Vorurteile und ihr Verschwinden

Es gibt zwei Arten von Vorurteilen in deinem Geist. Und beide, beide stammen vom Intellekt oder dem Ego. Beide haben nichts mit deinem wahren Herzen zu tun.

Die einen reden dir ein, dass du berufen bist, Großes zu schaffen. Sie leiten dich an, dich anzustrengen, um etwas aufzubauen. Folgst du ihnen, wirst du nicht eher ruhen, bis du etwas Vorzeigbares erschaffen hast. Als Nachweis quasi, dass du und dein Leben großartig sind.
Die anderen wollen das Gegenteil. Während du Pläne schmiedest, greifen sie schon deren Scheitern vor. Sie halten in dir ein Gefühl präsent, das dich zum ewigen Versager stempelt. Und daher lässt du alles fallen, was du eben noch für eine inspirierende Idee gehalten hast.

Die Wahrheit über dich liegt nicht einmal irgendwo dazwischen. Nein. Sie bewegt sich jenseits von beidem. Als allem zugrunde liegende, beide umarmende Basis. Die Wahrheit ist dahinter still präsent, während vielleicht beide Arten von Vorurteilen lautstark und bunt schillernd einen ewigen Schlagabtausch miteinander führen.

Vorurteile überziehen die Wahrheit mit einem dicken Netz argumentativer Verflechtungen. Knoten, die dafür bestimmt sind, irgendwann zu einem dichten Panzer anzuwachsen. Ein dicker Kokon, der dich zunehmend unbeweglich macht.

Das, was unbeweglich wird, bist du - in Hinblick auf die Aktivitäten deines Lebens. Vielleicht hast du immer etwas zu tun - Das erzeugt in dir den Eindruck, dich zu bewegen. Doch dieses Tun wurzelt nirgendwo anders als in der ewigen Reflexion über dich selbst, den Sinn deines Lebens sowie der Gültigkeit deines Potentials.

Insofern bist du unbeweglich: Du bewegst dich nur in diesem Rahmen des über dich Erdachten, vielleicht durchdrungen durch widerstreitende Empfindungen. An einem Tag liebst du dich, am anderen hasst du dich. Und darüber hinaus passiert nicht viel mehr, mit dir und deinem Leben.

Sich nicht zu bewegen ist eine subtile Wahrnehmung, die im Hintergrund geschieht. Du beobachtest deine Geschäftigkeit, wie du von einer Verpflichtung zu anderen eilst. Doch alles dies ist getragen von der schleichenden Ahnung, dass überhaupt nichts geschieht: kein Wachstum, keine Entwicklung. Einfach nichts.

Es gibt in einem solchen Leben viele Tage, an denen dich der Überdruss an all diesem schillernden, lärmenden, nie zu Ruhe kommenden Auf und Ab packt. Meistens verleitet er dich dazu, deine Vorurteile zu stärken.

Je nach Typ wirst du dich dabei primär für eine dieser beiden Arten der Vorurteile entscheiden. Entweder wird der Überdruss dich zum Schluss führen, dass du eben immer schon dazu verdammt warst, ein Loser zu sein und in der Dunkelheit umherzuirren. Oder der Überdruss wird Grund dafür, vom großen Durchbruch, der dir zusteht, zu träumen. Irgendwann wirst du es schon allen zeigen!

Doch die Wahrheit über deinen Überdruss wurzelt jenseits von beidem. Die Wahrheit des Überdrusses wurzelt im klaren Gefühl deines Herzens, dass sich nichts bewegt. Dich bewegt nichts und in dir bewegt sich nichts - in Richtung Basis: dem grundlegenden, wahren Herzen und seinem Tun.

Wenn du bereit bist, dich dem Überdruss zu stellen und ihn zu ergründen, kannst du in deiner Wahrnehmung ganz leicht tiefer gehen. Du kannst eine Ebene erreichen, von der aus du die Mechanismen deiner Vorurteile erkennen kannst und wie sie deinem Leben diesen Panzer aufzwingen. Du kannst dich hinsetzen und anschauen, wie die wechselseitige Abhängigkeit deiner Vorurteile über dich und dein Leben deine Energie verbrauchen und wie daraus dieser unsagbar schwere Panzer entsteht.

