Der Überdruss

Die innere Unruhe beginnt seit ein paar Tagen von selbst mit mir zu kommunizieren. Wie immer ist es anders, als ich erwartet habe: Auch ohne bewusstes Stillwerden reichte meine Wunsch aus, die Unruhe zu ergründen, um etwas in Bewegung zu setzen.

Und dies ist der Kern meiner Unruhe: In den letzten Wochen beobachtete ich mich dabei, wie ich mich leise, im Hintergrund, darüber beschwerte, dass auch die letzten zehn Jahre mit allen Schwierigkeiten und Anstrengungen nicht ausreichten. Subtil machte ich mir Vorwürfe dafür, dass dies alles als kritische Masse nicht ausreichte, um die Waagschalen zu meinen Gunsten zu füllen. 

Ich bin noch immer nicht dort angelangt, wo ich mich wirklich eins mit meinen Anlagen, Neigungen und dem hiesigen Leben erleben kann.

Doch eins weiß ich sicher: Sich zu beschweren ist nicht konstruktiv. Letztlich zählt am Ende nur Ursache und Wirkung. Und wenn die Umstände nicht so sind, wie ich sie gern hätte - sie also nicht zuträglich sind, um mich an meinem Platz zu fühlen, dann muss ich etwas unternehmen.
Punkt.

Aus dieser Unruhe steigt Überdruss auf. Dieser Überdruss ist nichts anderes, als die Erkenntnis, dass ich einige Ursachen und Umstände nicht als das sehen wollte, was sie sind. Innerlich habe ich mir selbst etwas vorgemacht und eingeredet. Ich habe mir die Dinge zurecht gelegt und zurecht erklärt, obwohl sie nicht kompatibel sind. Nicht mit meinem Herzen und dem, was sich daraus entfalten möchte.

Mein Leben ist meinem Herzen noch immer nicht zuträglich.

Ob es zehn Jahre voller Anstrengungen sind, oder zwanzig, oder am Ende vierzig oder fünfzig - die Anzahl der Jahre spielt keine Rolle. Letztlich greift immer nur das Gesetz von Ursache und Wirkung. Das sei hier bewusst ein zweites Mal erwähnt. Ich kann mich noch so beschweren und subtil jammern. Am Ende muss ich eins und eins zusammenzählen - und die Konsequenzen daraus ziehen.

Ein paar Tage Kontakt mit der Familie reichten aus, um mir erneut zu vergegenwärtigen, dass mir die Gegenwart kein Zuhause bieten wird. Dies bitte ich, nicht als Vorwurf zu verstehen. In meine Familie hinein geboren worden zu sein, macht für mich Sinn. Und vieles, was ich mit ihr und durch sie erlebt habe, war wichtiges Brennholz für das Erwachen meines Herzens.

Letztlich besteht Familie immer aus Einzelpersonen, die sich auf eine bestimmte Art des Zusammenlebens geeinigt haben. Und wenn das, was mein Herz braucht, nicht innerhalb dieser miteinander getroffenen Übereinkünfte zu finden ist, dann ist das eben so. Da gibt es nichts und niemanden, den ich dafür einen Vorwurf machen könnte und wollte.

Hier geht es immer und immer wieder um Selbsterkenntnis. Und den Weg, der sich daraus entfalten kann. Und je konsequenter ich darin bin, diesen potentiellen Weg zu erkennen und gehen zu wollen, desto wahrscheinlicher rückt der Moment in greifbare Nähe, in dem ich "Ja" zu meinem Hier und Jetzt sagen werde.

Überdruss jedenfalls ist ein Zeichen, dass ich nicht in Harmonie sein kann, mit meinem momentanen Hier und Jetzt. Das ist eine Tatsache. Und ich möchte nicht, wie so oft schon, den Fehler beim mir suchen. Ich möchte mir nicht die Schuld dafür geben, dass ich mein Leben, wie es sich augenblicklich zeigt, nicht bejahen kann.

