Spiritueller Snobismus

Manchmal sehne ich mich nach den ganz normalen und einfachen Menschen. Die nicht Spiritualität und Glauben vor sich her tragen, wie eine Fahne. Die bereit sind, ihrer undogmatischen, natürlichen Menschlichkeit zu folgen und das gesunde Bedürfnis haben, das Gute, das ihnen widerfährt, an andere zurückzugeben.

Manchmal verursacht mir zuviel verbalisierte Spiritualität und geäußerter Glauben Übelkeit. Insbesondere dann, wenn die gewählten Worte den Eindruck vermitteln, dass die eigenen, spirituellen Überzeugungen die einzig seelig machenden wären. Und wenn sie zwischen den Zeilen behaupten, dass einzig durch Spiritualität und Glauben der Mensch erst gut werden kann.

Ich weiß nicht, ob es damit nur mir so geht, aber letztlich empfinde ich eine solche Haltung als neu erschaffene Täuschung, die das Herz in seiner ursprünglichen Reinheit und Wahrheit verhüllt. Wieder erzeugt diese geistige Haltung den Eindruck, dass ich meine Menschlichkeit erst erlernen und dann unter Beweis stellen muss. Wieder geht es hier um eine Rechtfertigung für die soziale Gültigkeit des eigenen Daseins.

Besonders unangenehm ist mir, wenn diese Überzeugung, das einzig seelig Machende für sich gefunden und an andere missionierend weiter geben zu wollen, mit einer gewissen Haltung der Überlegenheit zelebriert wird. Und leider, so meine Beobachtung, ist das in vielen Gruppen schnell der Fall.

Dieser Snobismus, mit den da an scheinbar Hilfsbedürftige herangetreten wird, ist für mich nicht im Sinne dessen, was Spiritualität eigentlich meint. Doch schnell gerät dies aus dem eigenen Fokus, wenn doch in der eigenen Gruppe immer wieder gelehrt und propagiert wird, den einzig richtigen Weg gefunden zu haben.

Fanatismus und Engherzigkeit sind hier nicht weit entfernt. Und auf meinen Streifzügen durch das Internet oder beim Hören von Vorträgen bin ich daher dankbar für die wenigen Lehrer, die immer wieder betonen, dass es viele Wege gibt, zum Erwachen.

Wenn doch Erwachen nicht mehr und nicht weniger ist, als die dem Herzen innewohnende Kraft vollständig zu entfalten - warum sollten dies nicht auch Menschen schaffen, die ganz und gar nicht "spirituell" sind? Warum sollten sie nicht durch die Lektionen, die ihnen das Leben erteilte, über ihre innere Wahrheit erfahren und nach und nach ihr gemäß zu handeln verstehen? Warum sollten sie nicht unendlich viel Gutes wirken, ohne dass da jemand wäre, der dafür Kategorien und Begriffe hätte? Und wieso sollten sie nicht die Sprache des Herzens verstehen?

Manchmal, manchmal bin ich sogar versucht, zu glauben, dass Menschen, die keine spirituellen Kategorien und Begriffe in den Mittelpunkt ihres Lebens und Erlebens stellen, viel näher am Herzen sind. Näher, als wir, die wir in einem Konstrukt spiritueller Erklärungen und Rituale leben und vor lauter Strukturiertheit unfähig sind, spontan aus dem Herzen zu handeln.

Gerade an Menschen, die schwere Schicksalsschläge erlebt haben, kann ich manchmal beobachten, wie elementar menschlich sie sind. Und wie dankbar und demütig sie dem Leben und der Hilfe, die sie erfahren haben, gegenüberstehen. Von ihnen mag ich manchmal lernen. Ihnen mag ich lauschen. In dem Moment, wo ich verstehe, wie sie stark aus dem Herzen handeln, mag ich einfach nur schweigen und sie still bewundern.
 

Vergessen wir nicht allzu oft, am unmittelbaren Leben dran zu sein? Das, so glaube ich, bedeutet letztlich, in der Gegenwart zu leben. Ich denke von mir, dass ich darin nicht besonders gut bin. Oft drifte ich ab und weg, von hier, vom Jetzt, ergehe mich im Wunschdenken und hege Hoffnungen und Wünsche.

