Vertrauen - oder die Kunst, ein Etage höher anzuklopfen

Auf Arbeit gibt es eine Regel: Wenn du irgendetwas klären, ändern oder dich weiterentwickeln möchtest, wende dich an deinen Vorgesetzten. Und weiter gilt: Wenn du nach wiederholter Ansprache bei deinem Vorgesetzten nichts erreichst oder sogar das Gefühl hast, er geht überhaupt nicht auf dich ein und blockiert oder ist nicht da - dann wende dich an dessen Vorgesetzten.

Ich muss zugeben, dass diese Regel in Sachen Spiritualität anzuwenden, in unseren Breiten etwas Fantasie - oder Vertrauen - erfordert, aber es ist möglich.


Denn, was mich betrifft, so ist mein Wurzellehrer seit geraumer Zeit nicht mehr unter uns und dessen menschlicher Vorgesetzter... ebenfalls nicht.

Oft sage ich, ich wohne in einem so genannten "abgelegenen Grenzland", wo die tibetisch-buddhistischen Dharmalehrer nicht gerade dicht gesät sind - und es ist nicht empfehlenswert, sich in Ermangelung einer großen Wahl dem nächstbesten Lehrer zu Füßen zu werfen. Schon gar nicht aus dem alleinigen Grund, weil dieser in der Nähe wohnt.

Ich bin da mein Leben lang schon mit einer gesunden Skepsis gesegnet. Und - gepaart mit meiner gut ausgeprägten Empathie und wachen Instinkten, bin ich bisher damit sehr gut voran gekommen. Sowohl mit der Regel, an der nächst höheren Etage anzuklopfen, als auch mit der gesunden Skepsis und dem, was mein Wurzellehrer beigebracht hat: Den Lehrer genau zu prüfen, bevor ich ihn als wirklichen Lehrer oder Zufluchtslehrer annehme. Deshalb habe ich auch bisher bei keinem weiteren Lehrer Zuflucht genommen.

Was meine ich hier also mit der "höheren Etage", wenn ich sage: a) mein Wurzellehrer lebt nicht mehr und b) ich habe bisher kein zweites Mal Zuflucht genommen und c) es gibt wenig Lehrer, zu denen man in Deutschland gehen kann und d) ich bin sehr skeptisch?

Das ist einfach zu beantworten: Ich wende mich mit dem, was mich beschäftigt, wo ich Fragen habe, was ich dringend klären möchte, oder wenn ich Entscheidungen für meine weitere Praxis zu treffen habe, immer in meinen Gebeten und in der Praxis an die Buddhas selbst.


Dies tue ich, in dem ich mich auf mein Kissen setze, das so genannte Zufluchtsfeld oder den Buddha, von dem ich mir Inspiration erhoffe, visualisiere, und innerlich die Dinge zur Diskussion stelle: Ich formuliere Fragen, lausche ein wenig, werde mir über meine bisherigen Gedanken und meine Einstellung zum Thema klar, spüre nach, wie ich körperlich darauf reagiere und mich fühle.

Das letzte ist ungeheuer wichtig: Ich achte dabei unbedingt darauf, wie ich mich im Herzen damit fühle!

Denn es gibt eine weitere Regel: Wenn du ungute Gefühle hast, gibt es dafür einen oder mehrere Gründe. Es können innere - aus dir kommende - oder äußere sein. Zu den äußeren zählt, dass auch jemand, von dem du Anweisungen bekommst oder dessen Unterweisungen du hörst, etwas sagt, mit dem du nicht konform gehen kannst.

Hier gilt es, sorgfältig nachzuspüren und nicht gleich zu sagen: "Ach, das sind einfach meine Leidenschaften. Sie behindern mich und deshalb tue ich mich schwer, anzunehmen, was dieser renommierte Lehrer dort sagt. Ich sollte einfach deshalb, weil er so erfahren und verehrt wird, in Erwägung ziehen, dass er es besser weiß und versteht, als ich..."

