er öfter seinen Blick auf mir ruhen ließ. Anfangs war mir das äußerst unangenehm, denn ich war allzu viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt. Er schien ziemlich genau zu spüren, wie es mir ging. Und wenn die Unterweisungen mich emotional aufwühlten, sodass ich das eine oder andere Mal die Tränen wegblinzeln musste, ruhte wieder sein Blick mit voller Aufmerksamkeit auf mir. Damals tat ich mich aufgrund meiner Minderwertigkeitskomplexe schwer damit, allein diesen Blick als wirkliche Anteilnahme anzunehmen. Am liebsten hätte ich mich irgendwo verkrochen oder wäre im Erdboden versunken.

Doch je öfter es geschah, dass ich unvermittelt Tränen in den Augen hatte, desto öfter ruhte sein Blick auf mir. Und nach und nach gewöhnte ich mich daran und war dankbar dafür. Ab und an dachte ich sogar, dass er wohl meine Gedanken hören konnte. Manchmal schien sein unvermittelter Blick auf einen Gedanken von mir zu reagieren ... Manchmal träumte ich von ihm ...

Nach ca. 2 Jahren, als ich Vinaya und Tantra studierte, dehnte er seine Zeit in unserem Studienkreis immer mehr aus. Im Schnitt blieb er pro Studienkreie eine halbe Stunde da, um Fragen zu beantworteten. Den Rest der Zeit diskutierten wir untereinander oder mit dem Studienkreisleiter den Text. Ich wunderte mich und freute mich zugleich, wenn er nicht nur eine halbe Stunde, sondern bald auch eine Stunde oder länger in unserem Studienkreis verbrachte, um Fragen zu beantworten und ergänzende Erklärungen zum Text zu geben.

Gegen Ende unserer gemeinsamen Zeit, als ich bereits intensiv darüber nachdachte, wie ich mein Leben verändern könnte, da sagte er manchmal Dinge, die unmittelbar zu den Fragen passten, die mich gerade innerlich beschäftigten. Er sagte dies dann genau in meine Richtung und sah mich dabei an. Das berührte mich sehr. Alle seine Worte, in diesem Zusammenhang gesprochen, schienen mich zu ermuntern, meinen eigenen Weg zu gehen. Als wüsste er bereits, dass ich dort nicht bleiben würde und auch nicht bleiben konnte...

Und so kam es letztlich auch: Mein Lehrer wurde krank und starb innerhalb weniger Monate - und ich verließ Hamburg.

Ich weiß, dass diese Wahrnehmung der Ereignisse ganz meine eigenen sind und kaum jemand, der damals dabei war, dies bestätigen würde und könnte. Frage zehn Leute und du hörst zehn unterschiedliche Schilderungen der Ereignisse. Ob die Ereignisse, objektiv betrachtet, so oder anders gewesen sind, spielt, wenn es um Begegnungen der Herzen geht, jedoch kaum eine Rolle. Für Begegnungen der Herzen zählt nur die ganz eigene Wahrnehmung und das, was sich harmonisch und wahr anfühlt.

Dass ich mein Erleben meines Lehrers dennoch hier so ausführlich wiedergebe, hat nur einen Grund: Ich möchte einmal in Worte zu fassen versuchen, was nicht zu fassen ist. Nicht zu fassen ist, dass ich eine intensive, geistige und herzliche Beziehung zu meinem Wurzellehrer hatte, obwohl wir niemals ein Wort persönlich miteinander gewechselt haben. Da war große Nähe, Sympathie, Fürsorge und Anteilnahme, die wir einander aus unseren Herzen entgegen brachten.

Unsere Herzen kommunizierten, solange wir im gleichen Raum weilten. Sei es, dass er Unterweisungen gab, wir gemeinsam Lama Tschöpa feierten oder nebeneinander am Tisch während der Vorstandssitzungen saßen.

Und die Offenheit und Wärme seines Herzens war der Grund dafür, dass ich freudig am Wochenende in die Studienkreise eilte oder nach Feierabend noch für Helfertätigkeiten ins Zentrum ging. Für mich gab es niemals einen anderen Grund, hinzugehen, als ihn.

Die Güte seines Herzens war es, die mich begleitet und umarmt hat, als mein eigenes Herz begann, aufzugehen.


Und die Strahlkraft seines Herzens war es, die in meinem Herzen die Hingabe zum Dharma wieder aktivierte.


Die aus seinem Herzen fließende Liebe und das Vertrauen zu seinen gütigen Lehrern war es, die in Resonanz mit meinem offenen Herzen gegangen ist. Sie hat in mir ein tiefes Grundvertrauen in die Anwesenheit der Buddhas und Bodhisattvas entfacht und mich später durch viele Schwierigkeiten sicher geleitet.


Die unerschütterliche Hingabe, die seinem starken Herzen entsprang, kann derjenige, der mit dem Herzen sieht, auch auf diesem kostbaren Foto deutlich spüren:

 
                           Foto: Links mein Vajrameister und Lehrer meines Lehrers, rechts mein Wurzellehrer
 

Und so weiß ich heute ganz genau, was es ist, das mich in manchem Dharmazentrum eine unangenehme Schwere fühlen lässt: Die Abwesenheit offener, warmer und hingebungsvoller Herzen.