Sofort erinnere ich mich an viele Begebenheiten, in denen ich mir die Ratschläge anderer anhörte, die meine Unzufriedenheit nicht nachvollziehen konnten. Oft hörte ich sie sagen: Das Leben ist aber so. Manche Dinge muss man einfach akzeptieren. Das und dies kann man einfach nicht ändern.

Sachlich betrachtet ist das akzeptabel, sofern es Ursachen und Umstände und ihr Zusammenkommen betrifft. Inakzeptabel wird es stets dann, wenn dein Herz darüber weint. 

Wenn dein Herz weint, dann ist dein Leben nicht gesund.

Wenn du Umstände und Lebensbedingungen akzeptierst und tolerierst, in denen du tief im Herzen leidest, sind sie nicht gütig.

Wenn du erkennst, dass das Leben nicht deinem Herzen entspricht, ist Überdruss berechtigt.

Und wenn der Überdruss so heftig ist, dass dir davon übel wird, musst du dringend die Regeln überprüfen, die du dir auferlegt hast.

Und bei mir ist die Übelkeit in den letzten Tagen so heftig geworden, dass ich mir nicht länger einreden kann, dass mein erdachtes Ich es ist, die gegen mein augenblickliches Leben aufbegehrt.

Mein Herz begehrt auf.

Und deshalb wird es Zeit, mein Herz ernst zu nehmen und die Regeln meines erdachten Ichs zu überprüfen.

Was der Kopf hingegen oft wünscht: Die vermeintliche Sicherheit des Hier und Jetzt nicht aufzugeben. Deswegen hören wir wohl alle nur zu oft auf die Argumente des Kopfes, warum das, was wir JETZT haben, schon alles oder das Beste ist. Doch das Beste aus sich und seinem Leben zu machen, gelingt nur aus dem Herzen heraus.

Im Herzen wohnt mein Potential - kristallisierte Potenz. Im Herzen wohnen tausend Möglichkeiten der Entfaltung. 

Und den Status Quo als letzte Instanz zu akzeptieren, hat manches Herz schon getötet.

Mein Herz ist nicht bereit, zu sterben.

Was wäre, wenn der Überdruss meines Herzens mich weiter dazu animiert, erneut in eine andere Zukunft zu investieren? Was wäre, wenn ich meinem Herzen vertraue, dass es seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat, weil es zu ganz anderen Dingen im Stande ist, als ich mir bisher zugetraut habe?

Der Kopf lehnt es ab, denn noch sieht der Kopf die Ursachen dafür nicht, das jemals eine andere, mir gerechter werdende Zukunft ermöglichen würde.

Doch das Herz möchte immer noch die notwendigen Samen dafür säen.

Das Herz möchte immer noch, selbst wenn einiges von dem, was ich schon vor zehn, fünfzehn Jahren wünschte, seither in meinem Leben keinen Platz gefunden hat. Wie verhext war es, dass ich zu dem, wovon ich träumte, weder Zeit noch Umstände fand.

Das Herz möchte dennoch diesen Traum.
Und ich muss folgen.

Wenn ich unachtsam wäre, könnte sich mein heftiger Überdruss auch gegen die Menschen in meinem Umfeld richten. Alle die Wesen um mich herum, die so gar nicht das Leben repräsentieren, das ich mir erträume. Und der Kopf könnte rechtfertigen, dass mir wohl kein anderer Platz zusteht, wenn das eben die Mitwesen meines Hier und Jetzt sind.

Aber darauf werde ich mich gar nicht erst einlassen.

Denn dass ich den neuerlichen Aufbruch nahen spüre, hat nichts mit diesen Mitwesen zu tun. Er hat mit meinem ungeborenen Herzen zu tun. Und nur ich kann es gebären.

Und nur ich kann mich erneut in Bewegung setzen, wenn ich das von Herzen muss.

Zeit wird es, wieder ein paar eindeutige Wünsche zu formulieren. Diese werden mich in die neue, ersehnte Zukunft ziehen. Diese werden die Triebkraft sein, die mich meinen Überdruss befrieden lassen. 

Und Schritt für Schritt werde ich der innigen Hoffnung meines Herzens Wirklichkeit verleihen.

