Heilung = Erleuchtung

Es ist ungeheuer wichtig, dass du heilst. Tust du es nicht, wird ein Teil der Weite, die du im Herzen wirklich bist, für dich und andere verschlossen bleiben.

Diese Weite, die sich mit allem zu verbinden und allem zu öffnen vermag.

Die alles umarmen kann und somit zur Ruhe finden lässt.

Die allumfassende Liebe ist und alle Phänomene zutiefst versteht.

Heilung ist Erleuchtung. Heilung ist ein Synonym für Erleuchtung. Daher möchte ich, dass du aufhörst, dich als durch deine Wunden nicht zur Erleuchtung fähig zu fühlen. Erleuchtung ist das, was geschieht, während du innerlich nach und nach heilst.

Ja, es gibt dieses Gleichnis vom Buddha, der der wahre Arzt ist und vom Dharma, als wahre Medizin. Doch solche Gleichnisse können manchmal so hölzern und blutleer daher kommen, wenn du selbst so viele deiner Wunden spürst.

Oft wird von Glückseligkeit gesprochen, die ebenfalls Ausdruck erfolgreicher Heilung ist. Doch du bist oft erfüllt von unendlicher Traurigkeit, weil du spürst, wie deine Lebenskraft aus dir entweicht, weil du nicht heil bist. Und allein das Wort Glückseligkeit zu hören, erscheint dir plötzlich voller Hohn und Spott zu sein, dir gegenüber. Als schlösse dich jemand aus, jemals zu solchem Glück überhaupt fähig zu sein.

Du bist schon lange auf dem richtigen Weg, wenn du dich bemühst, in Ordnung zu kommen. Wenn du dich vom Urteil über dein Gefühl, das wach für alle deine Wunden ist, nicht täuschen lässt. Du bist kein Ausgestoßener aus dem Boot der Siegreichen, denen das andere Ufer schon morgen zu winken scheint...So ist es nicht. Alles das, was du an Schmerz fühlst, sagt nichts darüber aus, wie weit du bisher gegangen und wie weit du bereits gekommen bist.

Und wenn auch dieses Leben so durchtränkt zu sein scheint, von Dunkelheit, so sei dir gewiss, dass ein Buddha dich inmitten dieser Abwesenheit von Licht nicht vergisst.

Ich kenne diese Zustände wohl - als wäre man in sich selbst in ein anderes  Zimmer gegangen, in dem keine Hoffnung scheint.  Diese Abwesenheit von Konturen im lichtlosen Raum macht dich glauben, dass das Schwarz unendlich wäre.

Diese Dunkelheit ist so täuschend echt, dass du plötzlich vergisst, dass du mehr bist. Viel mehr, als  dieses eine, in Wahrheit kleine, dunkle, enge Zimmer deines Geistes. 

Erinnere dich des Diamanten, von dem ich schrieb, dass du in Wahrheit einer bist: bestehend aus einer unendlichen Vielzahl von Facetten, bereit, das Licht in schönster Weise zu brechen und zu vervielfältigen. Ein Diamant bleibst du selbst dann, wenn du diese Fähigkeit zur Vermehrung des Lichts durch das Fehlen des Lichts eine zeitlang vergessen hast.

Manchmal ist es notwendig, in dieses dunkle Zimmer zu gehen.

Fast immer dauert es länger, als einem lieb ist.

Denn das Grauen erzeugt Ewigkeit und vermag uns alle dadurch noch viel länger zu versklaven.

Doch glaube mir, dass letztlich gut ist, was du dort erfährst.

Ohne diese Erfahrung des Schmerzes wirst du nie ganz heilen.

Überall - in allen Bereichen und Existenzen - gibt es Vorkommnisse und Phänomene, die unsere Vorstellungskraft und unsere Liebe zum Sein bis in die Grundfesten erschüttern können.
Und das ist gut so.

Denn nur so werden wir dessen absolut habhaft, was es zu schützen, zu hegen und zu bewahren gilt: die Liebe und Fürsorge - das offene Herz für andere.

Nur durch den Schock, den es bedeutet, davon getrennt zu sein, werden wir die letzte Hürde nehmen: Das Überwinden unserer Selbstbezogenheit
.

