Im freien Fall

In den letzten zehn Jahren sind viele Ereignisse und Kenntnisse über mich hereingebrochen, mit denen ich niemals gerechnet habe. So harmlos begann ich, viele Wünsche dafür zu sprechen, dass ich das Beste aus mir heraushole, sei es an Liebe, an Fürsorge oder an anderen Fähigkeiten, die in meinem Herzen schlummerten.

Harmlos begann es, dass ich zuerst noch meinte, es sei ein Spaziergang.  Doch damals hatte ich die Gesetzmäßigkeiten noch nicht verstanden. Die Gesetze, die in der größtmöglichen Entfaltung eines jeden Potentials liegen. 

So oft es auch beschrieben wurde, in vielen Mythen und Legenden, so meinte ich, das alles wären einfach nur Geschichten. Ihr wisst schon: von der Odyssee zum Beispiel, von der Reise des Helden, bla bla. All dieser Kram, dass man - um es europäisch zu halten - einen Drachen besiegen muss, um in voller Reinheit und Größe dazustehen. Oder dass der graue Gandalf sich dem Balrog endlich stellen muss, um der weiße Gandalf zu werden!

Alles das, so dachte ich, hätte nichts mit mir zu tun. Ich dachte, es wäre leicht, mein Herz zu befreien.

Darin hatte ich mich gründlich getäuscht...


Im Jahr 2002 hatte ich mich zum Aufbruch entschlossen. In den Süden sollte es gehen. Rationale Gründe gab es dafür nicht. Ich wusste einfach, ich musste dahin. Unbedingt. Und ich folgte diesem starken Trieb meines Herzens.

In den zwei Jahren, die ich seitdem unterwegs war, hatte ich nur eines geübt: Vergiss den Kopf. Folge dem Herzen. Doch solange der Kopf nicht durch das eigene Herz geklärt ist, ist er widerspenstig. Und er schickt Impulse, die ein ungeübter Meditierender nicht vom Herzen unterscheiden kann. Entsprechend chaotisch waren meine Wege damals.

Doch ich trug vorrangig für mich allein Verantwortung. Meine Entscheidungen schadeten höchstens mir - selbst wenn mein Kopf das anders sah und sich viele Gedanken um den guten Ruf machte. Mein Herz hatte damals bereits auf Autopilot geschaltet. Die kritische Masse meiner Wunschgebete hatten diesen aktiviert. Auch wenn mein Kopf noch so rebellierte, konnte ich bereits nicht mehr anders, als den verrückten Impulsen meines Herzens zu folgen.

So schwer es war, diesen inneren Kampfplatz allein zu ertragen, so schaffte ich es doch, irgendwie durchzuhalten. Meine wahre Motivation, mein Wunsch und mein Ziel - die Befreiung meines wahren Herzens - behielt ich für mich. Ich ertrug die Schmach des kollektiven Ego, keine Erklärung über mich und meine Entscheidungen abgeben zu können. Eine Schmach, die sich in meinem eigenen Ego - meine Kopf-Votings - niederschlug. Und dieses ließ kein gutes Haar an mir.

So trug mein Herz mich, beinahe ohnmächtig, nach München. Und dort, so hoffte ich, würde es endlich, endlich Aussicht auf Besserung geben. Mein Weg, so bat ich aus der Kleinmütigkeit meines Kopfes heraus, inständig, würde endlich wieder leichter werden.

Das im Leerlauf fahrende Ego hatte ich erkannt. Wie ungütig es zu mir und meinem Herzensweg war. Wie stark es mich an kollektive Vereinbarungen und soziale Konglomerate binden wollte. Wie sehr es verabscheute, dass ich meiner eigenen Wege ging und begann, auf meine ganz eigene Art von innen heraus zu strahlen. Einfach so. Um des Lichtes willen. Um damit andere Herzen zu erreichen. Unprätentiös und ohne etwas darzustellen. Doch voller Kraft. Deshalb meinte ich, ich hätte es geschafft.

Ich hatte es nicht.

Wahre Herzensstärke wird erst dann erreicht, wenn man sich für andere hingibt. Und diese Aufgabe wartete auf mich in München.


Plötzlich geriet jemand in Not. Weil diese Person sich ebenfalls entschlossen hatte, sich aus ihrer Depression und den Selbstmordgedanken zu verabschieden. Weil sie die frische Luft genossen hatte, die ich offenbar schon damals um mich verbreitete. Tief hatte sie den Sauerstoff in sich eingesogen und die Entscheidung getroffen, es mir gleichzutun.

