Im Auge des Hurricanes

Mein Herz, wenn ich dir sage, dass alles gut ist - obwohl es zerbricht: Glaubst du mir dann? Ich sehe die Angst in deinen Augen flattern, während ich dich das frage.
 

Wir treffen uns hier, in unseren Ängsten: Ich ängstige mich, dass du nicht genug vertraust, um dem, was kommt, offen zu begegnen. Und du hast Angst, geschehen zu lassen, was geschehen will.
 

Indem ich mich dir zuwende, will ich vertrauen: In dich, in die Kraft deines Herzens und das Versprechen, das darin beschlossen liegt. Jenes Ehrenwort, dem ich heute nur Worte und Stimme gebe. Das du dir selbst gegeben hast. Vor Urzeiten schon.

Vielleicht ergreifst auch du den Anker des Vertrauens und hakst ihn fest, im Auge des Hurricanes. Denn dort, in der Mitte unserer Herzen, bleiben wir frei von Angst und haben Zugang, zu allem: dem Neuen, dem Guten, dem Wahren.

Bemerkst du die Stille, die dort herrscht? Oder hörst du noch deinen Ängsten zu?

Du spürst irgendwann dein Herz. Es sagt: Alles muss zerbrechen, weil du sonst weiter ein inkonsequentes Leben führen würdest.
 

Ein Leben, das dir schadet. Ein Leben, das dich subtil und von anderen unbemerkt, nach und nach, von innen heraus zerfrisst.
 

Und so konsequent bist du, zu wissen, dass aus Unheilsamem, das du dir selbst zufügst, nichts Heilsames entsteht.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, im vertrauten Elend auszuharren. In diesem Leben wird es immer ein Elend geben, dem wir nicht ausweichen können. Das irgendwann so nah an uns heranrückt, dass uns die Luft zum Atmen fehlt. Von dem man sich, wie von unsichtbaren Mauern, eingekerkert fühlt. Mauern, hinter denen einen niemand schreien hört.
 

Die Wahrheit zu akzeptieren, dass es immer wieder ein Elend geben wird, bedeutet nicht, auf ewig in einem viel zu lange dauernden Elend bleiben zu müssen.

In mir ist noch Leben, solang ich etwas ändern kann. Solange ich die Wahrheit in mir durch alle Hindernisse hindurch gedeihen lassen kann. So lang die Wirklichkeit mich auffordert, für sie zu kämpfen und einzustehen. Bisweilen kriegerisch, mit hauchdünner Schärfe. Häufiger durch simples Verweilen im Gegenteil.

Ich weiß, dass ich dir in Wahrheit nichts Neues erzähle. Das erleichtert einiges. Ich fühle mich dir ebenbürtig und irgendwie vertraut. Ich kann dir direkt in die Augen schauen. Deswegen kann ich das, was ich hier an dich herantrage, mit einem entspannten Lächeln sagen. Sanft - nicht insistierend.

Dennoch gibt es Gründe, mit Bedacht zu handeln. Die Hindernisse, die schon immer unseren Pfad nicht nur säumten, sondern per se unser Pfad waren, haben sich verändert. In diesen Zeiten gibt es den direkt sichtbaren und zu zähmenden Gegner nicht. Auch nicht dieses Heer, gegen das du einst angetreten bist, um mich zu beschützen.

Die gute Nachricht ist: Indem wir dies akzeptieren, sind wir dem zu Bezwingendem näher, als je zuvor. Die schlechte Nachricht: Auf nichts und niemanden ist durch bloße Inaugenscheinnahme mehr Verlass. Es ist notwendig, viel tiefer zu gehen, um die Basis zu erkennen. So leicht, wie früher, fällt einem das nicht mehr zu.

Da kommt dir womöglich jemand mit einem Lächeln und einem verlockenden Angebot entgegen. Und im ersten Moment findest du alles in Ordnung - wenn nur diese grauen Schatten nicht wären, die da kaum wahrnehmbar über das Gesicht des Gegenübers huschen. Wenn nur nicht dein Herz genau wüsste, dass da keine Wärme ist...

