"Bist du glücklich?"

Stell Dir vor, es fragte dich jemand: "Bist du glücklich?" Und du antwortest: "Nein." Und nach einer kleinen Pause sanften Lächelns fügtest du hinzu: "Darauf kommt es mir nicht an."
 

Wahrscheinlich würde dein Gegenüber verwirrt sein. Vielleicht ist es ihm wichtig, dass du glücklich bist. Oder er möchte niemanden in seiner Nähe, der nicht glücklich ist. Weil er sich vom Leid bedroht fühlt. Weil er mit seinem eigenen Leid nicht umgehen kann. Auch hier hat die Medaille wieder zwei Seiten.

Und nun kommst du und sagst: "Ich bin nicht glücklich. Das ist o.k.!" 

Oft fühle ich mich beinahe belästigt, wenn ich beobachte, wie ungeheuer wichtig es zu sein scheint, glücklich zu sein. In letzter Zeit geht mir diese Einstellung ganz gehörig auf die Nerven. Und ich entdecke immer wieder Schaden, der gerade aus dem Wunsch nach dem eigenen Glück entsteht.

Wenn dieses angestrebte Glück ein Glück ist, was frei von Leiden und Schmerz sein will, ist es nicht mehr als eine Täuschung. Und viele Menschen, die diesem Trugbild von ihrer Gegenwart und Zukunft hinterher laufen, verstricken sich in ein bestimmte Rolle, die fern von ihrem wahren Herzen ist.

Sie sagen, es geht ihnen gut - obwohl es ihnen nicht gut geht. Oder sie sagen zeitweise, es ginge ihnen so schlecht - obwohl es anderen viel schlechter geht. Sie sind nicht geerdet, in der Realität und verteidigen ihre Vorstellung vom Glück und was es dafür zu tun gilt, auf Kosten anderer.

Weil sie Leid verbannen wollen, akzeptieren sie niemanden, der offensichtlich leidet. Sie eilen auf ihn zu und wollen ihn sofort in Ordnung bringen. Sie haben tausende von Ratschläge und empfehlen hunderte Mittelchen gegen das Leid. Und wollen nicht mehr und nicht weniger als ihre unmittelbare Umgebung vom Leid sterilisieren.
 

Und wenn alles nicht so läuft, wie sie es sich selbst vorstellen und nicht wie geplant die Kontrolle über sich selbst behalten können, werden sie ganz und gar hysterisch. Ab sofort möchten sie, dass sich alles nur um sie dreht und dass sie schnellstmöglich wieder Kontrolle erlangen.

Aber: Ich war auch einmal so. Weil ich mich vor Leid und Kontrollverlust gefürchtet habe. Ich habe mit allen Mitteln um mein Glück und die Macht über mein Leben gekämpft. Und ich weiß nicht, wie vielen Wesen ich damit unermessliches Leid zugefügt habe.

Denn ein Wesen, was die Wirklichkeit bekämpft, verletzt nun einmal andere.

Und auch, wenn da jemand wäre, der mich fragte "Bist du glücklich?", weil er mir ehrlichen Herzens nur das Beste wünscht, so könnte er mich nicht glücklich machen. Er könnte mir nur Glück wünschen.

Was du und ich aber wirklich können - und was auch jener Frager kann, das ist etwas viel Kostbareres, als jemanden glücklich machen.

Es ist kostbarer, weil es auf der Wirklichkeit beruht: Er oder sie - du oder ich - können miteinander unser Leid teilen. Denn Leiden ist es, worauf unsere Existenz beruht. Und das Streben nach Glück ist nicht viel mehr, als der Wunsch, das Leiden zu überwinden.

Doch solange wir diese Existenz nicht überwinden, überwinden wir auch nicht das Leid. Ich wiederhole: Wir überwinden es höchstens auf Kosten anderer.

"Warum ist das so?", wirst du vielleicht fragen. Ich erkläre es dir: Weil irgendwo jemand immer unglücklich sein wird und leidet, während du dein Glück genießt. Und je mehr du Glück wünschst, desto mehr müssen andere sich dafür anstrengen und dafür arbeiten.

Kleine Gedankenstütze: Der Wohlstand in unserer Gesellschaft ist nicht aus sich selbst heraus entstanden. Und für den frischen Salat, den du vielleicht heute noch im Supermarkt gekauft hast, hat jemand schwer gearbeitet und seinen Rücken krumm gemacht.

Und so kann wahres Glück immer nur entstehen, wenn wir die Leiden anderer einschließen.

