Absurde Intention

Immer wenn ich auf eine Anhöhe gelange, tut sich vor mir das nächste Tal auf. Ganz selten nur wandle ich eine zeitlang auf einer kleinen Hochebene... irgendwann geht es unweigerlich wieder hinab.

Wenn das ein Gesetz ist, so meint Gesetz hier: Es ist etwas Normales, Natürliches. Dieses Wollen aber, dass es immer bergauf oder doch immer im gleichen Zustand - und dabei möglichst "gut" bleiben möge, ist frommer Wunsch. Ein Wunsch, den lange zu hegen ungesund ist.


Du weißt nie, was dich im nächsten Tal erwartet. Welches Klima wird dort herrschen?, fragst du dich, dort, auf der Anhöhe. Was für Hindernisse erwarten mich? Und wie lange werde ich brauchen, um es zu durchqueren?

Die wichtigste Frage auf deiner Reise aber ist: Warum bist du unterwegs? Und wohin willst du?
Denn das Unterwegssein einfach nur unter dem Aspekt des möglichst schnellen Durchquerens eines Tales zu sehen - um bald wieder auf einer Anhöhe zu sein, schmeckt schal in meinem Mund. Wie siehst du das?


In eines jeden Menschen Leben passieren so einige Dinge, die nicht geplant waren. Die du nicht erwartet hast. Die du nicht eingeladen hast. Das sind meistens die Sorte Täler, die du gar nicht richtig zur Kenntnis nehmen konntest - schon bist du drin! Beinahe so, als wärst du eben außer Atem auf dem erhofften, ersehnten, zum Durchatmen willkommenen Gipfel angelangt, um dann festzustellen, dass vom vermeintlichen Ruhepunkt direkt ein klitschiger Abhang hinab führt. Und unversehens und unsanft bist du wieder auf dem Weg nach unten. Pardauz!

Mit solchen Ereignissen habe auch ich mich herumschlagen müssen. Und lange habe ich mich selbst damit gegeißelt, diese intellektuell irgendwie zu fassen zu kriegen. Ich versah sie mit Erklärungen, schlauen Etiketten, versuchte mir den Werdegang logisch abzuleiten und in diesen Ableitungen wohnlich einzurichten.

Doch so funktioniert das Leben nicht.

Für einiges, was geschieht, gibt es keine vernünftige Erklärung. Und dennoch passiert es. Es passiert und du bist dem Geschehen einfach so ausgeliefert. Punkt.

Irgendwann hilft daher die Vorstellung, dass dein Weg eine Aneinanderreihung von Anhöhen und zu durchquerenden Tälern sei, nicht mehr. Wenn so einiges von der Sorte geschieht, wo alle Vernunft und alle Herleitungen nicht funktionieren, kommst du schnell an einem Punkt, einen gewaltsamen Schlussstrich unter diesen Nonsense ziehen zu wollen. Und damit dieses absurde Leben zu beenden.
Eine solche Schlussfolgerung ist nicht hilfreich. Schon gar nicht im buddhistischen Denken. Denn selbst, wenn dieses Leben vorbei ist, folgt ein anderes. Und darin eventuell nicht minder schwer einzuordnende Ereignisse.


Daher erzähle ich heute von einer andere Sicht des Weges durch mein Leben. Meines Weges hin zu und mit meinem Herzen. Vielleicht vermögen so alle diese Wort- und Gedankengespinste, aus denen deine Rechtfertigungen für dein Handeln und Nicht-Handeln besteht, ein zeitlang zur Ruhe zu kommen. Egal, ob du momentan auf der Anhöhe bist, oder im Tal. Egal, ob du allein unterwegs bist, oder mit vielen.

Die Wahrheit ist, mein ganzes Leben handelt immer nur von den anderen. All die Wesen, die mir begegnen. Und von meinem Herzen - und wie sich dieses Herz zu diesen anderen Wesen in Beziehung setzt.