Nein, ganz falsch - davon möchte ich sogar dringend abraten. Und erinnere dabei nochmals an Buddhas Rede an die Kalamer (Link). Hier kommen die eigenen Instinkte, der gesunde Menschenverstand und die Tatsache ins Spiel, dass niemand deine eigene Motivation, dein Leben und die Umstände so genau kennt, wie du selbst.

Auch im Zusammenhang mit dem eigenen Lehrer kommt mir hier sofort eine Anweisung des Lojong - des Sieben-Punkte-Geistestrainings - in den Sinn: "Stütze dich auf den verlässlicheren der beiden Zeugen". Und der sicherste Zeuge deiner Beweggründe, Gedanken und Gefühle bist du selbst. Nicht jemand, der von außen auf dich schaut!

Deshalb zurück auf mein Meditationskissen:

In Gegenwart der Buddhas, auf deren Präsenz im Moment der gesprochenen oder gedachten Zuflucht ich nicht nur vertraue, sondern deren Präsenz und Wirksamkeit ich auch inzwischen deutlich fühlen kann - das nennt sich auch "überzeugtes Vertrauen" - durchdenke und kontempliere ich. Und ich spreche feste Wünsche.

Manchmal klärt sich schon einiges auf die Weise sofort. Denn ich versuche, in diesem "geschützten Raum" auch Gedanken und Sichtweisen innerlich an mich heranzulassen, die ich im normalen Leben vielleicht ignorieren oder wegschieben würde. Oder die mich in Angst und Schrecken versetzen und mit meinem Greifen und meiner Anhaftung konfrontieren. In Gegenwart des Buddha traue ich mir einiges mehr zu, wie man sieht.

Sehr oft aber gehe ich nur mit einer Bestandsaufnahme aus diesem Meeting in der "höheren Etage". Dann sehe ich meine unerfüllten Bedürfnisse und ungestillten Sehnsüchte und wie sie in meine Probleme oder mein Leben hineinwirken und Hindernisse verursachen. Die Lösung oder den Ausweg sehe ich vielleicht nicht, aber ich gebe den Wunsch auf die Lösung symbolisch in Buddhas Hände. Ich bitte ihn, mir Hinweise zu schicken.

Und ich sage nur dies: Das funktioniert ganz prima, seit vielen Jahren schon!

Insbesondere deshalb, weil ich mich in Geduld übe, bis ich Klarheit habe, was zu tun ist, und dass ich wach für Hinweise bin, die in ganz alltäglicher Form zu mir gelangen, aber deutliche Koinzidenzen darstellen zu dem, was ich für mich innerlich gerade thematisiert und den Buddhas vorgetragen habe. Und wenn ich diese Hinweise erkenne, folge ich ihnen mit festem Vertrauen.

Ein wichtiger Indikator dabei ist, klar zu spüren, dass ich etwas dringend tun muss - oder aber das Gegenteil, dass ich etwas lassen muss. Und das tue ich, selbst wenn mir eine klare, rationale Begründung fehlt. Und selbst dann, wenn manches - rational betrachtet - auch als Umweg erscheint.

Die Lehrer in Menschengestalt mögen mir oft, wenn ich sie brauche, so schmerzlich fern sein. So manches Mal habe ich deshalb auf meinem Kissen gesessen und geweint - denn meine spirituelle Entwicklung ist der Mittelpunkt meines Lebens.

Aber genau das lehrte mich, wie wichtig es ist, auch eine Etage höher anzuklopfen und die Hilfe der Buddhas einzufordern. Ich bin überzeugt, dass dies genau in ihrem Sinne ist: Wenn ich fordere und um Hilfe für ein ganz konkret ausformuliertes Problem oder einen Schmerz bitte, will ich die Hilfe und den Fortschritt so stark, dass ich bereit bin, auch dem kleinsten Hinweis zu folgen, den ich kriegen kann. Voilá!


Inzwischen bin ich davon felsenfest überzeugt, dass diese Rückversicherung in der höchsten Etage völlig konform zu meiner gesunden Skepsis ist. Ich werde nicht irgendeine Anweisung irgendeines Lehrers folgen, ohne über sie kontempliert zu haben.