Bringt dich das schon der Wahrheit über dich näher? Nein. Dies konfrontiert dich zuerst mit der Täuschung. Und es gibt keinen Weg, an die Wahrheit zu gelangen, als den, die Täuschung zu erkennen, zu verstehen und aufzulösen.

Dadurch entsteht irgendwann Raum.

Zuerst ist dir der Raum so fremd, dass du sofort wieder zurückgreifst, auf die alten, bewährten Mechanismen, um diese Leere zu füllen. Denn dass alles in dir angefüllt ist, mit Gedanken und Erwägungen erscheint dir sicher, da vertraut. Dann ist der leere Raum, der sich eben angekündigt hat, wieder verschwunden.

Vielleicht bist du auch neugierig genug, diesen Raum zuzulassen. Für den kurzen Moment, den du ihn in seinem Vorhandensein spüren kannst.

Doch auch hier entstehen irgendwann wieder Vorurteile: Über die Wahrheit nämlich, die du zu verstehen und zu erlangen suchst. Die Wahrheit über dich und dein Herz. Und weil du so viele Vorstellungen von der Wahrheit hast, so viele Hoffnungen auf sie setzt, ist der Raum wiederum verschwunden und eine neue Art von Schleier kann entstehen.

Bist du auf der Reise hinter alle Schleier, hinter alle Erwägungen über dich selbst, wird sehr viel Zeit damit vergehen, das Entstehen und Vergehen aller deiner Vorurteile zu beobachten.

Du sitzt und siehst, wie sich etwas in dir nähert, wie es entsteht, verweilt und wieder vergeht. In den Lücken dazwischen schmeckst du den leeren Raum. Und auch dieser verschwindet wieder.
Und wo ist sie nun, die Wahrheit, über dich und dein Herz?
Du wirst sie eindeutig übersehen. Du wirst sie nicht benennen, du wirst sie nicht festschreiben können.

Doch während du noch beschäftigt bist, dir alles das anzuschauen, was dein Geist über dich mutmaßt, lernst du jede Menge darüber, wie der Geist funktioniert. Und in der Funktionsweise beginnst du zu spüren und zu ahnen, was du nicht bist.

Was du nicht bist, lässt sich sehen, erkennen, benennen, erklären und für einen Augenblick festhalten. Und während du durch die Untiefen und Dschungel in dir watest und dir manchmal mit einer Machete einen Weg bahnen zu müssen glaubst, registriert irgendwo etwas in dir dein Herz.

Bleibe dabei, es zu registrieren.

Irgendwo da ist noch was.

Doch da es jenseits des Dschungels und des Sumpfes liegt, miss es nicht mit den Gesetzen des Dschungels.

Lass es im Ungewissen. Im Unnennbaren.
 

Lass locker, wenn du wie gewohnt danach greifst.
 

Doch lass dich sanft und voller Hingabe ziehen, wenn du leise ahnst, dass du etwas ändern willst.  

Bemerke die winzigen Momente dieses gefühlsmäßigen Registrierens und wie sie dich mit sich nehmen wollen. Je mehr du dich diesem Ziehen hinneigst, desto mehr gelangst du in seinen Sog. Und wenn du diese sanft pulsierenden, alles durchwärmende Bewegung spürst, dann versuche einfach in diesem Spüren zu bleiben und mitzugehen.


Mit etwas Gewöhnung wirst du fühlen, wie dieses Empfinden und der Raum nicht getrennt sind. Und dass dieses Empfinden und der Raum dein Herz selbst sind. Und das der Raum und die fließende Bewegung die Freiheit sind.

Je mehr du dort, im Spüren oder Lauschen verweilst, desto öfter wirst du genießen, leicht, im Fluss... 

...und bar jeden Urteils über dich zu sein...

