Universale Menschlichkeit

Noch einmal zum Thema Gehirnwäsche: Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Und eine Sache, eine Sicht, eine Situation von diesen beiden Seiten aus zu betrachten, eröffnet den Weg hin zu etwas Drittem: dem eigenen Herzen.

Wenn ich vom Herzen spreche, dann meine ich nicht etwas Prinzipienloses, aber doch etwas, was jenseits dieser beiden Seiten liegt. Es durchdringt quasi beide Seiten. Es ist nicht so, dass die beiden Seiten davon getrennt wären, aber doch bilden sie in sich etwas Unvollkommenes, Einseitiges eben.

Etwas mit dem Herzen zu betrachten, bedeutet, dennoch "Ja" zu den vorhandenen Seiten zu sagen, in aller Unvollkommenheit. Bedeutet, ihre gegenseitige Abhängigkeit zu verstehen. Und letztlich bei dem zu landen, was in der Essenz beides miteinander verbindet.

Auch zwischen den Arten von Menschen, die durch Indoktrination entstehen oder von totalitäten Systemen geschaffen werden, gibt es etwas Gemeinsames. Etwas, was allen zugrunde liegt. Dies zu entdecken, heißt, das eigene Herz zu entdecken. Und so kann die Verwirklichung des Herzens nicht stattfinden, wenn wir immer nur auf einer Seite stehen.

Egal, ob wir die Regimetreuen, die Oppositionellen oder die mit gebrochenen Herzen sind - auf einer Seite zu stehen, ist und bleibt eben nichts anderes als einseitig.

Und das Herz ist vielseitig, alles umfassend, befriedend, vereinend und alles tragend.


Schaue ich auf meinen Weg, so war ich irgendwann mal auf jeder dieser Seiten. Es gab Zeiten meiner Dharmapraxis, da versuchte ich, hundertprozentig zu praktizieren, wie es mir gelehrt worden war. Dann trat ich in Opposition, als ich das Element der Gehirnwäsche entdeckte. Und ich hatte ein gebrochenes Herz, weil ich loslassen musste, was ich erhofft hatte und akzeptieren musste, wovor ich mich gefürchtet habe...

Ich betrachte nun öfters dieses dreidimensionale Ich und akzeptiere erstaunt, dass alles von dem auch in mir lebendig war und manchmal noch ist.

Und während ich es betrachte, werde ich wach. Ich erwache an der Erkenntnis, dass in keinem dieser Seinszustände je Frieden war. Ich durchlebte sie, in der Hoffnung auf Frieden und Glück. Doch in keinem dieser Zustände war es - bis auf flüchtige Momente - wirklich greifbar präsent.


Während ich in meiner Betrachtung hindurch trudele, durch den raschen Wechsel der
Befindlichkeiten in jedem dieser Seinszustände, spüre ich ahnend, was das Herz des Ganzen wirklich sein könnte.

Wie immer ist es verführerisch, dafür einen programmatischen Begriff zu finden. Und Seine Heiligkeit der Dalai Lama würde es wohl "Universale Menschlichkeit" nennen - doch das schließt wiederum die Wesen anderer Bereiche nicht ein. Aber dieser Begriff ist so etwas wie der Finger, der auf den Mond zeigt - eben nicht der Mond selbst.

Und letztlich will der Buddhadharma nicht mehr sein, als eben der auf den Mond verweisende Finger. Das möchte ich nie vergessen. Ich möchte daran erinnert werden, wenn ich dabei bin, es aus dem Blick zu verlieren, weil ich mich eventuell zu sehr von meinem Herzen entfernt habe.


Indem ich im Herzen wach bleibe und mich darin übe, offenen Herzens zu sein, werde ich niemals das Bezeichnete mit dem Bezeichnenden verwechseln. So sei es.

In meiner Kindheit habe ich mich sehr für den Holocaust interessiert. Das zog sich hin, bis in meine Studienzeit, dass mich wieder und wieder Bilder von KZs fesselten. Weil mir dies selbst unheimlich war und ich niemanden kannte, der ähnlich fühlte, gestattete ich mir nicht, dieser Spur zu folgen. Ich dachte, daran wäre etwas Unangemessenes.

