Verhängnisvolle Selbstzensur

Mein Freund, wenn du dich zu oft nach den anderen umschaust, verlierst du deine eigene Spur. Wenn du immer wieder deine Pflichten erfüllst, ohne nachzuspüren, ob es die deinen sind, wirst du schnell altern und verbittern. Und wenn du versäumst, herauszufinden, wer du wirklich bist, wirst du dich irgendwann in Selbsthass zerfleischen.

So hart kann die Realität sein. Und so lange wir noch unbewusst und unreflektiert durch sie stolpern, sind wir niemandem von Nutzen. Doch Nutzen ist es, den du wirken willst. Ein erfülltes Leben willst du leben. Und wenn du das noch nicht tust und diese zwei Seelen in dir spürst, die miteinander ringen, wird es Zeit für eine Vollbremsung.

Vielleicht musst du dringend das Steuer komplett herumreißen. Und um diese Entscheidung zu treffen, musst du herausfinden, warum dieses augenblickliche Leben nicht dein Weg ist.
Wenn du auch nur den kleinsten Kampf in dir spürst, mit dir, deinen Anlagen und den äußeren Bedingungen, läuft etwas falsch.

Bist du bereit, der Wahrheit jetzt ins Auge zu schauen, mein Bruder?

Dann komm, setz dich zu mir - und höre mir zu...

Du bist aggressiv, nicht wahr? Du machst und tust, läufst hierhin und dorthin, strengst dich jeden Tag bis zur Erschöpfung an... Doch dieses Gefühl, dich nicht ausstehen zu können, sucht dich besonders in den Momenten heim, wo du zur Ruhe kommst.

Inmitten deiner Geschäftigkeit, hast du dein Herz übersehen. Inmitten des Kampfes gegen das Chaos, hältst du nicht lang genug inne, dass dein Geist und deine Energien sich sortieren und setzen können. 

Und inzwischen willst du gar nicht mehr, dass sie sich setzen, denn dort - das weißt du - wartet nur deine Verzweiflung. Und wofür ist diese denn gut, wofür ist sie von Nutzen? Wem könnte Verzweiflung je etwas Gutes tun?

Nun, ganz bestimmt dir selbst. Für dich ist sie gut und von Nutzen. Und du bist wichtig. Du bist Anfang und Ende, Alpha und Omega und durch dich erstrahlt oder verdunkelt sich die Welt. Und wenn du das Strahlen halten willst, was dir in manchen Momenten gelingt - und was du liebst, musst du den Widerstand gegen die Finsternis aufgeben und sie abgrundtief verstehen.

Irgendwas ist falsch gelaufen. Vor langer Zeit. Vor langen Jahren vielleicht hast du Entscheidungen getroffen, die du heute als deine Pflichten betrachtest. Und du gestehst dir nicht zu, dass du aus Unwissenheit über deine wahre Veranlagung und deine wahren Bedürfnisse diese Pflichten auf dich nahmst. Du hast sie dir übergestülpt, wie eine Rüstung. Dazu noch den Helm. Und mit heruntergeklapptem Visier kämpfst du dich täglich durch dein Leben.

Das Herz jedoch ist weich, offen, zart und bereit, mit der kleinsten Berührung mitzugehen. Es webt und lebt, es schmiegt sich an und wandert mit dem Wind über die Felder. Und bleibt sich dabei treu, in seiner innigsten Liebe zu dieser Welt und den Wesen, die sie bewohnen.

Diese Grundfähigkeit des Herzens ist so unendlich kostbar, weil sie dir erlaubt, dich anzupassen, an Umstände und Bedürfnisse - und innerhalb der gegebenen Umstände immer den für alle effektivsten Weg zu gehen - und unzählige Wesen darauf mitzunehmen. Das willst du wirklich. Das will dein Herz!

Und dein Herz fühlt nach und hört zu. Wenn du lange genug schweigst und in der Stille verweilst, wird dein Herz die Geschichten hören, die deine Umstände und Umgebung erzählen. Dein Herz wird hören - und verstehen. Dein Herz wird fühlen - und lieben. Das ist der Weg.

Während du schläfst, beginnt dein Herz neue Pläne zu machen. In ihnen verwebt es alles: deine Vorlieben, deine Stärken, deine Schwächen und den Mangel um dich herum... Irgendwann öffnet dein Herz sich ganz und lässt dich spürend und zuhörend ahnen, wohin deine Reise geht. Wohin es dich ziehen möchte, weil du dort am Besten aufgehoben bist und deine zahllosen zur höchsten Brillanz geschliffenen Facetten das Licht auf die angenehmste und sinnvollste Weise brechen.