Doch stärker wird die Sehnsucht, ganz nah am Leben dran zu sein und an den blühenden Herzen der Menschen. Ohne etwas besser zu wissen, als sie. Oder jederzeit einen passenden spirtuellen Spruch auf den Lippen zu führen. Lieber mag ich schweigend teilhaben, wenn sie von ihren einfachen, täglichen guten Taten erzählen, die sie als solche nicht einmal registrieren oder benennen, weil ihnen diese Menschlichkeit selbstverständlich scheint.

Wer sind wir denn, als Spirituelle oder Buddhisten, dass wir uns hinstellen und ihnen den Unterschied zwischen gut und schlecht predigen? Ist nicht auch in ihren Herzen die Wahrheit schon immer daheim? Und gibt das Leben selbst nicht auch ihnen die Chance, sie Tag für Tag ein wenig zu enthüllen?
 

Vielleicht ist es eine Universalie, dass aus systematisierten, strukturierten, archivierten und dokumentierten Religionen und spirituellen Richtungen irgendwann Dogmen entstehen. Und mit den Dogmen Fanatismus und Überheblichkeit.

Für mich gibt es daher keinen anderen Weg, als loszulassen, sobald ich merke, dass ich mich von der Einfachheit meines Herzens entferne. Dass ich beginne, einem Gruppenbewusstsein zuliebe mich für etwas Besseres zu halten, als den Mitmenschen von nebenan, der tapfer versucht, mit den Schicksalsschlägen seines Lebens verantwortungsvoll umzugehen. Dass ich denke, nur weil ich diesem oder jenem Lehrer folge und alles tue, was er empfiehlt, schneller und erwachter zu sein, als dieser Mitmensch.

Ich wünsche mich stark zu Einfachheit und Demut zurück. Und bin zutiefst überzeugt, dass keine "Religion" oder "spirituelle Richtung" mich jemals erlösen wird. Und auch kein Buddha. Irgendwann wird es Zeit, sich dessen zu erinnern, was wir alle gemeinsam im Herzen tragen. Und diesen universalen Konsens zu spüren, zu verstehen und ihm gemäß zu handeln, wird mich endgültig befreien.

Ich hoffe sehr, dass ich zum rechten Moment bereit sein werde, aus dem Boot, was mich ans andere Ufer gebracht hat, auszusteigen. Und nicht versucht sein werde, dieses entweder gar nicht erst zu verlassen, weil ich übersehe, dass das andere Ufer vor mir liegt. Oder dass ich es gar versucht bin, über Land weiter hinter mir herzuschleifen und weiter und weiter am Boot zu haften und zu verkennen, dass der Zweck meiner inneren Reise erfüllt ist.

Ich ersehne mir stark, jegliche Form des spirituellen Snobismus an der Wurzel ausmerzen zu können, um das Subjekt meiner Aufmerksamkeit - die fühlenden Wesen - neben mir nicht zu übersehen.

Möge ich erkennen, wann ich angekommen bin. 


Möge ich dann in der Einfachheit und Bescheidenheit meines wahren Herzens leben.

Und möge ich auf dem Weg dahin, diese unscheinbaren Menschen, die ihr Herz bereits wortlos verstehen und ihm treu sind, als meine gütigen Lehrer erkennen.




Kommentare

  1. Ich habe heute morgen den nachfolgenden Text einer christlichen Mytikerin gelesen und finde nun den deinen, und beide klingen für mich so ähnlich, als wäre es derselbe Wind, der mit den Saiten spielt.
    Danke, dass du dein Ringen immer wieder teilst.
    Gabriela

    Theresa von Avila

    Oh Herz, du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde. Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten Anderer ordnen zu wollen. Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein. Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht ständig weiterzugeben – aber du verstehst, Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.
    Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen. Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr. Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Leidensberichte anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen. Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann. Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte keine Heilige sein – mit ihnen lebt es sich so schwer -, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels. Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, es ihnen auch zu sagen.

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    1. Liebe Gabriela,

      ja, es ist wohl der selbe Wind... Und seit 500 Jahren noch der gleiche...So spüre ich es auch.