Sie sagte, sie hätte gehört, wie ich sie rief. Dass ich immer wieder zu ihr gesagt habe: Wir haben keine Zeit zu verlieren!

Sie fragte nicht um meine Erlaubnis.
 

Sie breitete die Flügel aus und sprang, ins Ungewisse...
 

Doch so frisch war sie aus ihrem Ei geschlüpft, dass die Federn an ihren Flügeln noch nicht stark genug gewachsen waren.
 

Sie fiel in rasender Geschwindigkeit und ungebremst dem nackten Erdboden entgegen.
 

Schneller als ich.
 

Anders als ich.
 

Schutzloser als ich.

Um meine eigenen Flügel hatte ich mir bis dahin kaum Gedanken gemacht. Wie auch, wo ich die ganze Zeit mit meinem inneren Terror beschäftigt war? So blieb ich dort wo ich saß, wie gelähmt eine Weile sitzen.

Eine endlose Schrecksekunde lang.

Mich ständig fragend, ob meine Flügel überhaupt tragfähig sind, begann mein Herz bereits an mir zu ziehen...

Das Herz ist sehr klar und erkennend. Manchmal unerbittlich klar. Mein Herz wusste, das ich die einzige bin, die annähernd erkannte, was da gerade passiert.
 

Viele andere würden es anders deuten. Und das würde für diese Person nicht in die Freiheit führen. Die Fehldeutung ihrer Situation würde zum sicheren Herztod führen. Aus der Geschichte würde sie nicht lebend herauskommen.

Mein Herz wusste das. Es zog und zerrte an mir.


Also riss ich mich aus meiner Lähmung und stürzte ihr nach, mit eng am Körper anliegenden Flügeln. Wie ein Pfeil fiel ich an ihr vorbei, breitete intuitiv die Flügel aus, um sie aufzufangen und ihren Sturz abzubremsen.

Doch so etwas hatte ich in diesem Leben noch nie getan.

Ihr Gewicht traf mich wie ein Stein und presste mir gefühlte Stunden alle Luft aus meinen Lungen und riss mich mit sich fort in die Tiefe.

Das einzige, was ich in diesem fatalen Fall wahrnahm, war eine insistierende Stimme: Du darfst sie unter keinen Umständen fallen lassen! Egal, was passiert! Du darfst sie auf keinen Fall auf der Erde aufschlagen lassen!

Dies war eine Endlosschleife in meinem Kopf. Niemals zuvor hatte ich mein Herz so deutlich zu mir sprechen hören...

Ich breitete immer wieder die Flügel aus, im Versuch, ihren Fall zu bremsen. Ich übte und übte.

Ich versuchte, Balance herzustellen, den Fall zu einem Flug zu stabilisieren, den Felsvorsprüngen auszuweichen, mit meine Krallen Angreifer abzuwehren. Solche Angreifer hatte ich noch nie gesehen. Fremdartig waren sie und kalt.

Kaltblütig.

Ich hätte bis dahin niemals für möglich gehalten, dass sie existieren.

Streckenweise dachte ich, es ist alles zu viel für mich. Doch angesichts der Situation, waren auch dies Angreifer, die mir das Bewusstsein rauben wollten.

Dann wären wir beide dem Tod geweiht gewesen. Für Selbstmitleid blieb keine Zeit. Das hätte mich nur aus meiner Konzentration gerissen.

Die auf meinem Rücken gestrandete Person lag lange Zeit im Koma. Es war ihre Art Schutzreaktion. Das, was sie erlebte, hatte sie nicht erwartet.  Da fand sie es besser, sich ganz in sich zurückzuziehen.

Ich musste sie wecken, während ich für einen sanften Flug sorgte.

Und weil sie kaum Lebenszeichen von sich gab, war ich nie sicher, ob ich sie wirklich erreichte.
Lang dauerte es, bis sie vollständig wach war. Irgendwann sah diese Person mich klaren, wachen Blickes an. Sie lächelte ein elfisches Lächeln und sagte:
"Ich habe dich immer gehört. Jedes Wort, das du zu mir gesagt hast. Jeden warmen Lichtstrahl, den du mir geschickt hast, habe ich gespürt.
Ich weiß, dass in mir etwas ist, das mich trägt. Ich habe mich nur nicht getraut, die Augen aufzumachen. Ich habe mich nicht getraut, es zuzulassen.
Was hätte ich ohne dich gemacht?"
In dem Moment landeten wir sanft auf der Erde. Jeder auf seinen eigenen Füßen. Mit eigenen, großen, ausgewachsenen, starken Flügeln. Verwandelt. Geläutert. Und bereit, diese andere Welt anzuerkennen, durch die wir unendlich lange gefallen waren. Eine Welt voller Fabelwesen. Jeden Zentimeter angefüllt mit bisher unbekannten Energien und Mächten.

