Gehirnwäsche

Inmitten der Arglosigkeit, die wir als unerfahrene Wesen natürlicherweise in uns tragen, können schlimme Dinge passieren. Das zu verstehen, erachte ich als wichtig - nur so kann ich der ständigen Gehirnwäsche entgehen.

Wie der Geist funktioniert, ist gar nicht so schwer zu verstehen, wenn man tief genug hinabsteigt - durch alle Überzeugungen, Annahmen und Gedanken hindurch. Und wenn du diesen Weg ein Stück weit gegangen bist, wird es Zeit, nicht nur achtsam, sondern wachsam zu sein. 


Letztlich nimmt ohne Wachsamkeit der Geist alles an und in sich auf, womit er sich lang genug beschäftigt. Und Impulse von außen, unsere Herkunft, die Denkweisen in der Familie und in unserer Gesellschaft sind es, die unsere Denkstrukturen langfristig prägen.

Wird der Geist intensiv genug mit immer den gleichen Prinzipien bestrahlt und genährt, wirst du diese Prinzipien irgendwann für die Wahrheit halten. Der Geist ist in dieser Hinsicht einfach wie ein Prisma, ein Kristall, was die Farbe des Untergrundes annimmt, auf den er gelegt wird.

Und so funktioniert Gehirnwäsche, jede Indoktrination, ganz einfach: Zwinge den Menschen, einfach dazu, sich täglich mit den gleichen Ideen und Idealen zu beschäftigen - und er wird früher oder später davon überzeugt sein! Es sei denn, er hat einen sehr starkes Bewusstsein seines wahren Herzens.

Es gibt genug totalitäre Regime auf der Welt - vergangen und existent - mit denen jeder von uns sich beschäftigen kann, um das zu verstehen. In den Dogmen dieser ist die Gehirnwäsche am leichtesten zu finden. Doch letztlich kann alles einer Gehirnwäsche gleichkommen. Auch das, was Religionen lehren, wenn es nur oft genug wiederholt wird.

Ich mache mir da gar nichts vor, wenn ich sage, dass auch der Buddhismus eine ähnlich betörende Wirkung entfalten kann, wenn seine Sichtweisen nicht das Tor meiner Wachsamkeit passiert haben. Und oft fühle ich mich unter Gleichgesinnten auch gleich geschaltet. Es sei denn, es gibt einige Menschen unter ihnen, die bemüht sind, alles Gehörte, Gelesene und Gesehene zu reflektieren, anstelle nur zu adaptieren.

In jenem Zentrum, wo ich vor Jahren glücklich war, fiel mir in dieser Hinsicht auch einiges auf, was mich stark wachsam werden ließ. Scheinbar waren es nur nebenbei erwähnte Sätze, die dieser oder jener mal äußerte... Doch die Häufung dieser Sätze, aus unterschiedlichen Mündern, im gleichen Gestus gesprochen war es, die mich aufmerken ließ.

Wenn zum Beispiel jemand eine Phase hatte, in denen er sich unwohl oder schlecht fühlte - vielleicht auch mit seiner Praxis, da hörte ich oft die Frage: "Praktizierst du denn noch?" Das klingt harmlos, nicht wahr? Gruselig fand ich nur den Gesichtsausdruck, den dabei alle zur Schau stellten, die diesen Satz fragten - und das Gefühl, dass er verursachte, wenn ich ihn hörte. Was vielleicht besorgt klingen sollte, empfand ich als Drohung. Und zwischen den Zeilen hörte ich: "Du weißt, dass du deine angenommenen Gelübde einhalten musst, sonst bringst du Unglück über deinen Lehrer, den Dharma und über dich!"

Ich weiß, ich habe in diesen Dingen eine sehr subtile und feine Wahrnehmungsweise. Ich brauchte Jahre, um mit dem Thema "meine" Praxis und den damit verbundenen Gelübden entspannt und menschlich umgehen zu können. Dieser Druck, alles richtig zu machen und Schlimmes zu befürchten, wenn ich  dies nicht tue, schlich mir lange nach.

Wirklich schockiert hat mich, dass ich diesen Satz auch noch aus dem Munde eines Bekannten von früher hörte - gerade letzten Herbst, als ich ihn nach zehn Jahren wiedertraf. Ganz ehrlich: Dies machte mich wütend - wenngleich ich diese Reaktion nur am Rande meines Bewusstseins wahrnahm und nicht in unsere Begegnung einfließen ließ. Als gäbe es keine wichtigere Frage, als diese!

Und es gibt jede Menge wichtigere Fragen! Viel wichtigere: Menschliche Fragen, Fragen des Herzens, Fragen der Existenz, Fragen nach entfalteter Liebe, Mitgefühl und Weisheit - egal mit welchen Mitteln und auf welchem Weg!