Heute verstehe ich, dass es die höchste Form der Übertragung ist, wenn einem durch das offene Herz des Wurzellehrers das eigene Herz geöffnet wird. Das lässt sich durch kein Wort und keine Geste vermitteln. Es findet einfach durch die Präsenz des Herzens eines guten Lehrers statt. Und dadurch, dass man sich dieser Liebe irgendwann selbst zu öffnen beginnt.

Das warme, offene Herz ist mir seither das Wichtigste in meinem Leben. 

Mich interessiert in Wahrheit keine Sekunde, welche Organisation der Lehrer gegründet hat, zu dessen  Füßen ich sitze. Mich interessiert nur, ob sein Herz offen ist und was passiert, wenn auch ich mich ihm offenen Herzens zuwende. In der Begegnung des Herzens erfahre ich, wer er wirklich ist.

Eine Herzverbindung einzugehen braucht Zeit und Beständigkeit. Um sie wirklich in voller Größe zu entfalten, reichen wenige, flüchtige Begegnungen in der Regel nicht aus. Eine echte Herzverbindung zu einem Lehrer aufzubauen, ist in meinen Augen schwierig oder sogar unmöglich, wenn der Lehrer ständig auf der Durchreise ist.

Und wer einmal die liebevolle, wortlose, nährende und alles befriedende Kommunikation zwischen zwei Herzen erfahren und genossen hat,wird diese Form der Begegnung nicht mehr missen wollen.  Nichts kann diese aufwiegen und nichts ist wichtiger, zu erleben. Wichtig dafür, zu begreifen, was es bedeutet, von ganzen Herzen miteinander und füreinander da zu sein.

Doch weil die Basis solcher Verbindungen vollkommen nonverbal ist, neigt der eine oder andere dazu, sie zu übersehen.

Zu einem bestimmten Dharmazentrum zu gehören ist für mich in den letzten Jahren nebensächlich geworden. Die Organisation kann noch so groß und der Lehrer, der sie aufgebaut hat, noch so berühmt sein: Solange ich dort niemandem von ganzem Herzen begegnen und Nähe des Herzens mit ihm leben kann, ist jede Minute dort für mich verschwendete Lebenszeit.

Langsam dämmert mir, dass die Kunst, in der Wärme und Offenheit des eigenen Herzens anderen den Raum zu gewähren, das ihre zu öffnen, letztlich die Essenz dessen ist, was uns der Dharma lehren kann und will.

Die Übertragung zwischen zwei Herzen ist die wichtigste und kostbarste Form der Übertragungslinie.

Was könnte wichtiger sein, als diese Linie aufrecht zu erhalten und weiterzugeben, wann immer sich die Möglichkeit ergibt? Was könnte demnach noch kostbarer sein, als diese Linie mit Menschen zu leben, die ebenfalls offenen, warmen Herzens sind und kompromisslos sein wollen?


Ich vermisse diejenigen wirklich sehr, mit denen ich das Geschenk der Begegnung von Herz zu Herz bisher wenigstens kurz teilen durfte.

Kostbar sind sie mir, diese Menschen. Und selten sind sie zu finden.






Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    in meinen Augen zeugt es für innere Größe, wenn jemand nicht mehr der Masse hinterher läuft, alles mitnimmt, was geboten wird, um sein persönliches Heil zu finden. Was Du beschreibst, die Nähe der Herzen, das ist so subtil und wertvoll und auch reif. Das ist bewundernswert, wie konsequent Du diesen Weg verfolgst und dass Du Dich nicht irritieren lässt von dem ganzen Drumherum.
    Ganz liebe herbstliche Grüße!
    Anke

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    1. Liebe Anke,

      irritieren lasse ich mich schon. Häufiger, als mir lieb ist. :-) Alles andere wäre gelogen. Aber zumindest lasse ich mich durch Irritation nicht dazu verleiten, mein Herz zu verraten.

      Ich nehme mir Zeit, lieber gar nichts zu tun, als etwas Unüberlegtes. Oder, besser gesagt, ich lasse mir Zeit, mir über meine Gefühle klar zu werden, bevor ich entscheide. Und ich warte ab, bis ich mich bewusst entschieden habe, bevor ich handele.

      Vielleicht ist das die Reife, von der du sprichst.

      Der Nachteil: Ich bin da gar nicht up to date, was die heute so oft gepriesene Entscheidungsfreude betrifft. Und ich nehme auf keinen Fall alles mit, was ich kriegen kann.

      Aber der Herzschlag geht langsamer, als die meisten Uhren ticken. Und das Herz lebt nachhaltiger. Das Herz wird lieber wenigen Mitwesen gerecht, als mit der Masse an der Masse vorbeizueilen.

      Vielen Dank für deine Ermunterung und ich wünsche dir ebenfalls noch einen schönen Herbst!

      Herzlichst
      Josephine

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