Jahre waren inzwischen vergangen.

Dennoch erschien mir alles wie im Zeitraffer geschehen.
Und ich? Was hätte ich ohne sie gemacht?
An diesem freien Fall bin auch ich gewachsen. Weit über die Grenzen meines beschränkten Verstandes hinaus. Und in Tiefen des Herzens, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte.

Wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich vielleicht niemals zugelassen, dies alles zu erleben und als wahr anzuerkennen.

Ja - wenn es mir allein geschehen wäre, hätte ich es ganz sicher abgelehnt, es für wahr zu halten.

Ich hätte rational entschieden, dass dies alles Humbug ist und ich mich in allem geirrt habe.

Ich hätte meinen Aufbruch bereut.

Ich hätte viel zu früh aufgegeben.

Ich hätte ein halbherziges Leben akzeptiert.

Ich hätte mich nicht getraut, mein Licht in voller Kraft freizugeben.

Ich hätte nicht die Frequenz der Liebe in mir und meinen Flügeln erzeugt, in Zeiten, wo alles dunkel und aussichtslos schien.

Unerbittlich real war diese Dunkelheit. So undurchdringlich. So toxisch. Und ich hätte früher oder später der Vergiftung durch Finsternis zugestimmt - und damit dem Tod meines Herzens.

Den Tod zu akzeptieren - egal welche Art Tod - ist grausam.
Es ist die raffinierteste Strategie des Ego, dazu gedacht, dich ewig in der Sklaverei zu halten.


Diesen freien Fall ins Herz als Tod, nicht aber als mächtigen Übergang zur Freiheit zu verstehen, hätte mich zu einer lebenden Toten werden lassen.

So, wie viele andere auf dieser Erde, wäre ich eine wandelnde Leiche geworden. Mit leerem Blick eine leeres Leben voll leerer Rituale führend.

Niemals wäre ich über mich selbst hinaus gewachsen.

Niemals hätte ich die Kraft mein wahres Ich gespürt.


Und niemals hätte ich verinnerlicht, dass ausnahmslos jedes Wesen es verdient hat, sicher im eigenen Herzen zu landen, wenn es fällt.

Jeder von uns kann dafür sorgen.





Kommentare

  1. Siehst Du, so ist es wohl immer eine Geben und Nehmen, auch wenn der Andere der scheinbar Schwächere ist. Das sollte man nie vergessen, dass jede Begegnung einem das eigene Maß zeigt und einen auch über sich hinausführen kann.

    Liebe Grüße
    Anke

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    1. Recht hast du, liebe Anke.

      Ich formuliere es noch einmal anders: Jede Begegnung zwischen zwei Herzen hat das Potential, einem zu zeigen, wie sehr man sich über sich selbst geirrt hat.

      Wenn einem der geeignete Spiegel fehlt, der fähig ist, das eigene, innere Potential sichtbar zu machen, versteht man sein Herz oft falsch. Ich selbst habe mich deswegen mein Leben lang klein gemacht. Dennoch hat mein Herz mich in diese Situation geführt, für die ich mich zu klein gefühlt habe, um diesen Irrtum endlich auszuräumen.

      Es war hart, aber gerade dadurch war es der schnellste Weg, mich in die Klarheit meines Herzens zu führen und alle zu engen Banden um mein Herz zu sprengen.

      Letztlich bin ich trotz aller Schwierigkeiten immer dieser Überzeugung gefolgt: "An großen Hindernissen entfaltet sich auch große Kraft". Oder, anders gesagt: "Die wahre, potentielle Größe und Wärme deines Herzens kündigt sich in den Barrieren an, die du brechen musst, um dein Herz zu befreien." Darauf habe ich immer vertraut, selbst wenn ich streckenweise lamentiert habe.

      Jede Begegnung, selbst wenn sie von Hindernissen und Schwierigkeiten zu strotzen scheint, als Tür in die Freiheit beider involvierter Herzen zu sehen - und somit als Geschenk und Gnade - ist mir seitdem sehr wichtig.

      Und ich werde stets nicht weniger als ALLES in solche Begegnungen der Herzen geben, was ich habe.

      Herzliche Grüße für Dich,
      Josephine



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