Die wahre Beendigung des Leids

Etliche Jahre meines Lebens verbrachte ich damit, mir Vorwürfe zu machen, weil ich insgeheim um etwas trauere. Ich meinte, das sei nicht normal. Und ich müsste so sein, wie andere, wenn etwas Rechtes aus mir werden sollte. 

Ich konnte mir nicht erklären, warum ich unter gewissen Umständen mich so schrecklich zu fühlen begann, dass ich weinen musste. Und weil ich es mir nicht erklären konnte, woher diese Trauer und dieser Kummer so plötzlich gekrochen kam, ließ ich es vor mir nicht gelten und zensierte mich dafür. 

Dies aufgegeben zu haben und stattdessen zu ergründen, was mich innerlich so traurig macht, war mein erster bewusster Schritt zum Beenden meines Leids.

Als Kind hatte ich schon immer ein sonniges Gemüt. Ich plapperte, sang und lachte fröhlich vor mich hin - und das den ganzen Tag. Und noch heute lache ich viel, wenn es möglich ist.

Doch ebenso entdeckte ich als Kind auch diese andere Seite: Im Stillen und für mich habe ich viel geweint.

Manchmal sank ich tief in mir hinab, in ein sehr dunkles, grauenvolles Zimmer. Dort war ich vollkommen allein und auf mich gestellt. Und ich wurde gequält. Ich weinte und weinte um Verlorenes, doch wusste ich nicht einmal, was verloren war.

Da wohnte eine leichtfüßige, vertrauensvolle, fürsorgliche, leistungsfähige, verlässliche und zuversichtliche Josephine in mir. Ebenso wie ein tieftrauriges, gepeinigtes, panisches, überfordertes, des Lebens überdrüssiges, hoffnungsloses und verlassenes Etwas. Beide existierten zusammen. Und doch irgendwie getrennt.   

Über viele Jahre war ich instinktiv bemüht, mich nur auf diesen ersten Aspekt zu fokussieren. Denn dieser war und ist lebensfähig. Der andere nicht. Doch ganz ausschalten konnte ich den leidenden Anteil von mir nicht. Meist forderte er irgendwann seine Aufmerksamkeit - und meistens dann, wenn ich ihn am wenigsten haben wollte.

Mir wurde zunehmend bewusst, dass an diesem Zwiespalt etwas unnatürlich war. Ich hatte immer deutlicher den Verdacht, dass hier etwas mit mir nicht stimmt. Dies war auch einer der Gründe, warum ich begann, mich mit meiner Psyche und meinem Geist zu beschäftigen. Ich begann zu meditieren und den Dharma zu studieren, weil ich spürte, dass irgendetwas in mir nicht harmonisch war. Dieses Unharmonische wollte ich unter allen Umständen ergründen, verstehen und befrieden.

Wachsam begann ich mich selbst zu erforschen - und tue dies jetzt ganz bewusst seit 17 Jahren. Eine lange Reise führte mich in konzentrischen Kreisen tiefer und tiefer in die Beschaffenheit meines Wesens hinab und systematisch durch die Ereignisse meines Lebens. Unter allen Umständen wollte ich die Wurzel dieses Schrecklichen ergründen, was mich psychisch noch immer bannt und mir merkwürdige Denk- und Verhaltensmuster aufzwingt.

Vor etwas mehr als einem Jahr war es, als ich begriff, dass ich die Wurzel dafür in diesem Leben nicht finden würde. Damals wurde mir die Gnade zuteil, zu verstehen, dass mancher Schmerz mit in ein nächstes Leben geboren wird, ohne geheilt und verstanden worden zu sein. Mein Trauma wurzelt nicht in diesem Leben.

Dass ich dies erblicken durfte, ist wirklich eine Gnade - ein Akt höchster Güte, für den ich zutiefst dankbar bin. Zugleich bedeutet diese Güte, die mir die Wesen meines Vertrauens erwiesen haben, dass der Arbeit noch nicht genug getan ist.

Die Heilung dauert so lange, bis alle Irrtümer befreit sind. Egal, in welchem Leben auch immer sie gesammelt wurden.

Ich weiß, dass mein Herz erfüllendes Glück für mich nur möglich ist, sofern ich diesen erlittenen Schock geheilt habe. Und daher gilt es, tiefer und weiter zu verstehen. Und mit dem Verstehen anzunehmen, was unerledigt geblieben ist. Und alles das, was in uns noch nicht heil ist, ist unerledigt. Alles dieses Unerledigte fordert viel Aufmerksamkeit und Unmengen an Geduld.

Unvermittelt tauchte bewusst etwas in mir auf, was mein Geisteskontinuum - und mit ihm meinen so genannten Energiekörper - in eine andere geistige Realität bindet. Obwohl diese andere Realität zeitlich schon lange vergangen ist, ist etwas stecken geblieben. Etwas in mir ist dort geblieben. Und für diesen Aspekt von mir ist diese schreckliche Vergangenheit emotional immer noch Gegenwart. Diesen Anteil muss ich zu mir zurückführen, will ich wirklich heilen und mich befreien.