Und Schock erzeugt emotionale, psychische, psychosomatische Folgen.
Kein Schock ohne Folgen.
Kein Trauma ohne Entsetzen.
Kein Entsetzen ohne Schmerz.
Und kein Schmerz ohne Wunden.

Alles das muss - alles das will verdaut werden. Es ist nicht so, dass mit Einsicht, die durch den Schmerz entsteht, die Wunden gleich geheilt und verschwunden sind. Das widerspricht den Gesetzen der Materie, der wir unterworfen sind. Und den Gesetzen unserer Erinnerung.

Alles das braucht Zeit. Dass Einsichten tief, tief, tief hinabsinken ins Fleisch und die Grundfesten unserer Herzen - das passiert nicht über Nacht.


Das geschieht nicht von selbst.


Das geschieht nicht ohne wache Aufmerksamkeit auf den Schmerz.


Es erfordert, die Aufmerksamkeit auf alles wieder und wieder zu wenden, das ihn erzeugt hat.

Bis Weisheit und Liebe, die daraus erwächst, wirklich präsent ist.


Ich weiß, da draußen, außerhalb der dunklen Kammer, in der du dich zu oft noch wiederfindest, laufen so viele smarte Menschen herum. Von einigen wird gesagt, sie wären erleuchtet. Oder nahe dran.Und andere Menschen laufen zu ihnen in Scharen, weil sie von ihnen lernen wollen. Sie scheinen so erhaben über den Schmerz zu sein. Erschreckend, wie weit du dich davon entfernt fühlen kannst, stimmts?

Doch vertrau mir, schau genau hin, spüre intensiv nach:
Der wirklich Erfahrene weiß um deinen Schmerz. Den wirklich Erfahrenen wirst du daran erkennen, dass er deinen Schmerz versteht. Du kannst ihm in die Augen schauen und wirst dich in einem geschützen Raum fühlen. Selbst dann, wenn das Empfinden deines Schmerzes dir die Haut von den Knochen und deinem Fleisch gezogen hat und du ihm nackt und bloß gegenüber stehst.

Und was denkst du, was ihn befähigt, deinen Schmerz zu verstehen? Weil er selbst seinen Schmerz, seinen Schock, sein Trauma akzeptiert, verstanden und auf den Weg zur Heilung gebracht hat. Nichts anderes.

Denn Erleuchtung ist Heilung. Heilung ist ein Synonym für Erleuchtung - der Überwindung allen Schmerzes.

Aber "Überwindung" ist so ein stolzes, heroisches Wort. Es suggeriert oft, dass man den Schmerz bezwungen und niedergerungen hätte. Daher spreche ich einfach von Heilung.

Heilung ist ein sanftes Wort.
So wissend und akzeptierend.
Im Einklang mit dem, was war, was ist und was sein wird.

Und wie Heilung funktioniert, das weißt du vielleicht besser, als manch anderer, der nicht so wach für seine Schmerzen ist. Weil er seinem Schmerz ausweicht und hofft, ihn niederringen zu können,
bevor er ihn
angeschaut,
erkannt,
zugelassen,
in der Tiefe seiner Facetten geschmeckt,
in ihm ausgeharrt,
um ihn und wegen ihm geweint,
beinahe den Verstand
und fast alle Hoffnung verloren hat,
ihn jemals zu überwinden.


Auch für dich wird es Heilung geben. Und du bist ihr näher, als du denkst. Weil du nicht verdrängst, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Das ist die Wahrheit. 

Und kein Buddha wird je behaupten, dass alles in Ordnung wäre. Selbst wenn er jederzeit Zugang hat, zu jener legendären Glückseligkeit, die du allzu oft vermisst.

Auch mitten im Schmerz wirst du der Weite begegnen, die so viel Platz für so Vieles hat.

Und den Schmerz davon nicht auszunehmen, ist vielleicht ein viel entscheidenderer Punkt auf dem Weg zur Heilung, als du bisher zu denken gewagt hast.

Denn Heilung kann nie ohne Schmerz geschehen.


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