Indes, ich verstand damals mein Herz nicht. Die Wahrheit, die ich heute meinem Herzen entnehmen kann, ist die: Als jemand, der seinem Herzen immer nahe stand, wollte ich verstehen. Ich wollte unbedingt nachvollziehen, wie es sein kann, dass Menschen einander so etwas antun. Ich wollte mich einfühlen, in die Umstände, Gedanken und Beziehungen der offenbar kaltherzigen Regimetreuen, wagemutigen Oppositionellen und geschundenen Gebrochenen. Ich wollte sie unbedingt verstehen.

Für mich ist es heute Pflicht, meinem Herzen zu folgen. Und so hole ich nach, was ich damals aus Angst nicht zuließ: Ich beschäftige mich heute mit diesem Phänomen, dass unter bestimmten Umständen der Mensch dem anderen Menschen auch ein Wolf ist. Weil mich das "Wieso?" einfach nicht loslässt. Und je mehr ich verstehe, desto näher komme ich meinem Herzen.


Das kann ich deutlich fühlen. Ich spüre wirklich zunehmend Erleichterung, je mehr ich 1 und 1 zusammenzähle. Obwohl sich damit zu beschäftigen unangenehm ist. Ich lese und meditiere über so viel Leid... Trotzdem fühle ich mich zunehmend besser. Denn ich ahne, was das Herz wirklich ausmacht und was es nicht ist und nicht sein kann.

Und je mehr ich mich dem Herzen nähere, desto mehr den Buddhas. Als Buddhist spreche ich von den Buddhas - du sprichst vielleicht von Gott... das ist egal. Wichtig nur ist, dass ich zunehmend verstehe, was ein Buddha oder Gott oder das Herz wirklich sein könnte.


Ein Buddha schließt niemals ein Wesen aus. Ein Buddha gibt niemals ein Wesen auf. Egal auf welcher Seite es steht.

Und zu erahnen, warum er das per se nicht kann, weil es sein innerstes Wesen gar nicht zulässt, ist für mich sehr kostbar.

Frieden werde ich finden, wenn ich bewusst alle Seiten der Medaille plus die Medaille selbst erforscht und verstanden habe. Und allen Wesen gegenüber Liebe und Mitgefühl empfinden kann, weil ich fähig bin, sie als Individuum wahrzunehmen. Weil ich fähig bin, mich mit möglichst vielen Aspekten ihres Seins zu verbinden und sie als nicht getrennt, wenn nicht gar identisch mit dem eigenen innigsten Wesenskern zu sehen.

Die Wege und Mittel, die wir manchmal wählen, um glücklich zu sein, mögen nicht immer fair,  intelligent und liebevoll sein. Doch auch dafür, wenn es die scheinbar falschen Mittel sind und der falsche Weg ist, gibt es Gründe.

Einen Menschen wirklich als Mensch und ein fühlendes Wesen wirklich als fühlendes Wesen anzunehmen, bedeutet, sich die Mühe zu machen, das Zustandekommen - seine Geschichte - nachzuvollziehen. 

Das entschuldigt nichts und vermag Schaden und Leid nicht rückgängig zu machen. Diese Hinwendung wird aber letzten Endes dazu führen, dass ich selbst ein besserer Mensch werde und reinen Herzens lebe. Weil ich erkenne, dass all die Wesen da draußen, egal auf welcher Seite sie stehen, gar nicht so weit von mir entfernt sind. Oder ich nicht von ihnen, je nachdem, für welche Mittel und Wege ich mich entscheide. Das erhöht meine Wachsamkeit, mein eigenes Denken, Sprechen und Handeln betreffend.

Mir diese Mühe zu machen, wird von unschätzbaren Wert für mein Leben und mein Schaffen sein. Denn nur darum geht es: Mein wahres Herz zu befreien, um für mich und andere von Nutzen zu sein.
 

Und dafür ist es meine Pflicht, zweifelsfrei zu erkennen, was das Herz eben nicht ist -  parteiisch.



Kommentare

  1. Danke. Nicht nur für den heutigen Text. Lese Deine Worte immer wieder, um so viel mehr zu verstehen. Aber gerade heute spüre ich, wie sie für mich mehr sind als nur einfache Worte. Danke, das Du deine Erfahrungen und Gedanken mit uns teilst.LG von Frank

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    1. Lieber Frank,

      wenn das, was ich hier teile, auch nur einer Person etwas Gutes tun kann, ist der Zweck dieses Blogs erfüllt.

      Hab Dank für deine erneute Bestätigung, dass es Sinn macht, hier zu schreiben...

      Alles Liebe und Gute für dich!

      Herzlichst
      Josephine :-)

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