Einsames Erwachen

Vielleicht ist eine der am schwersten zu akzeptierenden Einsichten, dass Erwachen kein Gruppenphänomen ist.

Jeder von uns sehnt sich nach Gesellschaft, in der wir unsere Aha-Erlebnisse teilen können. Deshalb suchen wir die Gemeinschaft, den Sangha. Doch letztlich liegt jedes noch so geringe, leise Verstehen und Erkennen vor allem in unser eigenen Wahrnehmung.

Jedes "Aha", jedes Gefühl der Verbundenheit mit anderen, jedes Loslassen einer fixen Idee erwacht in uns. Eine Weile mag es dauern, nach und nach wieder schwinden. Selbst wenn wir diesen Moment einen Augenblick lang teilen, bleibt er in uns. Und die Worte, die wir zum anderen hin sprechen, um den anderen einzubeziehen, spiegeln nicht annähernd unser inneres Erleben.

Um so erstaunlicher finde ich also, dass Spiritualität so oft in Gruppen gepflegt wird. Da werden Belehrungen gegeben, zusammen praktiziert. Da werden ganze Jahresurlaube verplant und darauf hingespart, diesen oder jenen Lehrer zu treffen.

Wenn Erwachen in mir geschieht, kann das dann nicht jeden Moment passieren? Inwieweit bin ich eigentlich abhängig, große Lehrer zu treffen, auf meinem Weg zum Erwachen? Welchen Unterschied macht es, ob ich vor meinem Altar daheim praktiziere, oder mit einem großen Meister?

Diese Fragen treiben mich um, seitdem ich praktiziere. Denn sie drängten sich mir immer wieder auf, aus meinen Lebensumständen und dem großen Herzenswunsch, den Buddhismus nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern vor allem in meinen Alltag zu integrieren.

Ich kenne wohl die Sprüche, dass in Gegenwart eines großen Meisters zu sein, von großer Segenskraft wäre. Doch was mache ich, wenn die Umstände mir nicht erlauben, einen solchen zu treffen: Bin ich dann nicht in der Lage, zu erwachen?

Und was bedeutet dieser Segen überhaupt? Wie ist er beschaffen? Warum spricht man immer wieder von karmischen Verbindungen, die gegeben sein müssen, um einen solchen zu treffen? Ihn nicht zu treffen, beweist dann also, dass ich nicht gesegnet genug bin den Segen zu empfangen? Und Fortschritte zu machen, kann ich mir dann gleich aus dem Sinn schlagen?

Noch mehr Fragen. Fragen, die ich mir beantworten möchte und muss, um, a) mir selbst gegenüber gütig und fair zu sein und b), um meinem Pfad der Praxis unter allen Umständen zu folgen. Letztlich ist b) in a) enthalten.

Denn ungütig wäre ich zu mir, schlussfolgerte ich schlecht über meine Aussichten auf Erwachen, weil ich nicht gesegnet bin, mit viel gepriesenen, förderlichen Umständen. Und weil ich mich in meiner Lebensplanung nicht generell darauf fokussiere, große buddhistische Lehrer zu treffen und durch die Welt zu gesegneten Orten zu reisen.

Um ehrlich zu sein, bin ich von alledem oft ganz erschöpft: Von dem Trubel und dem, was ich mit Verlaub "Lama-Tourismus" nenne. Ich bin manchmal traurig und manchmal empört.

Und manchmal bange ich um die Zukunft des Dharma, die ich als nicht getrennt von meiner Zukunft betrachte. Denn wenn der Dharma nicht in mir lebt und ich nicht den Dharma, dann wird er hier und jetzt enden. Für mich und mein Geisteskontinuum. 

An dieser Überzeugung halte ich felsenfest. Und daher rühre ich mich oft nicht vom Fleck.

Ich reise nicht. Ich spare nicht auf große buddhistische Ereignisse hin. Und wenn ich doch einmal zu einem Lehrer reise, dann aus purer Herzenssehnsucht nach Gemeinschaft. Doch die Gemeinschaft im Dharma entspricht nicht meinem Alltag. Und der Alltag ermöglicht mir keine Gemeinschaft im Dharma.