Was in dieser Drohung immer leise mitschwang, ist eine Art von Gruppenbewusstsein, dem ich mich gründlich entzogen habe. Und das hat gewichtige Gründe: A) geht meine Praxis niemanden was an - das mache ich mit mir, dem betreffenden Lehrer, den Buddhas und meiner Motivation auf meinen Pfad durch mein tägliches Leben aus. Ich bin dafür niemandem Rechenschaft schuldig. B) kann ich noch so gut und buchstabengetreu meine Verpflichtungen einhalten, ohne dass ich gravierende Fortschritte erziele, wenn ich die Praxis nicht mit meinem Herzen verbinde.

Das Herz zu entdecken und zu ihm zu finden, gelingt nicht dadurch, dass ich brav Gebete rezitiere. Sicher kann mir das regelmäßige Sprechen Gewöhnung verschaffen. Und diese Gewöhnung kann manchmal den Eindruck von Geübtheit vermitteln. Doch wenn diese Gewöhnung nur im Geist stattfindet, ohne das Herz zu öffnen, bleibt alles nur äußerlich, oberflächlich und von grundlegender Verwirklichung leer.

Diese Gewöhnung, wenn fanatisch und stringent genug geübt, kann gegenteilige Effekte erzielen, als der Buddhismus gemeinhin beabsichtigt: Anstelle Bodhichitta zu wecken, erzieht er uns zu Moralaposteln, die es sich zur Gewohnheit machen, andere auf ihre Buchstabentreue zu überprüfen, anstatt auf die eigenen Fortschritte zu achten.

Diese leise sich anschleichende Gehirnwäsche kann massive Folgen zeitigen. Hier komme ich noch einmal zurück auf das, was totalitäre Regime zur Perfektion gebracht haben: Sie indoktrinieren die Menschen ständig mit Parolen, organisieren ihren Alltag und lassen den Menschen keine Möglichkeit und keine Zeit, über das zu reflektieren, was ihnen mit Macht beigebracht wird.

Noch einmal: Reflexion ist, wenn du das, was du erlebt, gehört, gelesen, gesehen oder mit anderen besprochen hast, in dein Herz nimmst und nach deinem persönlichen Verständnis von Ethik untersuchst. Dazu braucht es Abgeschiedenheit, Ruhe und den Wunsch, sich selbst auf die Spur zu kommen und treu zu sein. Und dann gilt es, in Übereinstimmung mit deinen dabei gemachten Erkenntnissen zu denken, sprechen und handeln. Das ist Autarkie und Individualismus. Das ist ein Leben aus dem Herzen.

Und wenn dieser Raum und diese Zeit nicht gewährt und gefördert werden, bleibt die Gewöhnung oberflächlich und das Herz leer und unerreicht.

Bisher brachte Gehirnwäsche immer nur diese Arten von Menschen hervor: Die Gleichgeschalteten, die keine Beziehung zur eigenen Herzensnatur haben -und die bereit sind, zur Aufrechterhaltung der Doktrin allerlei Unmenschlichkeiten zu verüben. Oder die Oppositionellen, die sich dagegen wehren, ihr Herz verteidigen und selbst denken, handeln und sprechen wollen, aus ihrem innersten Kern des Menschseins heraus. Und leider gibt es auch die Gebrochenen. Die daran verzweifelt sind, dass die kaltherzige Doktrin ihnen keinen Raum gewähren wollte. Deren Herz zerbrach und die es bisher nicht geschafft haben, es zu heilen. Die von den Doktrintreuen als krank betrachtet und manchmal verlacht und geächtet werden. Die es manchmal beherrschen, ihr gebrochenes Herz gut zu kaschieren und sich als gesund und wohlauf zu verkaufen... Und zu welcher Art Mensch zählst du dich?

In meinen Augen ist es wichtig, zu verstehen, dass der Weg zum Herzen nicht allein achtsam, sondern wachsam gegangen werden muss.

Sei wach genug, zu erkennen, wo du eine Sichtweise, die bisher schädlich war, einfach durch eine andere ersetzt.

Vielleicht, weil du einfach glücklich sein möchtest und denkst, dass es reicht, einfach das unheilsame Denken durch das heilsame Denken auszutauschen. Doch das ist erst der Anfang des Weges, der deinen Geist sammeln, beruhigen und auf das Gute fokussieren kann und wird. Das ist eine grundlegende Vorbereitung.

Die wahre Arbeit, fängt dann aber erst an: Nämlich in die Tiefen des Geistes hinab zu steigen, die Beschaffenheit der Gedanken und ihr Kommen und Gehen zu verstehen. Darüber sorgfältig zu reflektieren, inwiefern es "das Gute" und "das Schlechte" eigentlich gibt. Dem Geheimnis des abhängigen Entstehens wirklich auf die Spur zu kommen. Und allmählich hinabzusinken, in deines Herzens Tiefe, die irgendwo jenseits davon erst beginnt...

Wenn du langsam jenseits aller Doktrin gelangst, machst du dich erst wirklich auf den Weg des Herzens!

Andernfalls übst du nicht mehr und nicht weniger als ein bisschen Gehirnwäsche.

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