Und diese "höhere Etage" - denke immer daran - ist letztlich nicht getrennt von deinem Herzen. In ihm wohnt unser Wesen, die natürliche Grundlage, die der potentielle Buddha ist. Man nennt sie auch Buddha-Natur oder spricht vom "Inneren Lehrer".

Sicher, Irrtümer auf dem Weg sind hier keineswegs ausgeschlossen, aber die gute Nachricht ist: Du brauchst nicht auf einen Lama zu warten, der einmal im Jahr vorbei kommt, um zu sagen "Ich liebe Euch alle!" und dann wieder zu verschwinden. Der deine Situation und dich gar nicht genug kennt, um wirklich situationsbezogen etwas empfehlen oder etwas sagen zu können... Und du brauchst dich nicht an jemanden aus dem einzigen Grund heraus zu wenden, dass er der einzige in deiner Nähe ist, den du fragen könntest.

Klar, ob du so viel Vertrauen hast oder entwickeln willst, das musst du selbst entscheiden. Erinnere dich: Du bist der verlässlichste Zeuge deines Vertrauens und deiner Hingabe an die Buddhas, Gott oder dein Herz! Und: Ich weiß, diese Sicht ist sehr unorthodox und nicht für jeden nachvollziehbar - aber für mich ungeheuer wirksam
 
Warum ich ausgerechnet heute und so offen über mein Vertrauen in die Buddhas schreibe? Das hat einen rein persönlichen Grund - wie jeder meiner Beiträge in diesem Blog:

Ich saß heute morgen auf meinem Kissen, praktizierte Guru Yoga und spürte, dass ich wieder einmal an einem Moment des Abschieds gelangt war. Eines inneren Abschieds von Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten. Ein großer Schritt nach vorn ist notwendig und fordert meinen Mut... Wieder einmal verlasse ich ein Gehege, in dem ich mich zu gern wohnlich eingerichtet hätte und erkenne, dass es nicht mein Zuhause ist. Wieder einmal muss ich allein aufbrechen, aus innerer Konsequenz, gezogen aus meinen Erkenntnissen und meinem bisherigen Weg.
 

Ich muss - denn ich muss unter allen Umständen meinem Herzen und dessen Hinweisen treu bleiben! Alles andere wäre Selbstbetrug. Trotzdem war es mir schwer ums Herz. 

Da dachte ich plötzlich kurz an Guru Rinpoche (Link). Er stand vor meinem geistigen Auge, während ich den Segen des Gurus visualisierte. Rasch und kraftvoll schoß er auf mich zu, in der Hand einen Phurba (Link). Mit diesem stach er in meine drei Tore (Stirnzentrum, Kehle und Herz) sowie den Solarplexusbereich. Und ich verstand, dass er damit alle auf mich wirkenden, schlechten Einflüsse bannte, die das Empfangen des authentischen Segens und Schutzes durch Vajradhara (wie er im Guru Yoga visualsiert wird) verhindern. Ein, zwei Sekunden nur sah und spürte ich das. Es hatte etwas ungemein Tröstendes für mich... und die gefühlte Schwere verschwand. 

Und später war sie da... die Koinzidenz der Ereignisse, meiner inneren Entwicklung und der Zeichen...denn: 

Im Laufe des Tages wurde ich erinnert: Heute, am 18.07.2013 wird der Geburt Padmasambhavas gedacht. Heute ist Guru Rinpoche Tag.

Ich schrieb diesen Beitrag, als kleines Zeichen meines überzeugten Vertrauens. Und als solches, in aller Offenheit  - und aus tiefstem Herzen - bringe ich diesen Text Guru Rinpoche, Yeshe Tsogyal und insbesondere auch allen anderen, unentbehrlich hilfreichen Dakinis, dar. Sie waren und sind an seiner Seite  und haben Guru Rinpoche und sein Wirken zum dem gemacht, was es war und heute noch immer ist...
 

Und ich bin sicher: Er und sein Gefolge hört - und erhört - immer noch unsere Gebete, wenn die Zeit für deren Erfüllung reif ist!




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