Es geht nicht um mich.


Ich werde immer gut unterwegs sein, wenn ich um der anderen willen reise.


Ich werde mich immer nützlich fühlen, wenn ich um der anderen willen irgendwo verweile.
 

Ich werde immer ankommen, wenn ich um der anderen willen irgendwo hinkommen möchte.
 

Ja - spüre nach, was dein Herz dazu sagt, wenn du die letzten vier Sätze noch einmal still vor dich hinsprichst. Und noch einmal... aller guten Dinge sind drei!  So absurd diese Sätze unserem Denken im ersten Moment scheinen, so klar reagiert doch dein Herz. Wenn du wahrnehmen möchtest, was es dir mitzuteilen hat.

Das ist ein großes Mysterium, weil es sich nicht erklären lässt.

Und es handelt vom Gelübde eines Bodhisattvas.

Stell dir vor, es gibt tausende Buddhisten auf der Welt, die das Versprechen abgegeben haben, zum Wohle aller Wesen die Erleuchtung zu erlangen.


Vielleicht gehörst auch du dazu.

Ich spreche das Bodhisattva-Gelübde täglich. Doch, ehrlich gesagt, habe ich gar keine Ahnung, wie ich a) die Erleuchtung erlange, noch b) wie ich das Wohl ALLER Wesen bewirken könnte. Dennoch spreche ich täglich aus, dass ich genau das tun möchte. Und das meine ich ziemlich ernst.

Mein Alltag aber sieht so aus: Oft treffe ich Wesen, denen ich anfühle, dass es ihnen nicht gut geht. Und ich habe keine Ahnung, wie ich ihnen helfen kann. Vielleicht hätte ich manchmal eine Idee, doch oft sind die Wesen für Anregungen nicht zugänglich.

Oder mir geht es schlecht. Aus unerfindlichen Gründen und ich harre manche Tage einfach aus, ohne zu verstehen, was mit mir los ist. Was ich mir vorgenommen hatte, bleibt liegen und zusätzlich kommen vielleicht noch irgendwelche Erledigungen auf mich zu, die ich nicht geplant habe. Dann fühle ich mich wie ein Stück Treibholz inmitten eines reißende Flusses und tue nicht mehr, als zu hoffen, irgendwann heil in seichtere Gewässer zu gelangen.

Hier ist nichts Heroisches zu erkennen. Kein blasser Schimmer vom Hero Josephine weit und breit... Und dennoch spreche ich jeden Tag dieses Gelübde eines Superheros, der die Wesen retten will und dafür nicht mehr oder weniger als die Erleuchtung erlangen möchte...Und versuche in allem, was mir täglich begegnet, irgendwie an dieses Gelübde zu denken. So gut es eben geht.

Lass uns eine Minute an Menschen denken, die im Krieg sind oder die zu Unrecht irgendwo eingekerkert wurden. Wie ohnmächtig, nutzlos und von ihren Existenzängsten umhergetrieben wie ein loses Blatt im Wind mögen diese sich wohl täglich fühlen? Welche physischen, emotionalen und psychischen Widerwärtigkeiten mögen diese täglich durchleiden? Und wie unfassbar brutal und roh muss sich anfühlen, dem Leiden und Sterben anderer tagtäglich hilflos und im Bewusstsein vollkommener Unfähigkeit gegenüber zu stehen?

Ich vertraue hier, an diesem Punkt meiner Vorstellungskraft, absolut und fest darauf, dass es in solchen Momenten einen Halt gibt: Mich auf das Erleben und Erleiden dieser anderen fühlenden Wesen zu konzentrieren. Darauf, dass es Wesen sind, wie du und ich und dass ich alles darum geben würde, sie vom Leiden zu befreien. 

Nichts anderes wird mir helfen, bei Verstand zu bleiben.

Und nichts anderes wird mir helfen, ihnen irgendwann alles zu verzeihen.

