Das Tabu der Konfrontation

Obwohl die Tinte meines letzten Beitrags kaum getrocknet ist, schreibe ich heute schon den nächsten. Und das hat folgenden Grund:

Der Liebe des Herzens zu folgen hat eine Kehrseite. Insbesondere, wenn du dich zum ersten Mal dafür entscheidest. Die Kehrseite ist das Echo deiner Schritte in die Freiheit, das dir von außen entgegenkommt. Es wird nicht immer positiv sein.

So stelle ich Euch dieses Mal zuerst zwei Zitate an den Anfang:
"Weise alles zurück, was nicht Liebe ist. Was dann bleibt, ist Mitgefühl. Was du in deinem Wesen bist, ist von außerordentlicher Bedeutung, denn du bist die Welt und die Welt ist du. Das ist Mitgefühl." (Jiddu Krishnamurti)
Das zweite stammt aus Buddhas Rede an die Kalamer - und jeder Buddhist oder Buddhimus-Interessierte sollte es kennen:

"Geht Kálámer, nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters!"

Zum ganzen Sutra in deutscher Übersetzung bitte hier klicken: Kalama Sutra.

Damals, als ich aufbrach, meinem Herzen zu folgen - und nicht länger dem zu folgen, was andere sagten, andere für richtig hielten und was andere für ethisch korrekt und heilsam lehrten, wehte mir ein eisiger Wind entgegen. Und zwar auf allen Ebenen meines Seins.

Das Kostbarste, was ich bis dahin - und bis heute - erlebt habe und für das ich unsagbar dankbar bin, war, auf den Buddhadharma getroffen zu sein. Doch, naiv und unbedarft, wie ich war, rechnete ich nicht damit, dass der Dharma nur so lebendig, frisch und heilend ist, wie wir ihn für uns selbst erschließen können. Unsere innere Erfahrung mit dem Dharma entscheidet, ob die universelle Wahrheit darin lebendig - oder leer und tot ist.

Und zu bemerken, dass Dharma leer und tot ist, weil er oft im Intellekt oder Verstand belassen wird, hat mich am Ende sehr schockiert. An und für sich spricht nichts dagegen, ihn rein intellektuell zu erlernen. Doch wenn aus dieser intellektuellen Aneignung nichts Gutes, sondern Schaden entsteht, ist dieser Dharma nicht mehr der Buddhadharma, sondern irgendetwas anderes. Irgendetwas, wo das Label "Buddhas Lehre" drauf steht, aber nichts drin ist. Und das konnte ich im Herzen nicht ertragen und ging fort.

Ich wusste damals sehr genau, dass den Buddhadharma mit meinem Herzen verbinden zu wollen, erfordert, durch alle Schleier um dieses Herz zu gehen. Und diese haben rein gar nichts mit "dem Buddhismus" zu tun, sondern mit meinem Menschsein. Mit dem, was ich von Kindesbeinen an erlebt habe, die Schmerzen, die ich erfahren habe, die Tränen, die ich geweint habe. Nur, wenn es mir gelingen würde, die buddhistische Lehre damit zu verknüpfen, würde Dharma mein Herz und das Herz der Dharma sein.

Also ging ich durch meine Schleier und ließ zu, dass auf dem Kissen, wenn ich des morgens Guru Yoga praktizierte, mitten in der Meditiation plötzlich Erinnerungen auftauchten. Sie handelten alle von unverarbeiteten Erlebnissen, von Verletzungen. Ich sah, wie sie verknüpft waren, mit meiner Unfähigkeit, liebevoll, herzlich und anderen zugewandt zu sein. Die Kerben, die sie in mir hinterlassen hatten, ließen mich endlos um mich selbst kreisen und die beständige Frage "Warum?" und "Wieso?".

Ich fasste Vertrauen, dass alles dies nicht einfach zufällig auftaucht, sondern dass diese Erlebnisse mir zeigen, wo mein Herz in Ketten liegt. Und dass diese Ketten zu lösen, bedeutet, die Schleier aufzulösen. Also ließ ich mich auf sie ein.

Schnell befand ich mich in einem inneren Dilemma: Dieses ständige "Warum?" in mir drängte mich danach, Fragen zu stellen und klärende Gespräche zu führen, mit den Menschen, die mir bisher am nächsten standen und durch die ich diese Kerben erfahren hatte. Nur so konnte ich das innere Kreisen beenden, dass ich einfach Mut fasste und noch einmal unschöne Dinge aus meiner Vergangenheit ansprach.

Ich wollte noch einmal meine Sicht der Erlebnisse schildern und dann auf die Sicht der anderen, involvierten Person hören.
 