Dieses Glück entspricht nicht der herkömmlichen Vorstellung von Glück, dass du tolle Sachen hast, komfortabel lebst und immer nur Jubel, Trubel, Heiterkeit empfindest.

Mein Glück ist kein solches Glück. Meine Momente des Glücks sind sehr empfindsam und melancholisch. Mein Glück beruht darauf, dass ich in der Offenheit meines Herzens den Schmerz der anderen erfahre. Dass ich dies zulasse und mich davon nicht getrennt erlebe. Dass ich nichts Besseres bin, als die, die täglich leiden. Deshalb müsste ich diese Frage "Bist du glücklich?" sanft lächelnd mit "Nein" beantworten.

Zu diesem oberflächlichen, das Leiden anderer ausschließende Glück war ich  niemals wirklich fähig. Ich erinnere mich, wie ich als Teenager freitags und samstags in die Diskothek ging, wie alle anderen Jugendlichen.

Ab und an gab mir jemand einen Drink aus. Und weißt du, zu welchem Zweck? Um mit mir abseits an einer Bar zu hocken, wo die Musik es zuließ, dass man einander verstehen konnte - und der edle Spender schüttete mir sein Herz aus. Das war schon immer so.

Und ich ließ es zu. Weil ich irgendwo, unbenennbar im Herzen spürte, dass dies wirklich wichtig ist. Selbst wenn ich mit der Zeit beobachtete, dass derjenige immer die gleichen Fehler machte und immer die gleichen Schmerzen erlebte - ich hatte das undeutliche Gefühl, dass mein Zuhören so etwas wie ein Trost war.

Noch heute fühle ich mich glücklich im Herzen, wenn ich jemandes Leid in einem tiefgründigen Gespräch teilen kann. Obwohl ich dann seine Schmerzen spüre. Obwohl ich dann die Tränen des anderen weine. Und obwohl ich weiß, dass ich nicht mehr geben kann, als einen Raum, wo sich alles äußern und seinen Platz finden darf.

Es macht mich glücklich, ganz nah an den Herzen der fühlenden Wesen zu sein. Selbst wenn ich eher zurückgezogen lebe. Doch wenn ich auf Menschen treffe - und sei es nur aus der Ferne, indem ich von ihnen lese, so möchte ich, dass ich im Herzen berührt werde, von ihrem Schicksal. Und dass ich darin spüre, was in dieser Welt wirklich von Belang ist.

Und das ist immer nur eins: Offenen Herzens zu sein - und alle fühlenden Wesen auch in Momenten des Leids nicht abzuschieben. Denn diese sind häufiger, als die glücklichen Augenblicke.

Und wenn sich inmitten des Leids plötzlich wie eine Sternschnuppe eine Einsicht, ein Bekenntnis, ein Liebesbeweis zu diesem Dasein aufblitzend zeigt, dann weiß ich, dass das Mitfühlen all diesen Leids sich wirklich gelohnt hat.

Nein. Ich bin nicht glücklich. Darauf kommt es mir nicht vorrangig an. Doch wenn du, inmitten deines raumgreifenden Leids plötzlich für dich selbst entdeckst, was wirklich bedeutsam und kostbar am Leben ist und wirklich zählt, fühle ich mich geehrt, dabei gewesen zu sein.

Denn deine Momente des durchgestandenen Leids und das daraus erwachsende, tiefgründige Glück - diese Augenblicke machen mich erst glücklich.



Kommentare

  1. Liebe Josi,
    eine ideale Antwort auf die Frage, ob ich glücklich bin, heißt im realen Leben nicht immer unbedingt "Nein". Mein Gegenüber - neulich - wollte gar keine andere Antwort hören, weil er unbedingt seine Ruhe vom "fremden" Unglück brauchte. Er hat mir unmissvertändlich signalisiert, entweder ich bin "glücklich" wie er und "seine" Umgebung oder... Also, habe ich seine Frage mit "ja" beantwortet und versucht, gute Miene zum schlechten Spiel zu machen. Doch es hat mich letzendlich nicht noch mehr unglücklich gemacht, sondern zu einer Erkenntnis gebracht, was das wirkliche Glück bedeutet - nämlich, die Fähigkeit ununterbrochen den allgegenwärtigen Schmerz wahrzunehmen, einschließlich meinen eigenen. Du hast oft diese Leidensfähigkeit in unseren Gesprächen erwähnt. Wie kostbar es ist!
    ... Wie sagt man auf Deutsch: Eine Tür schließt sich, eine andere geht auf, oder so...
    Freue mich jetzt auf eine neue Tür!

