Zeichen und Wunder

Heute ist es so weit. Heute überschreite ich eine mir selbst auferlegte Grenze. Früher hätte ich mir eher die Zunge abgebissen, als jemals über das, worüber ich gleich schreiben werde, etwas öffentlich zu sagen.

Doch täte ich es nicht, behielte ich eine sehr wichtige Dimension des Herzensweges für mich. Eine, die von sehr großer Wichtigkeit für jeden ist, der sich entschlossen hat, seinem Herzen zu folgen. Eine Dimension, die gekannt werden muss, von jedem, der wirklich den Weg mit ganzem Herzen gehen will.

Diese Dimension handelt von Zeichen und Wundern, die dir auf deinem Weg begegnen. Von Ereignissen, Koinzidenzen und Wendungen, die dich irgendwann spüren lassen, dass nichts umsonst war. Die dich ermuntern, noch offener und großzügiger ins Unbekannte aufzubrechen, ohne ausgeklügelte Reiseroute und ohne zu wissen, wo du irgendwann endest... Denn genau diese uneingeschränkte Offenheit ist es, die dich schlussendlich den Sinn aller Wirrungen und Schwierigkeiten erkennen lässt.

Und so erzähle ich Euch von dieser Dimension anhand eines Beispiels aus meiner Geschichte:

Im Jahr 2002 war es, als für mich eine Welt zusammenbrach. Und dazu noch die Welt, die meinem Herzen am Wichtigsten war und ist: Meine heile spirituelle, buddhistische Welt. Zerbrochen in tausend Stücke. Mein Herz, zerbrochen in tausend Stücke. Und ich selbst, voller Verzweiflung und Zorn.

Damals wohnte ich noch in Hamburg und hatte gerade die glücklichste Zeit verlebt, zu Füßen meines Wurzellehrers. Ich war sehr engagiert, im dortigen Zentrum und Mitglied im Vorstand des Vereins. Doch im Laufe der Zeit bekam ich Einblick in vieles dort. Und was ich erfuhr, konnte ich zunehmend weniger mit meinem Herzen vereinbaren. Da wurde täglich überschritten, was ich als erträglich ansah und irgendwann war das Maß voll. Nicht nur das Maß war voll: Ich konnte das Entstehen des für mich Unhaltbaren nicht nachvollziehen. Und ich wusste daher auch nicht, wo ich ansetzen könnte, etwas zu ändern. Über Wochen hinweg wurde ich zunehmend wütender und wusste: wenn nichts passiert, dann explodiere ich. Und das wäre sehr unheilsam geworden. Für mich und für andere.

Also konnte ich nicht anders, als dafür zu sorgen, dass sich etwas ändert. Und zwar dort, wo es in meiner Macht stand, etwas zu ändern: An mir selbst. Ich entschloss mich, meine Koffer zu packen und alle Brücken hinter mir abzubrechen. Ich entschloss mich, zu gehen. Lieber wollte ich meiner Wege gehen und an mir arbeiten, als weiter tatenlos zuzuschauen. Lieber wollte ich noch einmal ganz neu anfangen.

Und diese Entscheidung traf zusammen mit dem Tod meines Wurzellehrers, der wenige Monate nach meiner aufkeimenden Entscheidung starb. In gewisser Weise wurde mir der Abschied so leichter.  Es brach mir trotzdem das Herz, die Wiege meines einstmaligen Glücks zu verlassen. Insbesondere den Ort, an dem ich viele entscheidende Stunden verbracht hatte - das Meditationshaus dieses buddhistischen Zentrums, in der Lüneburger Heide, bei Schneverdingen. Doch ich ging, mit der innerlich für möglich gehaltenen Option, niemals zurückzukehren.

Schwierige Jahre des Umbruchs folgten, angefüllt mit tausend Wünschen und Gebeten, zu verstehen, warum es soweit kommen musste. Warum blieb mir nichts anderes, als zu gehen, um das mir Kostbarste zu bewahren: die Liebe zum Buddhadharma? Wieso nur konnte ich dieser Liebe zum Dharma nicht authentisch an einem Ort des Dharma nachgehen? Das wälzte ich jahrelang in meinem Inneren.