Ich hoffte, dadurch meine Sicht, ungerecht behandelt worden zu sein, auflösen zu können. Und damit die unterschwellige Aggression gegen diese vermeintlichen Peiniger, die Teil meiner Familie waren.
 

Ich hoffte, sie würden mein Ansinnen verstehen, wenn ich sagte:
 "Hör zu, ich komme einfach nicht heraus, aus der negativen Sicht dieser Ereignisse zwischen uns in der Vergangenheit. Ich möchte dir nicht mit feindlichen Gefühlen begegnen, deshalb hilf mir bitte, diese Erlebnisse zu klären."
 

Ich wünschte mir von Herzen, dadurch die Beziehungen zu bereinigen und auf ein besseres Niveau zu heben.
 

Aus der buddhistisch erlernten Sicht zögerte ich, dies zu tun. Dort sprach man so viel darüber, immer freundlich zu sein und die eigene Familie zu schätzen und zu ehren. De facto wurde immer davon abgeraten, andere mit dem Unheilsamen direkt zu konfrontieren. Und aus meiner christlichen Herkunft kannte ich dieses Tabu auch: Du sollst Vater und Mutter ehren... und ich sah auch die anderen Mitglieder der Familie nicht davon getrennt.

Irgendwann aber wagte ich den Schritt.
Denn ich wollte genau dies: Meine Familie ehren, indem ich ihr offenen und bereinigten Herzens einmal gegenüberstehen könnte. Doch im Moment des inneren Kreisens um meinen Schmerz war ich dazu nicht in der Lage. Ich litt unter meinen Ängsten, meiner Depression und unterschwelligen Abneigung.
 

Nachdem ich einige psychologische Ratgeber gelesen hatte und verstand, dass mein Schmerz ganz typisch ist, für die heutige Zeit und die heutigen Lebensumstände, fasste ich mir also ein Herz und ging auf meine Familie zu...

Und was dann geschah, war das Schlimmste, was mir jemals passiert ist. Mir wehte ein so starker Gegenwind entgegen, angefüllt mit Abweisung, eisiger Kälte und Schuldzuweisung, dass ich mich augenblicklich mutterseelenallein auf der Welt wiederfand. Alle Wunden, an denen ich bisher gezweifelt hatte, dass sie wirklich sind und von denen ich gehofft hatte, ich bilde sie mir ein, brachen unvermittelt auf und bluteten, als wären sie eben frisch geschlagen worden.

Nun stand ich da.

Im schlimmsten emotionalen Inferno seit Menschengedenken.

... und da dämmerte in mir diese Stimme herauf, die mir leise und eiskalt zuflüsterte: "Siehst du, das hast du nun davon! Hättest du lieber den Mund gehalten und hättest einfach weiter gelebt, mit deinem Schmerz! Außerdem hast du gesündigt, indem du anderen gesagt hast, sie hätten dir weh getan. Was du nun erfährst, ist das Echo deines Karmas. Du bist selbst Schuld, dass du so schlecht behandelt wirst."

Ich verbrachte schreckliche Monate, in denen diese eisige Stimme nicht von mir wich.

Doch dann erinnerte ich mich: "Weise alles zurück, was nicht Liebe ist..." - auch bei anderen. Ich erinnerte mich, dass ein jeder von ihnen auch ein verschleiertes Herz hat. Und das, was mir da entgegen geschleudert wurde, entstammte den Schleiern, nicht aber dem Herzen. Doch ich wollte ihr Herz, so, wie ich das meine auch wollte.

Nach finsteren zwei Jahren kam allmählich alles wieder ins Lot. Heute habe ich persönlich ein anderes Verhältnis zu meiner Familie, als früher. Und es ist frei von Aggression, ebenso wie Reue.

Ich lernte, dass ein jeder für sich entscheidet, wie weit er mit seinen Schleiern und seinem Herzen arbeitet. Und so weit, wie ich zu gehen bereit war und bin, mag nicht jeder gehen. Auch nicht in meiner Familie.
 

Und hätte ich diese Konfrontation nicht gesucht, wäre mir nicht klar geworden, dass ich genau aus diesem Grund ganz meine eigenen Wege gehen muss. Und dafür musste ich auch emotional und geistig mein "Vaterhaus" verlassen. Ich lernte, die in der Familie erlernte Sicht auf das Leben und den inneren Weg aufzugeben, um meinen eigenen Prinzipien zu folgen.

Und diese Lehre erteilte mir mein Herz, indem es mich zur Konfrontation ermutigte. Nicht der Buddhadharma, wie ich ihn bisher intellektuell erlernt hatte.