Ich schildere alles dies für diejenigen von Euch, denen es schwer fällt, das Hier und Jetzt wahrzunehmen und hier anzukommen. Die manchmal abdriften und sich davon machen, weg von dieser Realität. Die, obwohl die Sonne scheint und keine Aufgaben anstehen, in ihrem Körper- und Geistgefüge Angst, Sorgen und Schrecken fühlen. Ich schreibe dies für alle diejenigen, die sich zwingen wollen, stattdessen im Hier und Jetzt zu sein.

Im Hier und Jetzt zu sein, ist nicht real und nicht authentisch, wenn ein Anteil meines Geistes oder der Psyche irgendwo dort, im Schrecken der Vergangenheit erstarrt und gefangen ist. 

Gütig ist es, zur Zeit und Ort des Schreckens zurückzukehren, um jenen, abgespaltenen Teil von mir nachzuholen und in mein eigenes Herz zu befreien.

Das, so sage und weiß ich aus tiefsten Herzensgrund, ist der Weg zur Befreiung. Ich gehe ihn. Jeden Tag hole ich ein Stück Schmerz - und damit ein Stück meiner Seele - in mein alles umarmendes Herz zurück. 

Und ich verinnerliche gerade, mich nicht dafür zu schelten, dass ich die Freude und Leichtigkeit des Hier und Jetzt nicht genießen kann, solange ein Teil meines Geistes in einer emotionalen Zeitschleife gefangen ist.

Richtig ist es, ihn dort, im Dunkel, im Schrecken, im Momenten größten Verlusts aufzusuchen und abzuholen. Ihn sachte darauf hinzuweisen, dass es möglich ist, diese schädliche Realität loszulassen. In meinen Augen ist das die einzig wahre (Dharma-)Praxis.
In jedem wachen Moment spüre ich, wie der traumatisierte Aspekt emotional noch immer die Vergangenheit erleidet, doch zugleich nehme ich das Diesseits war. Ich bin körperlich anwesend, in dieser Zeit, in dieser Realität, in diesem Leben - und zugleich sortiere ich die Bilder, die aus der anderen Realität zu mir durchdringen, nicht aus. Und auch nicht den Schmerz, den dieser verlorene Anteil von mir in dieser anderen Dimension zeitgleich widerfährt. Ich ruhe mit meiner Aufmerksamkeit, so gut ich kann, auf beidem. Und durch diese bessere und sicherere Referenz, die mein körperliches Hiersein mir gewährt, kann ich den emotionalen Schmerz geduldig in mir verebben lassen.
In jedem Augenblick, wo ich mir des Verebbens einer Sekunde dieser emotionalen Zeitschleife vergegenwärtige, bin ich mir bewusst, dass eine Sekunde des vergangenen Leids endet. Das ist die wahre Beendigung des Leids.

Das ist die Praxis, die ich zur Zeit übe. Und sie ist nichts Theoretisches, sondern unmittelbar an mein emotionales, psychisches, mentales Erleben und bewusstes Erinnern meines ganz persönlichen Leids gekoppelt. Das Damals und das Jetzt findet eine zeitlang simultan statt. Und zwar so lange, bis der Schmerz vollkommen zur Ruhe gekommen ist und die darin stagnierten und gebundenen Energien sich gelöst haben. Und das Auflösen dieser Energieknoten hat Auswirkungen auf Körper und Geist. Dieser Prozess fordert viel Energie und zeitigt psychosomatische Wirkungen.   

Diesen Prozess zu bejahen und gewähren zu lassen, ist sowohl die wahre Beendigung des Leids, als auch das Mittel zur wahren Beendigung des Leids. 

Und ohne durch dieses Erleben, Erdulden, erneutes Erleiden und bewusstes Loslassen zu gehen, wird weder Heilung noch Glück möglich sein. Nur so kann ich mir sicher sein, dass die Vergangenheit wahrhaft Frieden findet.

Für mich ist daher mein Weg im Dharma keine Religion, sondern persönliche Heilung. Und wirklich erwacht ist der, in dem es keinen Schmerz mehr zu heilen gibt.

Nicht erwacht ist jedoch derjenige, der seinen Schmerz nur gut verdrängt oder abgespalten hat. Der sein unverarbeitetes Leid in einer weit abgelegenen Kammer seines Geistes weggeschlossen hat. So jemand macht auf uns lediglich einen fälschlich guten Eindruck.

Mögest du dich nicht dafür schämen, dass du dich in Heilung befindest und dich manchmal des an die Oberfläche tretenden Schmerzes nicht erwehren kannst. Mögest du Fürsorge finden, wenn Du Dich fühlst, als würde dir die Haut abgezogen. Und mögest du Schutz finden, solange du dich selbst nicht schützen kannst.