Ich werde meine Umgebung nicht übellaunig damit strafen, dass ich noch nicht im Herzen mit mir eins bin - und daher nicht mit meinem Leben.

Die Karten werden wieder neu gemischt.

Einiges wird fallen und liegenbleiben.

Einiges wird mich auch weiter begleiten: Alles, was ich von ganzem Herzen liebe.

Welche Zukunftsperspektive könnte schöner sein?





Kommentare

  1. Es gibt nichts schöneres als genau die Dinge in Begleitung zu haben, die man über alles liebt. <3 wieder ein sehr schöner Post.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, Lena :-)
      Ja, es gibt nichts Schöneres. Nur ist es nicht immer leicht, sich ganz klar darüber zu sein, was man wirklich von Herzen liebt und was man glaubt, zu lieben oder lieben zu müssen. Da gibt es so vieles, was nicht von Herzen kommt und einem nur aus der Gewohnheit vertraut oder erstrebenswert erscheint. Diese Verwirrung zu beseitigen, hilft ungemein, um in eine neue Zukunft zu blicken... Manchmal ist es verblüffend, zu sehen, woran ich unbewusst hänge oder was aus Umständen und Gründen vorrübergehend viel Raum im Leben eingenommen hat.
      Das ist nicht immer das, was das Herz wirklich liebt und in Zukunft leben möchte...
      Alles Liebe für dich und deinen Weg aus unwerten Abhängigkeiten <3
      Josephine

      Löschen
    2. Liebe Josephine,

      danke dir für deine positiven Wünsche für mein (für mich) so wichtiges Vorhaben!

      Ich versuche, damit etwas in die Welt zu bringen, was meinem tiefsten inneren Wesen.... meiner tiefsten inneren Vision, vielleicht meiner Lebensaufgabe.... entspricht.....

      Gleichzeitig gibt es in mir vieles, was dem erfolgreichen Gelingen im Weg steht.....

      Ich glaube, du und ich haben in sehr vielen Punkten recht ähnliche Vorgehensweisen, auch wenn wir dem sehr unterschiedliche Worte geben.

      In einem Punkt jedoch, so habe ich den Eindruck, gehen wir sehr unterschiedlich vor:

      Denn für mich gilt es stets, das Ganze zu umfassen..... also 'Alles-was-da-ist',
      das was ich mir wünsche, das was meiner Ansicht nach meiner Lebensaufgabe und Höchster Vision entspricht -
      und genauso das, was mir meiner Ansicht nach im Weg steht, meine Unzulänglichkeiten und Schwächen...., die das Ganze kläglich scheitern lassen könnten....

      Lehne ich jedoch das, was (vermeintlich) dazwischen steht ab, dann betoniere ich es genau durch diese Ablehnung fest und mache dadurch aus ein paar Holzbrettern eine Mauer mit Elektrozaun und Selbstschussanlage!
      Umfasse und umarme ich es dagegen genauso, wie das was, worauf ich mich gerne zu bewegen würde, dann lasse ich es genau dadurch frei, so dass es sich bewegen und verändern kann.

      Doch leitet sich daraus kein Rechtsanspruch am: "So, jetzt habe ich 'Ja' zu dir gesagt, und nun gehe mir aus dem Weg!".
      Es wirklich frei zu lassen - so dass es sowohl bleiben, aber auch gehen darf - ist meiner Ansicht nach die jedoch die einzige Möglichkeit, dass es sich überhaupt bewegen kann....

      Doch dies ist nur die äußerliche Wirkung.
      Jede Ablehnung macht eng, verschließt, und schränkt die Wahrnehmung ein.
      Und jede Zustimmung macht weit - öffnet...
      und ohne diese Weite und Öffnung könnte mein Vorhaben nie gelingen....

      Natürlich gibt es Augenblicke, in welchen ich mir meinen mir (vermeintlich) im Weg stehenden Unzulänglichkeiten hadere.
      Dann will auch dieses Hadern von mir umarmt werden!!!