    Deine liebste Freundin- Alen

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    1. Liebe Alen,

      ja, das ist wahr: Mein Szenario hier ist ein künstlich Erdachtes, frei vom Unvorhersehbaren einer realen Begegnung, wie der deinen. Frei vom Überraschungsmoment, wie du ihn hattest, als du dich mit dieser Frage brutal abgewiesen fühltest...

      Das meine ich damit, dass man sich auf der Jagd nach dem Glück leicht in eine parallele Welt verrennt. Und dann verteidigt man sie und übt Macht aus, indem man andere dazu zwingt, die eigene Welt und die eigenen Regeln ohne zu Mucken zu akzeptieren, oder zu verschwinden. Das ist auch eine Form von Gewalt - in meinen Augen.

      Mit Mitgefühl, Liebe und Weisheit hat das nichts zu tun - und mit der Realität auch nichts. Mag eine solche Person auch noch so oft diese Worte gebrauchen - das Herz ist nicht offen und diese Person betrügt sich. Und alle anderen, die sie versucht, mit an diese schöne, heile Welt zu binden.

      Das ist nichts, was ich leben und unterstützen könnte. Es erzeugt nur zusätzlichen Schmerz.

      Möge daher die neue Tür bald aufgehen, die dir ermöglicht, mit anderen Wesen mitfühlend zu sein, anstelle sie abzuweisen in ihrem authentischen Sein. Mögen wir dafür die Angst vor Leiden überwinden und mögen unsere Herzen immer weiter zu wachsen.

      Sei herzlich umarmt von deiner Schwester
      Josephine

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  2. Liebe Josephine,
    auch ich fühle mich jedesmal genötigt mit Ja zu antworten, wenn mir diese Frage gestellt wird. Alles andere würde bedeuten, dem Gegenüber einen Raum zu meinem wahren Inneren zu öffnen und das möchte ich meistens nicht. Weil diese Frage oft oberflächlich gestellt wird und weil mein Leben ständig von Leid begleitet wird, das ich aber nicht abweise, sondern versuche für mein Fortkommen zu nutzen. Mir scheint auch, dass wir in einer Zeit leben, wo man Leid völlig ausblenden möchte, obwohl es früher oder später jeden trifft. Ich fühle mich oft fehl am Platze deswegen udn schweige deswegen über meine wahren Gefühle...
    Anke

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    1. Liebe Anke,

      ich lebe schon seit Jahren im Lernen, mich nicht am Gros der Ansichten zu orientieren. Umso näher stehe ich mir selbst und meinem Herzen. In meinen wahren Gefühlen und Gedanken offenbare ich mich auch nicht anderen - oder sehr selten. Vielleicht hier. Vielleicht suche ich deshalb mehr und mehr das Schreiben.

      Anfangs dachte ich immer, ich müsste mit den anderen mehr gemeinsam haben und habe unter dem geschilderten Desinteresse gelitten. Doch in die eigene Tiefe zu gehen und sie zugleich als allgemein menschlich zu verstehen, ist etwas, was man in der Einsamkeit und nicht der Masse erfährt. So paradox es klingt.

      Ich akzeptiere das immer mehr. Beobachte aber auch, dass mich die Irrtümer und Oberflächlichkeiten anderer weniger persönlich betroffen machen, je näher ich an mir bin. Ich vermisse ihr ehrliches Interesse weniger, weil ich verstehe, dass sie dafür das Leiden zulassen müssten - und das vermeiden sie mit allen Mitteln. Und dennoch sind meine Gefühle und Gedanken angefüllt mit so viel Hinwendung zu meinen Mitwesen. Je tiefer ich gehe, desto mehr sogar.

      Vielleicht ist das, was diese Gesellschaft zeigt und was für Menschen sie erzieht, einfach taub und blind geworden. Das Gedankengebäude, das diese Gesellschaft erschafft und die Verhaltensweisen, die als "normal" gelten, sind eben erdacht, jedoch nicht am wahren Leben orientiert.

      Ich will das wahre Leben. Das ist das wahre Herz. Und so, wie das Herz dieses Leiden wahrnimmt, was diese aus Vergessen (nicht Unwissenheit - Vergessen!)entstandene Täuschung erschafft, so muss es leiden. Und so spüre ich täglich Leiden. Und in dieser Echtheit und Wahrheit möchte ich bleiben.

      Dir wünsche ich, dass du diese Wahrheit als Heimat annehmen kannst und dein lebendiges Herz spüren kannst. Das ist Leben.

      In Verbundenheit,
      Deine Josephine

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