Mögen wir alle rasch in uns und mit uns selbst eins werden und von allen psychischen Schmerzen befreit sein. Und mögen wir dann unsere Erfahrungen des Heilwerdens weitergeben und allen fühlenden Wesen helfen, sich ebenfalls vom empfundenen Leid des Schmerzes, des Kummers und Verlustes zu befreien. 


So sei es.

Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    meine Erfahrung nach ist das "Ganz da sein" oder das "im Hier und Jetzt sein" der Dreh- und Angelpunkt für alles.
    Gerade dann, wenn ich einem in der Vergangenheit abgespaltenen, eingefrorenen, leitenden Teil helfen will, dann kann ich das nur, wenn ich möglichst gut "Da" und im "Hier und Jetzt" bin.

    Wenn ich selbst im Innerlichen Erwachsenen bleibe - oder sogar noch einen Schritt zurücktretend in den Inneren Beobachter gehe - dann kann ich dem notleitenden Teil von mir gegenübertreten, dann kann ich ihn ganz anschauen, so wie er wirklich ist..... mit Mitgefühl..... ihm die Hand reichend..... aber nicht in die Identifikation gehend.... sondern möglichst als erwachsenes Gegenüber präsent bleibend....

    Und ich kann ihm dann die wichtige Information geben, dass das was damals war nun vorbei ist..... und ich als erwachsene Person heute hier mein Leben leben kann!

    Und vielleicht(!) kann ich ihn sogar nach und nach in mein Herz nehmen - integrieren.....
    Aber das bedeutet nicht, dass ich mich mit ihm identifiziere.... also mich quasi innerlich in ihn verwandle - sondern dass ich weiterhin Präsent bin.... die Erwachsene Person bin..... und ihn in mich integriere, ihn in mein Herz aufnehme.

    Mir hat dieses Vorgehen jedenfalls sehr geholfen... und dieses Jahr im Mai konnte ich bei einem Seminar mit diesem Weg ein wirklich schwer traumatisierten Teil von mir..... zumindest etwas abholen.... und integrieren.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

    Tao

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    1. Lieber Tao
      da stimme ich dir vollkommen zu:

      Das Geerdetsein im Hier und Jetzt ermöglicht, den leidenden Teil zu integrieren. In dem Moment, wo ich akzeptiere, dass dieser andere Teil da ist - und zwar hier und jetzt - bin ich ganz da. Ich stelle mich der Realität, wie sie ist und schließe diesen Anteil nicht aus. Seine Präsenz und sein Leiden ist Teil meines inneren Hier und Jetzt.

      Manchmal beobachtete ich an mir - und an anderen, dass ich mein Hier und Jetzt missverstehe, indem ich diese Gefühle und auftauchende Erinnerungen ablehne, als vergangen und NICHT Hier und Jetzt. Das führt zu Verdrängung und dass dieser traumatisierte Anteil nicht heilen kann.

      Hier und Jetzt in diesem (Miss-)Verständnis bedeutet dann, sich nur auf die äußere Realität fokussieren zu wollen, wie zum Beispiel fabelhaftes Sommerwetter, Zusammensein mit Freunden, um sich durch diese äußere Realität von der inneren abzulenken. Das hat oft zur Folge, dass man in anderen Situationen, wo die äußere Ablenkung fehlt, wegdriftet und von diesem anderen Anteil nahezu in Besitz genommen und überwältigt wird - denn er drängt auf Heilung.

      Vielleicht neigt man dann dazu, sich absolut mit diesem Anteil zu identifizieren und somit die Bodenhaftung zu verlieren und vollständig in dessen andere Realität wegzutauchen.

      Wenn ich das Hineinklingen des verletzten Anteils, des schockierten und eingefrorenen Anteils in mir erlaube, weil ich um seine Existenz weiß, die Ursache seines Leidens und auch seine Bedürfnisse kenne, ist das bereits ein Akt der Liebe und des Mitgefühls. Und in diesem Moment umarmt ihn schon mein Herz.

      Ich akzeptiere, dass er Hier und Jetzt da ist, wie ein Doppel oder ein Schatten von mir. Ich bleibe im Inneren Spüren, was er braucht und widme mich trotzdem meinem Alltag. Und manchmal lasse ich auch zu, dass er etwas mehr Oberfläche gewinnt, dass er sich stärker äußern und sich mir zeigen kann, um ihn noch besser zu verstehen und noch herzlicher zu umarmen.

      Durch meine Übungen in Meditation und relative Abgeschiedenheit ist es mir möglich, dies wirklich in meinen Alltag zu integrieren und so jeden Tag ein Stück dieses Anteils zu mir zurückzunehmen.

      Ich empfinde das oft anstrengend und energieraubend - aber das Gefühl der Erleichterung im Herzen, wenn diese geschockte Anteil sich zu entspannen und aufzuatmen beginnt, wiegt letzten Endes alles auf!

      Herzliche Grüße und auch Dir ein schönes Wochenende!
      Josephine

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