Kommentare

  1. Hallo Josi,

    ein kleines Detail fällt mir ein, wenn es darum geht, diese Egos zu identifizieren, nämlich, beim Verhalten in der Realen Welt. Während ich diese Tendenzen in mir selbst sehe, kann ich mich physisch der Wirklichkeit nicht entziehen: Das Leben - beruflich, privat - ist voll dieser Strömungen dieser Egos und ich kann mich davon oft noch nicht distanzieren. Ich muss trotzdem irgendeine Partei da draußen ergreifen, auch wenn sie mir nicht gefällt und Entscheidungen treffen, die mir vielleicht nicht ganz fair erscheinen... Genau in dem Moment des Mitschwimmens, das kein Mitschwimmen ist, sondern MEIN LEBEN, sehe ich diese zwei Pole in mir sehr deutlich! Nun jetzt fehlt logischerweise noch ein edles tiefes Stück Arbeit mit meinem Geist - auf den Herzensimpuls zu hören und DANACH zu handeln! Frei vom Einfluss dieser Egopole in mir selbst und der der anderen... Diese Arbeit ist mühsam, aber erstrebenswert... Danke für deine lehrreiche Unterstützung heute...

    Deine Jampa Lhatso

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    1. Schwesterchen,

      ich weiß, was du meinst.

      Es ist nicht immer möglich, sich zu distanzieren. Nicht immer kann man Entscheidungen des Herzens treffen. Wir sind mit den anderen verbunden und unterliegen oft Einflüssen, denen wir uns nicht entziehen können. Das geht mir täglich in der Arbeit so.

      Der Moment, wo du achtsam wahrnimmst, was passiert, ist wichtig. Der Augenblick, wo du registrierst, mit welcher Motivation du oder ein anderer agiert. Für deinen Geist und dein Herz ist das sehr lehrreich. Und in seiner Wirkung nicht zu unterschätzen.

      Du weißt, dass ich oft von der kritischen Masse spreche, die erreicht wird. All die Momente des Erkennes erreichen irgendwann eine Masse, die dir erlaubt, auf eine andere Ebene zu gehen. Und das wird sich sowohl innerlich als auch in den äußeren Umständen in deinem Leben manifestieren. Traditionell buddhistisch spricht man, glaube ich, von der Hitze und der Spitze... oder so ähnlich.

      Außerdem muss man in der Realen Welt, wie du sie nennst, nun einmal auch weltliche Entscheidungen treffen. Und diese bewegen sich meist innerhalb dieses Entweder-Oder des Intellekts oder Egos, aus dem heraus diese Welt entstanden ist.

      Das Erkennen dessen, was vor sich geht und die Wahl, die du in der realen Welt treffen musst, sind beide Teil des Herzensweges. Das eine betrifft die sogenannte endgültige Realität, das andere die relative Realität - oder die Reale Welt :-).

      Vielen Dank - ich freue mich sehr über deinen Kommentar.

      Sei herzlich umarmt,
      Jampa Dekyi

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  2. ...was mir da noch einfällt, ist noch die enfaltende Herzenskraft! Nämlich, wenn mein Herzmuskel geübt und präsent ist, dann scheint mir die Reale Welt minunter nicht so dramatisch, wie sie im ersten emotionalen Erlebnis erscheint. Ich verstehe die Botschaft, wenn du über diese Schleier im Geist schreibst, die den Blick trüben und unsere Gefühle... Diese Schleier sind feste Energien, selten verschwinden sie, öfters haben sie mich fest im Griff...

    Liebe Josi, ich wünsche jedem, der dem Impuls des Herzens folgen will, so eine treue Freundin wie du mir gewesen und noch bist!

    Deine Jampa Lhatso, Deine Alen

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    1. Liebes Lenchen,

      die Herzenskraft, den Herzmuskel, das Verweilen im Herzen zu üben ist Anfang, Mitte und Ende des Weges.

      Von dort aus, von dieser anderen Perspektive, auf uns und unser Leben, zeigen sich Lösungen, Verflüssigen sich Energien und befreien dich und mich.

      Ich wünsche mir und anderen sehr, dass wir diese Perspektive des Herzens wieder als Mittelpunkt unseres Seins entdecken und stärken werden. Daraus wird viel Gutes entstehen - für uns und andere.

      Möge dafür jeder von uns echte Freunde finden, die er dafür bitter nötig hat. Möge keiner seinen Weg allein gehen müssen und mögen wir alle miteinander üben und lernen, auf dieses einzig wahre Ich zu vertrauen... So sei es.

      Alles Liebe
      :-) Jampa Dekyi

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