Ja, du bist ein Diamant. Doch das hast du vergessen. Und nur du hast dich selbst über Jahrhunderte durch diesen Prozess begleitet. Wie kann jemand, den du zufällig in diesem Leben getroffen hast und dem du an die Seite gestellt wurdest, wirklich wissen, wo dein Platz ist? Du weißt es, weil dein Herz es versteht, dich in dieses Diamantnetz kostbarer, um die ganze Welt miteinander verwobener Herzen, richtig zu applizieren.

Begehe keine Dummheit, indem du dich weiterhin selbst verurteilst! Indem du Pflichten erfüllst, die deinem Herzen nicht entsprechen. Indem du nach falscher Harmonie strebst, die keine echte Harmonie ist, da du in Wahrheit nur deine Ruhe haben willst.

Ruhe vor dem inneren Kampf, wohlbemerkt. Ruhe für dich selbst und ein Ego, was nicht mit anderen verbunden ist. Diese Verbundenheit brauchst du, um dich selbst in der Großartigkeit dieses vollkommenen Diamanten auch nur ansatzweise zu erkennen. Dein Ego wird das nie schaffen.

Den Kampf, den du kämpfst, kannst du nicht gewinnen. Denn der Gegner, den du zu besiegen hoffst, bist du selbst, in deiner Sturheit und Verbohrtheit, falsche Sichtweisen und blind übernommene Regeln nicht auf ihre Gültigkeit für dein Diamantherz zu prüfen. Dein Herz will nur eins: für dich und andere strahlen. Und dafür ist ihm jedes Mittel recht, weil es weiß, dass du mit jeder Geburt ein neues Kleid anziehst. Da gibt es darüber hinaus nicht viel mehr zu verstehen. Da gibt es an nichts festzuhalten.

Wie willst du mit dieser starren Rüstung jemals etwas Sanftes tun? Wie das weinende Herz im anderen umarmen und durch eine zarte Berührung des Verstehens reinwaschen?

Absurd ist das, so deinen Weg zu gehen. Und so darf es nicht bleiben. Denn sonst brichst und zerstörst du die Herzen, die noch nicht so stark sind, wie du. Die deine Ermutigung brauchen, um sich aus ihrem Kokon hervorzuwagen. Die frei sein wollen und Führung brauchen. Und ursprünglich kamst du, um ihnen genau das zu geben. Weil du ein jedes dieser Herzen liebst.

Ganz hinein zu fallen in den eigenen Selbsthass, ist die einzige Möglichkeit, um zu verstehen, dass du dich in deinen Entscheidungen gegen dich selbst richtest. Deshalb bist du verzweifelt. Weil du nicht zulässt, dass du dieses Leben gar nicht führen möchtest. Weil du jemandem das Ruder über dein Herz übergeben hast. Weil du einen gesunden Menschenverstand irgendwo vergessen hast.

Gib auf, so harsch und unsinnig gegen dich selbst zu sein. Und tue endlich, was du liebst: Die Herzen der anderen retten. Sie beschützen. Ihnen Möglichkeiten zeigen, zu wachsen. Und zwar auf deine ganz eigene Art. Mit deiner eigenen Fähigkeiten Arbeit.

Gib auf, dich durch brutale innere Zensur zu einer Maschine zu erziehen.

Gib auf. So bitten wir dich.




Kommentare

  1. Ich muss dir einfach nochmal schreiben, wie wundervoll ich deine Texte finde! Sie gehen einem richtig unter die Haut, kribbeln und rufen!

    Schon sehr gespannt bin ich auf deine nächsten :)

    Liebe Grüße,
    Lena

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    1. Liebe Lena, das freut mich sehr!

      Meine Texte kribbeln unter deiner Haut und rufen? Ah, prima - das sollen sie ja auch. Ich freue mich, in dir eine erwartungsvolle Leserin gefunden zu haben :-) Und danke dir herzlich, dass du mich das hast wissen lassen!

      Herzlichst
      Josephine

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  2. Dem möchte ich zustimmen! Deine Texte reichen wirklich sehr tief und berühren, dieser hier ganz besonders!
    LG Anke

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    1. Liebe Anke,

      ja, finde ich auch...

      Es ist einer dieser Texte, die quasi zu mir geflossen sind - wo ich nur sitze und ohne Zensur herunter schreibe. Ich lasse zu, dass "es, er oder sie durch mich schreibt", im Wunsch, dass sich die richtigen Worte finden, die diejenigen mitten ins Herz treffen, die es brauchen... An diesen Texten überarbeite ich nur ganz wenig.

      Manchmal denke ich, die sind gar nicht von mir :-) - Ich bejahe sie aber aus vollstem Herzen!

      Vielen Dank und lieben Gruß an Dich
      Josephine

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