      Ich wünsche dir, dass du einen für dich einen guten Weg findest, mit deinem Überdruss - und mit dem, was dir (vermeintlich) im Weg steht - förderlich umzugehen!!!

      Herzliche Grüße

      Tao

      Löschen
    3. Lieber Tao,

      ich stimme dir ebenfalls vollkommen zu, dass unsere Herangehensweise ähnlich ist.

      So kann ich nur bestätigen, dass ohne Zustimmung zu dem, was gerade ist - und sei es ein Hindernis - gar nichts Förderliches entsteht. Dieses Dazwischen frei zu lassen, ist in meinen Worten gleichbedeutend damit, ihm Raum zu geben, in dem es sich zeigen kann und darf.

      Dass ich meine Unruhe frei gegeben habe, hat auch erst dazu geführt, dass ich mich selbst dabei ertappt habe, wie ich mich selbst einenge. Ich enge mich ein, wenn ich mir und dem Leben Deadlines setze und sage: Habe ich bis dann mein Wunschziel nicht erreicht, bin ich eine Versagerin, zum Beispiel.

      Ich gebe den einengenden Urteilen und Werten Raum, so dass ich die Luft, die sich zwischen ihnen bewegt wieder spüren kann. Ich gebe Raum, um zu spüren, dass meine eingeengte Sicht zu stark greift und festlegt. Vielleicht existiert in diesem Raum sogar noch etwas Neues, Ungesehenes, was am Ende sogar ein Ausweg aus meiner Fixierung sein könnte.

      Mein Überdruss ist etwas, womit mein Herz auf meine Engstirnigkeit reagiert, die Ereignisse so - und nicht anders - haben zu wollen. Oder gar mir selbst meine Träume zu verwehren, nur weil ich sie anders realisieren werde, als ich mir vorgenommen habe...

      Irgendwann ist es für mich richtig, mich zu entscheiden, ob ich meine Engstirnigkeit los lassen will. Ob ich Platz machen will, für neue Sichtweisen und neue Vorgehensweisen. Für mich ist das stets auch eine Entscheidung gegen das, was nicht förderlich war, weil es mir im Herzen nicht entspricht. Das können viele Denk- und Verhaltensmuster sein, an die ich mich schon lange gewöhnt habe. Und nach der Entscheidung, das ändern zu wollen, folgt ein langes Training, die bekannten Wege bewusst NICHT mehr zu gehen.

      Es braucht das Innere Ja der Zustimmung, dass die Dinge gerade so sind, wie sie sind und die weite Sicht, ihre Ursachen und Umstände anzunehmen. Das bedeutet immer, das Hier und Jetzt zu sehen, wie es ist.

      Um Träume zu verwirklichen und das wahre Sein des Herzens und um aktiv mein Leben zu lenken und zu gestalten braucht es dann das Innere Nein. Nein sage ich zu dem, was ich transformieren möchte. Und ich sage es, wenn meine Einsicht dafür reif ist, direkt und aktiv.

      Meist entsteht das Innere Nein - und damit das Loslassen oder die Abkehr von dem, was nicht förderlich ist, auch irgendwann von allein. Das meinst du bestimmt, wenn du sagst, dass du das, was dazwischen steht, wirklich loslässt. Meiner Meinung nach hängt die Art und Weise des Loslassens ein wenig vom Temperament ab. Der eine sagt es inbrünstig und entschieden (wie ich), der andere wartet, dass sich diese Auslese von selbst aus dem Herzen entfaltet...

      Vielleicht könnte man auch sagen, die Umarmung ist die endgültige Ebene der Wirklichkeit und des Verstehens dessen, was sich ergeben hat und ergibt. Das Für und Wider abwägen und Entscheidungen treffen, wie ich persönlich meinen Weg weiter gehen will, hat mit der so genannten relativen Ebene zu tun, die mein konkretes Tun und Lassen im Alltag betrifft...

      Ich wünsche Dir einen schönen Tag, lieber Tao.

      Herzlichst
      Josephine

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Schön, dass Du mir antworten möchtest! :-)

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Die Bedeutung des Fühlens

Konsens oder das Gesetz des Stärkeren?