So ist und bleibt zwiegespalten in mir, was mein Herz liebt, aber was das Leben in dieser Gesellschaft unter meinen gegebenen Umständen nicht hergibt.

Welche Chance hat also mein Leben zum Dharma und mein Leben mit Dharma?

Eine große Chance, doch zugleich keine geschichtlich überlieferte.

Denn einen Dharma-Alltag im Westen gibt es noch nicht. Es gibt nur Lama-Tourismus, die Möglichkeit, zusammen eine Puja zu feiern und Mantras zu sprechen.

Ist das Dharmapraxis? Ist das wirklich die Praxis, um die es geht? Oder ist das kulturelle Tradition, die die Essenz verschleiert?

Und was ist die Essenz, die in mein Leben zu integrieren zugleich bedeutet, den Dharma wirklich zu bewahren? Selbst wenn darüber kulturell Tradiertes verloren ginge... ?

Wahrscheinlich kommt euch dieser Post heute etwas verworren vor. Durchdrungen von nicht hinnehmbaren Unstimmigkeiten. Eine gewissen Zerstreutheit spricht daraus. Orientierungslosigkeit. Mich würde das nicht wundern, wenn es euch so mit meinem Post hier ginge.

Und vielleicht ist der leise Hauch einer Ahnung spürbar, worum es letztlich geht. Denn da, wo Fragen gehört werden, erklingt die Antwort beinahe von selbst. Und ein wenig Ignoranz, die die Antworten gern überhören möchte, ist auch dabei. Damit ich an dem festhalten kann, was mir der Gewohnheit nach lieb und teuer scheint.

Diesen Zustand hier sich offen zeigen zu lassen, bedeutet zugleich, mir selbst die Klarheit über eine Sache zuzugestehen: 

Dass dies alles davon handelt, womit ich seit Jahren ringe. 

So ist das. 

Und keiner kann mir dieses Ringen abnehmen. Denn es findet direkt in und um mein erwachendes Herz statt.

Meiner Ansicht nach findet dieses Ringen tatsächlich überall in denen statt, die ihr Herz hören und spüren. Bei denen, die mehr sein wollen, als das Schaf, dass einfach der Herde hinterher trottet. Im stillen Einvernehmen, dass irgendwer, da vor mir, schon weiß, wohin die Reise geht. Oder gar im unreflektiertem blinden Vertrauen, dass dies alles schon Hand und Fuss hat, wenn es schon so lange praktiziert wird. Diese Art und Weise, wie heute noch und hier Dharma gelehrt und praktiziert wird.

Dumm nur, dass ich mit diesem Herdentrieb nicht gesegnet bin.

Dumm nur, dass ich Unstimmigkeiten spüre, wo welche sind.

Dumm nur, dass mich Fragen wach halten, die nur wenig andere sich stellen.

Dumm nur, dass aus all dem Chaos zu mir heraufdämmert, dass Erleuchtung eine einsame Angelegenheit ist.

Dumm nur, dass ich dennoch den Anschluss zu finden versuche. Irgendwohin.

Doch die Spur verläuft im Sande. Verweht vom Wind der Geschichte, die neue Umstände, neue Orte und mit ihnen neue Regeln herauf beschwor.

Und gerade deshalb fällt mir auf, dass es unmöglich funktionieren wird, einfach etwas, was organisch in einem recht isolierten Platz auf dem Dach der Welt über Jahrhunderte gewachsen ist, von A nach B zu verpflanzen.

Dumm nur, dass ich oft kopfschüttelnd diesen munteren Versuchen, diese ausgewachsene Dharma-Pflanze umzutopfen, beiwohnen muss - und leider nicht damit dienen kann, es besser zu wissen.

Ist es dumm?

Nein. Schmerzhaft.

So oft ich auch zu Füßen erfahrener Gärtner vom Dach der Welt sitze und mir anhöre, wie es einst Tradition war, einen Dharma-Samen groß und stark werden zu lassen... letztlich kommt es dann doch nur auf mich an und wie ich diesen Samen in meinem Alltag pflege.