      In den Worten Theresa von Avilas finde ich mich wieder, in meinem derzeitigen Empfinden. Kostbar, dass Du das Gebet mit mir geteilt hast. Es liegt nun wie kühle, erikafarbene Seide auf meiner Haut... und ich bin dankbar.

      Herzliche Grüße
      Josephine

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    2. Hallo Gabriele, ja der Text gefällt mir.Allerdings habe ich für mich das Wort "Herr" durch "Herz" ersetzen müssen.

      Lieben Gruß
      Jetzt-leben-und-lieben

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  2. Wie treffend und warmherzig! Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin fast sprachlos und möchte Dir nur mitteilen, dass ich Deinen Text gelesen habe und ihn als einen der bewegendsten bisher betrachte.
    Ganz liebe Grüße!
    Anke

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    1. Liebe Anke,
      danke für dein Feedback.
      Ich freue mich, dass mein Herz nicht nur für mich spricht, sondern mit deinem in Resonanz gehen darf.
      Herzliche Grüße
      Josephine

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  3. Hallo dharmadhatu,
    dieser Artikel ist wie ein Spiegel. Einerseits spiegelt er mir mein eigenes Verhalten,
    andererseits sehr viel von dem, was sich in den letzten Jahren in meiner Haltung entwickelt hat.

    "Oder jederzeit einen passenden spirtuellen Spruch auf den Lippen zu führen."
    Ich habe in letzter Zeit die Erfahrung gemacht, dass genau das als Ausweich-
    und Abwehr-Werkzeug (wie ein Killerargument) benutzt werden kann.
    Diese Sprüche sind sicher sehr weise und zutreffend. Fast Jeder kann zustimmend nicken.
    Und damit hat man seine Pflicht erfüllt und kann sich auf dieser Weisheit ausruhen.
    Wo ist da der Unterschied zu den (üblichen) Religionen ?
    Beten, spenden (oder Steuern zahlen) und das Leben geht ungestört weiter...

    Was mir dazu noch in den Sinn kommt :
    Meines Erachtens braucht Spiritualität die Füße auf dem Boden, genau hier und jetzt. Meditation, in seiner Mitte "sein" (!). Brauche ich dazu ein Kissen ?
    Und wenn ich aufstehe ? Wo ist dann meine Mitte ? Nehme ich sie mit ?

    Lieben Gruß und Danke für den Artikel
    Jetzt-leben-und-lieben

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    1. Hallo Jetzt-leben-und-lieben,

      danke für dein Feedback.

      Ich stimme dir zu: Spiritualität ist eine bestimmte innere Haltung, eine Art und Weise des Lebens und Erfahrens - die täglich auch mit beiden Beinen beschritten und ausgemessen werden will.

      In meinem Erleben - im Job und im Alltag - ist ein zwischenzeitliches Sitzen notwendig, um den eigenen Standort zu erspüren. Irgendwann werde ich von dort wieder aufstehen und einmal mehr bewusst den nächsten Schritt auf der Erde tun. :-)

      Wie viel davon jeder braucht - das ist ganz individuell und durchaus auch von Menschentyp zu Menschentyp verschieden.

      Ich zum Beispiel kommuniziere in meiner Arbeit täglich mit vielen Leuten und manches Mal beuge ich mich dabei deutlich zum anderen hin, manches mal mich aus meiner Mitte noch verlierend. Und daher genieße ich in der Freizeit durchaus die meditative und introvertierte Stille. Ich leere mich aus, von den vielen Eindrücken und schnelllebigen, überbordenden Informationen des Tages und kehre ganz in mich selbst zurück. Und manchmal, manchmal schreibe ich, vom Kissen aufstehend, auch Blog. :-)

      Herzliche Grüße an dich
      Josephine

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    2. Danke Josephine,
      es stimmt ganz sicher, dass die Art und Weise, Kraft zu schöpfen und/oder in die Mitte zu kommen, völlig individuell ist. Das wollte ich auch nicht anzweifeln. Mir war der Aspekt wichtig, dass Spiritualität auf jeden Fall auch bedeutet, dass man (im übertragenen Sinne) mit den Füßen auf dem Boden bleibt.

      Liebe Grüße an Dich und an alle Finder
      Jetzt-leben-und-lieben

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