Seither bin ich vollkommen bereit, meiner eigenen Wege zu gehen. Und mich dabei absolut den Hinweisen aus meiner täglichen buddhistischen Praxis anzuvertrauen, die zugleich Hinweise meines Herzens sind.

Ich werde in meinen Interaktionen nicht bekommen, was ich erwarte. Doch alles, was ich erlebe, habe ich selbst erfahren und selbst geprüft. Ich handele nicht nach den Worten, die jemand zu mir spricht. Ich nehme die Worte und bewege sie in meinem Herzen. Und erst dann entscheide ich, ob ich ihnen folge, oder nicht.
 

Auch wenn ein hoher Rinpoche Belehrungen gibt, nehme ich nicht alles sofort an, was er sagt, sondern bewege alles zuerst in meinem Herzen. Ich spüre genau, ob das, was da gesprochen ist, in guter Resonanz zu meinem Herzen ist. Und ich scheue die Konfrontation nicht mehr, wenn mir mein Herz dies als den passenden und schnellsten Weg durch die Schleier weist.

Ich bin bereit, jeden Schmerz noch einmal zu kosten, zu erforschen und zu erfahren, wenn dies die einzige Möglichkeit ist, ihn zu heilen. Und ich bin bereit, alle Lehren loszulassen, wenn ich spüre, dass sie verhindern, mein Herz zu befreien.

Das ist der Weg des Herzens. Und dieser ist nicht getrennt vom Dharma, den ich von Herzen liebe.

Kommentare

  1. Liebe Josi,

    ich habe ähnlich gehandelt, und zwar, sofort: zuerst meine Heimat verlassen, dann meinen Ehemann. Am Anfang habe ich gar nicht benennen können, was es ist, was ich in meinem Leben erreichen wollte. Ich wollte nur "Leerheit" verstehen, nachdem du mir begegnet bist.
    Dass ich ebenso wie du mitten im Dunklen Universum lande und keine Stütze finde - außer dir und unseren Bemühungen, das Richtige zu tun, habe ich nicht geahnt. Die eigentliche Angst, allein und abgestossen zu sein, kam erst nach diesem Losgehen in die Welt.
    Auch heute noch empfinde ich hin und wieder bei der Arbeit, dass die Kollegen und sogar Freunde mich oft in wichtigen Momenten allein lassen, weil meine Entscheidungen nicht ihren Erwartungen entsprechen und sie mich dann damit "bestrafen", indem Funkstille herrscht. Das kann schon weh tun! Aber beweist wie du schreibst, was Buddha eigentlich sagen wollte, dass das Leben Leiden ist, also, Schmerz.
    Ich schließe mich dich an und dem Schmerz und der Liebe, die alles verzeiht oder auch nicht!
    Deine Jampa Lhatso

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    1. Liebe Schwester,

      ja, ich erinnere mich, dass du mich immerzu fragtest: "Was ist Leerheit?", als dächtest du, ich hätte alle Antworten :-D ... und wie du meintest, um sie zu erkennen, müsstest du unbedingt in eine Höhle gehen und meditieren...

      Doch hier schreibst du über das eigene Gehen in die Welt, um endlich eigene Erfahrungen zu machen. Roh, ungefiltert und ungebunden, an bisherige Überzeugungen und von anderen vorgelebte Erfahrungen. Und dieser Weg mitten durch die Welt, kann dich auch zum allmählichen Verständnis der Wahrheit - und der Leerheit - führen.

      Was du "Funkstille" nennst, ist ein Symptom des geschlossenen Herzens. Wo die Herzen geschlossen sind, herrscht Dunkelheit und unerbittliche Kälte. Ich denke, ich nehme den Mund nicht zu voll, wenn ich sage, unser beider Erfahrungen führten und führen uns dem Verständnis immer näher, warum so viele Menschenherzen so fest verschlossen und manchmal wie einbetoniert sind.

      Und das ist ein guter Weg. Denn wie will Mitgefühl entstehen, wenn du und ich die Gründe nicht kennen, warum wir abgewiesen wurden und oft immer noch werden? Wie will ich erkennen, welche Ursachen für das geschlossene Herz in mir existieren und wie will ich stattdessen ein offenes Herz kultivieren, wenn ich die Gegenmittel nicht kenne?

      Ich bin davon überzeugt, dass ich aus der Liebe meines Herzens imstande bin, alles zu verzeihen. Aber dies bedeutet nicht, alles einfach hinzunehmen. Auch nicht die verschlossenen Herzen der anderen.

      Aus der Liebe wünsche ich, dass alle offenen Herzens sind. Und aus der Liebe heraus bin ich bereit, manchmal lautstark und ebenfalls unerbittlich, an die verschlossenen Türen zu klopfen...

      Sei herzlich umarmt,
      Jampa Dekyi

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