Die vergessene Wirksamkeit des Unsichtbaren

Bei einem Thema bin ich mit meinem Vater nicht einig geworden: Entscheidet sich der Nutzen und die Fürsorge für andere anhand des äußeren oder inneren Engagements?

Wie ich irgendwo schon schrieb, komme ich aus einer christlichen Familie und mein Vater war Pfarrer. Im Christentum ist der Aspekt des Dienens am Menschen von großer Wichtigkeit - verwendet wird dafür der Begriff "Diakonie". Und das bekannteste Gleichnis dazu ist das des barmherzigen Samariters.

So war das Leben meiner Eltern getragen von diesen Gedanken - und äußeres Engagement in diesem Sinne von Bedeutung. Zudem engagierte sich mein Vater noch politisch, wenn auch zu Zeiten des real existierenden Sozialismus verhalten und im stillen Protest (ich stamme aus der ehemaligen DDR). Natürlich hoffte er, dass seine Kinder in seine Fußstapfen treten würden, was das soziale und äußere Engagement betrifft. Indes, ich fühlte da schon immer etwas anders.

Ich interessierte mich für das Innere, für Psychologie - und später überzeugte mich der Buddhismus. Und ich sagte meinem Vater immer: "Bevor ich wirklich anderen von Nutzen sein kann, muss ich mich selbst und mein Inneres erst einmal in Ordnung bringen." An dieser Einstellung hat sich für mich bis heute nichts geändert.


In den Jahren, wo wir in diesem Punkt unterschiedlicher Meinung waren, fragte ich mich oft, was denn nun von beidem besser sei. Sicher getragen von einem leichten schlechten Gewissen, dass ich so viel Zeit mit mir, meinem Geist und dem Erforschen innerer Vorgänge verbrachte, als mit äußerem Engagement.

Mit der Zeit erweiterte ich sogar die Frage, indem ich überlegte, ob das innere Engagement wirklich - wie es oft den Eindruck machte - eine zu stark selbstbezogene Beschäftigung sei. Zumindest urteilte ich früher so darüber. Und indem ich so urteilte, verurteilte ich oft genug auch den eigenen Trieb, mich nach innen zu richten.


Hier tat sich ein Zwiespalt auf, eine kulturelle Schranke, möchte ich sagen. Denn im Christentum sind die Mystiker irgendwann aus dem Blickfeld geraten - also jene, die den inneren Weg als den Weg zu Gott und der Nächstenliebe leben.

Zugleich belegte ich mich selbst mit einer Art Zwang. Ich gestattete mir nicht, so weit nach innen zu gehen, wie ich es eigentlich spürte, tun zu müssen. Ich gestattete mir nicht zu schreiben, weil dies kein sichtbar tätiges Wirken für andere Menschen war. 

Stattdessen versuchte ich mich, irgendwie in Richtung soziales Engagement zu bringen. Als Jugendliche arbeitete ich im Altersheim und im Krankenhaus, absolvierte nach dem Studium eine Ausbildung als Schwesternhelferin und ein Praktikum bei an Demenz erkrankten Menschen im Pflegeheim.

Ich bereue nicht, dies getan und erlebt zu haben, doch ich verzweifelte auf gewisse Art, wenn ich mir vorstellte, dies mein Leben lang zu tun. Vor kurzem noch bemühte ich mich um eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin - gedacht als Zukunftsperspektive. Doch wenn ich wirklich tief in mein Herz hinein spüre, weiß ich, dass dies alles nichts für mich ist.

Und irgendwann wird es Zeit, diese Wahrheit zu akzeptieren. Irgendwann ist  es Zeit, sich nicht mehr zu biegen und in eine Richtung zu zwingen, mit der das Herz nicht in Resonanz geht...

Heißt das, ich will meinen Mitmenschen nicht zugewandt und hilfreich sein?

Natürlich nicht.

Vollkommen falsch gedacht - wenn nicht sogar ganz im Gegenteil!

Letzten Endes wird das Arbeiten an mir, meinem Herz und meinem Geist auch für meine Mitmenschen von Nutzen sein. Faktisch ist es das schon. Denn je mehr mich mein Herzensweg wandelt, desto heilsamer bin ich für andere - egal wo ich auf sie treffe und ihnen begegne. Ich weiß das. Ich spüre das.

Doch Hand aufs Herz: Dies ist oft nicht an äußeren Taten zu sehen und ich kann den Nutzen, den ich wirke, nicht nachweisen. Ich kann selbst das Positive, was mein tägliches Denken und Beten und Meditieren bewirkt, nicht nachweisen. Und daher hat es hier und in unserer heutigen Gesellschaft einen weitaus geringeren Stellenwert, als das sichtbare tätige Dienen am Mitmenschen.

Dass uns die geistige Dimension oder das Gespür für das nicht sofort sichtbare Heilsame verloren gegangen ist, in unserer Gesellschaft, erschwert den Zugang zum Weg des Herzens. (Und auch den Zugang zum Buddhismus).

Die Dimension des Geistes und Herzens und deren Wirksamkeit ist beinahe bedeutungslos geworden. Und mit ihr, so fürchte ich, oft genug auch Glauben und Vertrauen, dass der heilsam gestimmte Geist, die ausbalancierte Psyche und ein reines Herz Macht und Einfluss hat - und täglich Einfluss nimmt. Auf mich und dich, jeden und alles, was mit uns in Berührung kommt und worauf wir unser Denken und Fühlen richten. Diese Dimension fehlte mir von Kindheit an in meinem Leben. Und sie jetzt für mich zuzulassen, als wahrhaft existent und wirksam, ist für mich unglaublich befreiend.