Und nichts anderes wird mich dazu bringen, weiterzugehen.


Egal, wie lange es dauert,


Egal, wohin.


Warum? Weil sie wie ich sind. Und weil sie daher verdient haben, dass es ihnen gut geht. Und von allen Widrigkeiten und unerträglichem Schmerz befreit zu sein.

Dafür, weil sie so viele sind - und ich nur eine einzige Person.

Dafür, dass Zerstörung ein Ende nimmt und Heilung beginnt. Und wenn nur eine Person heilt, ist das einfach nicht genug. Dann bleibt die Welt immer noch angefüllt mit Zerstörung. Und wäre ich die heile Person, dann bliebe ich nicht lange heil, aufgrund der Übermacht der anderen. Dann macht meine Heilung allein keinen Sinn.

Ja, der Daseinskreislauf ist unendlich. Daher ist es nicht möglich, alle Wesen zu befreien. Dennoch trägt mich diese absurde Intention, die "Bodhisattvagelübde" genannt wird, immer weiter und weiter.

Im Wissen, die Wesen nicht befreien zu können, will ich sie doch befreien.


Im Wissen, von Erleuchtung keine Ahnung zu haben, will ich sie erlangen.


Im Wissen, dass tausende andere fühlende Wesen das gleiche anstreben, bin ich dennoch nicht allein.


Und mit dieser Einstellung, ist es irgendwann gleichgültig, ob ich auf der Anhöhe verschnaufe oder unversehens inmitten eines höllischen Tals erwache. Denn ich weiß, dass nur zählt, mit meinem Leben und Handeln den anderen Mitleidenden Erleichterung zu verschaffen. Und das hält mich unterwegs und am Leben.

Und ab und an treffe ich entlang des Weges ein Wesen, dem ich Kraft dieser absurden Intention einen Moment lang Erleichterung verschaffen werde. Und wenn das Maß an Momenten der Erleichterung für dieses Wesen erreicht ist, wird es frei sein.

Nur werde ich dann schon lange weitergegangen und nicht Zeuge seiner Befreiung sein.

Vielleicht wird es einst frei sein, weil auch du entlang deines Weges auf dieses Wesen getroffen bist...

Und ein übriges Gutes dazu getan hast...


Kommentare

  1. Ich weiß nicht wie es kommt. Aber deine Gedanken gerade heute zu lesen,zumindest etwas Ruhe im Inneren geben. Ich hoffe es. Ich find gerade keine vernünftige Erklärung für das was gerade geschieht.Tief gefallen. Und sehe doch auch, woher das, was passiert und passiert ist rührt.Fühlte mich verletzt,und spüre aber nur all das Gute und Schöne und sehe wie sie leidet. Und- das sie dafür nichts kann. Trotzdem dreht sich mein Kopf im Kreis.Weil ich mit diesem Menschen mitfühle,ihn aber nicht erreiche. Und nur hoffe,das sie es schafft. Fühl mich hilflos.

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    1. Manchmal kann man nichts ändern. Außer mit dem Herzen dabei bleiben... die Turbulenzen spüren, die dich und den anderen bewegen... zu akzeptieren, dass etwas anders gelaufen ist, als beabsichtigt.

      Das Herz hat niemals die Absicht zu verletzen. Das Herz verletzt nicht. Ins eigene Herz zu gehen und den anderen wortlos mit dem Herzen zu halten, ist manchmal das einzig Machbare. Dir vorstellen, wie du dein Leid und das Leid des anderen in deinem Herzen zur Ruhe bringst.

      Und ein Tabu gibt es (für mich): Lasse niemals den Gedanken zu, der andere könnte es nicht schaffen. Glaub mit deinem Herzen fest an ihr Herz.

      Zum Fühlen der Hilflosigkeit gibt es leider keine Alternative. Denn so fühlt sie sich auch.

      Ich denke an Euch... liebe Grüße
      Josephine




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