Mein Herz, ich bitte dich, mir zu verzeihen, wenn ich offen sage, dass ich auf dich nicht verzichten will. Ich brauche dich und deine Stärke, im Geiste Schlachten zu schlagen. Für das, was wir lieben und gegen das, was die Herzen von uns allen vergiftet. 

Und was es uns schwer macht, die Zerstörung als Vorbote des notwendig Neuen zu verstehen, ist Folgendes: Wir wollen dieses Gift nicht - und schon gar nicht in jenen, die geboren wurden, das Wertvollste in diesem Universum zu bewahren: Das Wissen vom Heilen.

Und einer davon bist du.

Es gäbe viele gute Gründe, am Ort der Zerstörung, des Todes und der Verwesung zu verharren. Das eigene, gebrochene Herz, zum Beispiel. Die eigene Betroffenheit, nicht jederzeit beschützen zu können, was man liebt. Die eigene Trauer und das Meditieren über den Verlust. Vermutlich auch nur diese Zeitspanne lang, die es braucht, die volle Wahrheit über die eigene Situation in alle Zellen sinken zu lassen.

Dabei übersiehst du unter Umständen, dass du die ganze Zeit auf kontaminierter Erde sitzt. Das Gift im Boden kann weiter schleichend von dir Besitz ergreifen und sich zu einem machtvollen Cocktail schlagender Verbindungen zusammenrotten.
 

Eine neue Illusion kann ihr mächtiges Haupt daraus erheben und deinen Geist lähmen. Die Selbsttäuschung, dass es einen Tod wirklich gäbe. Doch du weißt, wer der Überwinder des Herrn des Todes ist. Und er lehrt, dass der Tod Herr über alle erstarrten Strukturen und leer drehenden Denkweisen ist. Und sie zu überwinden, bedeutet, den Tod zu besiegen.

Der Überwinder des Herrn des Todes kommt, wenn wir uns ihm öffnen und anvertrauen. Und mit einem Schlag wird er alle falschen Denkweisen in uns erlösen. Das ist sein größter Segen. Schonungslos nimmt er alles fort, von dem wir uns aus Angst, Scham und Schuld nicht selbst befreien können. An das wir uns klammern, weil wir nicht sehen, wie giftig es ist.

Ich bitte dich, sei konsequent und denke die Sachlage zu Ende: Wenn du jetzt den Friedhof noch deutlicher siehst, auf dem du vegetierst, dann sollte er real sein. Du hast dir lange genug eingeredet, dass dem nicht so ist. Du hast alles Mögliche ausprobiert, um dieser Einsicht deines Herzens einen anderen Anstrich zu geben. Doch wenn dieses Bild jetzt klarer ist, als je zuvor, dann ist es wahr. 

Unabhängig davon, wie viele andere diesem Bild zustimmen würden, ist es deine Wahrheit.

Und wenn es Wahrheit ist und du sie siehst, dann folge dem, was du schon immer tun wolltest. Erhebe dich aus den Trümmern deines Lebens und beginne es neu.


Du hast ein Anrecht darauf, deinen eigenen Weg zu gehen - voll und ganz den eigenen.

Sich leer zu fühlen, gehört dazu. Nicht zu wissen, wohin und was als Nächstes zu tun ist, ebenfalls. Das ist eine natürliche, gesunde, erste Reaktion.

Doch im Herzen, dem Auge des Hurricanes, wirst du Ideen, Anzeichen und Empfehlungen für den nächsten Schritt finden. Und wenn du diesen einen, ersten Schritt tust, lichten sich die Nebel ein wenig und du siehst die nächste Option, sicheren Fußes weiter auf der Erde zu wandeln.

Ich wünsche dir diese Freiheit von ganzem Herzen.
 

Und deshalb wird sie wahr werden.




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