So führe ich ein unscheinbares Leben, kann keine nennenswerten äußeren Erfolge vorweisen. Doch ich weiß, dass meine innere Arbeit Kraft hat und von Bedeutung ist - und unsere Gesellschaft mitgestaltet. Tag für Tag. Ich weiß, dass mein Gespür für vieles Unsichtbare, Unausgesprochene und Nichtmaterielle täglich von Nutzen und für mich und andere wirksam ist.

Und wenn ich einen Wunsch frei hätte, so wünschte ich, dass wir in dieser Gesellschaft wieder lernen, auf diese anderen Dimensionen zu hören, sie einzubeziehen und ihnen als Teil unserer Realität zu vertrauen.

Nur dann, so weiß ich, werden wir den Weg des Herzens zu Ende gehen können und die Unterstützung hilfreicher Wesen und Energien aus diesen Dimensionen erfahren, die wir dafür brauchen.


Heute gibt es für mich keine Wertigkeit mehr, zwischen äußerem oder inneren Engagement. Ich unterscheide nach Veranlagung: Der eine nähert sich seinem Herzen, indem er sich nach innen wendet, diese anderen Dimensionen erforscht und seine Erfahrungen im Außen anbringt. Und der andere ist tätig im Außen, um darüber etwas über sein Herz zu erfahren
.

Dass ich heute meiner Veranlagung zur Innerlichkeit ohne schlechtes Gewissen folgen kann, hat mich ein hartes Stück Arbeit gekostet. Lange Zeit habe ich das Falsche, dieser Anlage Widersprechende, für meinen Lebensweg gewählt.

Doch letzten Endes lässt sich das Herz, wenn du es entfalten willst, nicht betrügen. Früher oder später bahnt sich dein Herz seinen Weg. Früher oder später wirst du das für dich Stimmige tun. Und das, was stimmig ist, ist der Wille des Herzens.

Der Wille des Herzens berücksichtigt stets sowohl das eigene Wohl, als auch das der anderen. Egal in welcher Ausdrucksweise, egal in welcher Form des Engagements oder in welcher materiellen oder geistigen Dimension. Da hinein setze ich mein überzeugtes Vertrauen.







Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    Du sprichst mir in diesem Beitrag aus dem Herzen! Genau das Thema beschäftigt mich recht häufig. Und ich frage mich, ob es wohl egoistisch ist, ein nach innen gewandtes, meditatives Leben zu führen, entsprechnd den eigenen Möglichkeiten, anstatt nach außen hin aktiv zu werden. In meinem Herzen weiß ich, dass beides seine Berechtigung hat, dass es vielleicht sogar gleichwertig ist, auch wenn Kontemplation erst mal nichts zu bewirken scheint, auf andere bezogen. Aber insgeheim werfe ich es mir dann doch vor, dass ich so wenig Sichtbares schaffe. Dafür aber kann ich behaupten, dass in meinem Inneren Frieden herrscht, dass ich da aufgeräumt habe und dass sich das vielleicht auch auf meine Mitmenschen angenehm auswirkt. Auch ich habe mich entschieden, nicht ganz freiwillig zwar, den inneren Weg zu gehen, egal was andere darüber denken.

    Ein sonniges Wochenende wünscht Dir Anke!

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    1. Liebe Anke,

      siehst du, das macht mich traurig, dass - entschuldige die klaren Worte - du dich für Aspekte deines Lebens noch subtil schämst. Ich lese das zwischen den Zeilen, ich spüre das im Herzen.

      Natürlich ist das nicht deine Schuld. Es spricht nur von der Verarmung unserer Kultur und Gesellschaft und das ist es, was ich für bedenklich halte.

      Ich habe in diesem Beitrag nur angedeutet, dass ich es bedaure, dass wir nicht mehr an die anderen Dimensionen glauben. Doch es gibt sie, ob wir daran glauben, oder nicht. Sie haben ihre Existenzberechtigung und wirken in unser menschliches Dasein hinein - und wir auf sie.

      Im tibetischen Buddhismus ist das Wissen darüber noch lebendig. In dem Buddhismus, den wir im Westen übernehmen, wird es gemeinhin beiseite gelassen. Weil wir beschlossen haben, nicht mehr daran zu glauben. Das ist schade und macht uns, so denke ich inzwischen, in bestimmten Lebensbereichen dumm und unbeholfen.

      Denn - und jetzt kommt es: Deine Kontemplation erreicht definitiv andere. Und auch die Menschen, für die du betest. Nur haben die meisten Menschen auch verlernt, dies zu spüren, wenn jemand sich im Geiste um sie kümmert...

      Weil das Thema in unserer Kultur eben zwiespältig ist, gehe ich in meinen Beiträgen nicht in voller Tiefe darauf ein, aber - du kennst dieses Zitat: "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt."

      Und nicht alles, was wir im Westen für Erklärungen haben, was wir anderen für Diagnosen stellen, beruht auf der Wahrheit, sondern entspringt Unwissenheit und darauf beruhenden Vorurteilen... Aber wenn es natürlich genug Leute gibt, die an alles das als wahr glauben, hat die Unwissenheit plötzlich Macht und Einfluss.

      Was ich dir damit sagen möchte: Du kannst deinem Herzen und deinem Weg vertrauen. Und du kannst deiner ganz persönlichen Wahrnehmung vertrauen. Sie hat ihre Existenzberechtigung. Sie macht dich einzigartig. Lass dir bitte kein schlechtes Gewissen mehr machen. Das ist ungütig, dir selbst gegenüber.

      ;-) Ganz herzliche Grüße und einen schönen, sonnigen Sonntag auch dir!
      Josephine



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