Und dieser Gärtner dort weiß nichts von meinem Alltag. Er lebt ein gänzlich anderes Leben, stellt sich anderen Herausforderungen.

In meinem Alltag kommt es einzig und allein auf mich an.

Und auf diesen Samen in meinem Herzen.

Denn Erwachen ist ein einsames Geschäft. Es ist und bleibt eine einsame Reise.

Ob mit oder ohne Segen irgendeines leibhaftig inkarnierten Meisters.

Vor allem aber mit dem Segen der Buddhas und Bodhisattvas, die ich täglich auf meinem Meditationskissen erreiche.

Deren Antworten auf meine Fragen ich flehentlich zu hören wünsche.

So sei es.





Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    Dein Text hat mich sehr berührt und mir kam sofort eine Textstelle aus dem Buch "Der wunderbare Weg" von M. Scott Peck in den Sinn, die ich Dir gerne schicken möchte:

    „Wer sich dagegen zu den höchsten Ebenen des Bewusstseins und spiritueller Macht entwickelt hat, der wird in seinem Bekanntenkreis kaum jemanden finden, der die Tiefe seines Verständnisses mit ihm teilen kann. Eines der schmerzlichsten Themen des Evangeliums ist die ständige Frustration Christi darüber, das er niemanden fand, der ihn verstehen konnte. Wie sehr er es auch versuchte, wie sehr er sich auch ausdehnte, er konnte nicht einmal den Geist seiner eigenen Schüler auf seine Ebene erheben. Die Weisesten folgten ihm, konnten ihn jedoch nicht einholen, und all seine Liebe konnte ihn nicht von der Notwendigkeit erlösen, durch Vorangehen in äußerstem Alleinsein zu führen. Diese Art des Alleinseins wird von allen „geteilt“, die bei der Reise spirituellen Wachstums am weitesten gekommen sind. Es ist solch eine Bürde, dass es einfach unerträglich wäre, wenn nicht im gleichen Verhältnis wie unser Abstand zu unseren Mitmenschen unsere Nähe zu Gott wachsen würde. In der Kommunion des wachsenden Bewusstseins, des Wissens mit Gott, liegt genug Freude, um uns zu stützen.“

    Dies aus der Sicht eines Christen, aber es trifft sicher auch auf andere Wege zu.

    Liebe Grüße!
    Anke

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    1. Liebe Anke,
      herzlichen Dank für Deine Mühe, den Text herausgesucht und hier zitiert zu haben. Ich finde, er ist universal spirituell - und nicht christlich...

      Und er hilft mir sehr.

      Um ehrlich zu sein, stecke ich seit ein paar Wochen etwas fest, was meinen Weg angeht. Ich merke das stets an der Kontiunität meines Schreibens. Nicht des Blogschreibens allein, sondern auch des Notizenschreibens und was ich sonst noch so schreibe. Neben meinem Fulltimejob bleibt sowieso nicht viel Zeit dazu, aber es ist für mich auch eine Form spiritueller Praxis.

      Meine Eintragungen endeten genau an diesem Punkt, den ich in diesem Post beschreibe. Und sie endeten hier, weil ich mich - wie so oft - zensiere: Wer bin ich denn, dass ich daran zweifle, dass die heutige Pflege und Praxis des tibetischen Buddhismus zielführend ist?

      Ich verbiete damit meinem Herzen das Wort - und dadurch geht nichts mehr voran. Ich stehle mich vor mir selbst aus der Affäre. Und dies tue ich vor allem deshalb, weil ich urteile, dass kaum einer diese Sicht bestätigen würde oder mit mir teilt.

      Im Nachgang zu diesem Beitrag fühle ich mich daher schlecht. Doch das Phänomen kenne ich bereits: Hier kämpft mein innerer Zensor noch ein wenig um seine Vorherrschaft. Dabei hat das Herz ihn durch das Veröffentlichen dieses Posts bereits überstimmt. Denn hier postet mein Herz - so klar ich es in Worte zu fassen vermag...

      Nach ein paar Tagen wird sich eine neue Tür öffnen, die immer schon da, nur dem Augen meines Tagesbewusstseins verborgen war. Darauf lausche ich jetzt still und neugierig.

      In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gern der Gedichte von Margot Bickel, die ich als Kind und Jugendliche gerne las. Und eines davon lautet:

      „Die Ängste
      sich eingestehen
      in die Hände
      in den Mund
      genommen

      und tief
      im Innern
      öffnen sich
      verriegelte Türen
      und Fenster
      geben Einlass
      neuem Leben
      neuer Hoffnung
      dem Mut
      zu sich selbst."
      [Margot Bickel]

      Sei herzlich umarmt, liebe Anke - und einen schönen Sonntag morgen!
      :-) Josephine
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  2. Ist für dich, .liebe Josephine,
    der Buddhismus etwas,
    das dein Herz immer größer werden lässt, so dass es irgendwann die ganze Schöpfung mit einschließen kann -
    oder ist er etwas, was zu Gitterstäben geworden ist, weil du dich über seine Grenzen hinaus nicht weiter ausdehnen darfst?

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag

    Tao

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    1. Lieber Tao,

      sehr gute Frage! Ich könnte sie mit einem "Sowohl - als auch" beantworten.

      Und wie immer liefere ich dazu auch eine nähere Erläuterung:

      Als ich auf den Buddhismus traf, begann mein Herz zu wachsen und wärmer zu werden. Ich bin daher meinem sogenannten Wurzellehrer sehr dankbar, dass er es über 25 Jahre in Deutschland ausgehalten hat, auch wenn ich ihn davon nur ca. 4 Jahre kannte.

      Doch relativ rasch begann ich auch Gitterstäbe zu spüren. Es sind die Regeln, die man im Buddhismus lernt und je nach Tradition werden sie stärker betont oder eben weniger. Was das für Regeln sind, spielt jetzt keine Rolle.

      Aber früher oder später kamen sie mir als Gefängnis vor. Und kommen es noch. Sonst wäre ich vielleicht vor Jahren schon in ein langjähriges Retreat gegangen oder wäre buddhistische Nonne geworden.

      Doch das kann ich nicht. Weil diese kulturelle determinierten Regeln mich in gewisser Weise wegsperren würden. Das kann man von innen sehen: In eine Gemeinschaft, die stark nach eigenen Regeln determiniert ist und eben gewisse Handlungen und Erlebnisse ausschließt.

      Oder man betrachtet es von außen: Eine Gemeinschaft die einen wegschließt von seinen Mitmenschen, die keine Buddhisten sind und nicht nach diesen Regeln leben.

      Wenn das Herz groß und weit werden soll, um die ganze Schöpfung zu umarmen und alle Wesen einzuschließen - oder, dem Bodhisattva-Versprechen gemäß - vor allem kein Wesen auszuschließen, muss ich über diese Regeln hinaus gehen. So fühle ich das.

      Und damit über die kulturelle Tradition. Die Betonung liegt auf der kulturellen Tradition. Vielleicht auch sozialkulturelle Tradition.

      Meine Herzensmotivation ist es, die ganze Schöpfung zu umarmen. Und dafür lebe ich den Buddhismus für mich in meinem Alltag und fließe flexibel mit meinen Erfahrungen und Einsichten mit. Wenn sie sich verändern, verändere ich mich mit. Kulturell oder sozial determinierte Regeln dagegen sind statisch.

      Ich gehe diesen Weg eher einsam, weil ich mein Verständnis davon, wie im Alltag das Herz sich weiten muss und kann, in den Regeln der gelebten, buddhistischen Gemeinschaft bisher nicht gespiegelt finde. Hier spreche ich natürlich nur von den Gemeinschaften, die ich bisher kennenlernen konnte.

      Und doch gehe ich den Weg weitestgehend auf der Grundlage buddhistischer Überzeugungen. Aber gemäß meines starken Freigeistes und auf Grundlage meiner täglichen Erfahrung.

      So ist das :-)

      Einen schönen Sonntag auch für Dich, lieber Tao.
      Josephine

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