Vom Moment meines Aufbruchs an war dies begleitet, von einer inneren Überzeugung und Vision: Ich sah vor dem inneren Auge ein Meditationszentrum, einen Retreatplatz, der frei von Machenschaften irgendwelcher Egos und an einem historisch unbelasteten Ort entstehen würde. Ein Ort, ungebunden an Menschen, die ihn für ihr Werk halten, einzig und allein nur einem gewidmet: der inneren Einkehr und der reinen Praxis, um sich vom Ego zu befreien. Denn das ist letztlich das, wohin uns der Buddhadharma führen will. Und zugleich weiß ich, wie sehr wir hier in Deutschland und in Europa solche Orte brauchen. Ich weiß, wie sehr ich ihn brauche.

Und ich betete, dass es einstmals einen solchen Ort geben möge.

Mitten in Deutschland.

Jahrelang dachte ich darüber nach, wie ein solcher Ort beschaffen sein könnte und wie man dafür sorgen könnte, dass er rein der Meditation und des Rückzugs gewidmet bleibt. Ständig standen mir Bilder vor Augen, sie drängten sich mir aus meinem Inneren auf. Und dies, obwohl ich streckenweise zweifelte, mich jemals wieder an eine Institution binden zu können und zu wollen, die vielleicht ein solches Retreatzentrum führen würde.

Indes, ich ging letztlich nach München und da ich nicht ohne Dharma sein kann, begann ich sporadisch auch wieder buddhistische Unterweisungen zu hören und nahm wieder Kontakt zu einem Zentrum auf...

Im November 2009 hatte ich einen Traum. Ich sah mich durch einen kleinen Wald laufen. Ich war sehr glücklich und lief unbeschwert und ausgelassen inmitten relativ junger Bäume. Das Laub raschelte unter meinen Füßen. Offensichtlich war es Herbst. Nach einer Weile kam ich an einem Platz, im Hintergrund standen Häuser. Sie sahen im Traum wie ein tibetisches Kloster aus. Sie standen dort schon länger, sahen aber frisch renoviert aus. Und auf dem freien Platz davor waren tibetische Mönche dabei, auf der Erde etwas zu messen und zu zeichnen... Sie bereiteten eine Zeremonie vor, die - so verstand ich später - mit der Segnung der Erde zu tun hat. Ich wusste, die Mönche haben etwas mit Garchen Rinpoche zu tun, dessen Unterweisungen ich in München regelmäßig besuchte. Ich sprach nicht mit ihnen, doch hörte ich, dass dort, auf diesem Platz, ein Tempel entsteht. Und dann sah ich ganz deutlich die Jahreszahl 2010 vor meinen Augen. Als ich aufgewacht war, notierte ich den Traum. Denn ich hatte Vertrauen, dass ich schon erfahren würde, was er bedeutet. Spätestens im Jahr 2010...

2010 war es, als ich zum ersten Mal davon erfuhr, dass ein Retreathaus entstehen würde. Das Milarepa Retreathaus in Schneverdingen. Retreatzentrum der Drikung Kagyu Tradition zu der auch Garchen Rinpoche gehört. Die Zeremonie zur Erdsegnung fand statt und der Tempel wurde gebaut. Nur entpuppte sich das tibetische Kloster als gutes altes norddeutsches Fachwerk. Ein alter Bauernhof, umstanden von vielen Bäumen...

Schneverdingen. Dies ist der Ort, an dem ich bisher am glücklichsten war: Sei es 1998 in Rheinsehlen, als Seine Heiligkeit der Dalai Lama dort Unterweisungen zum Lamrim Chenmo gab. Rheinsehlen ist ein Ortsteil im Norden von Schneverdingen. Glücklich war ich auch in dem Meditiationshaus des Hamburger buddhistischen Zentrums in Lünzen, westlich von Schneverdingen. Und nun das Milarepa Retret Zentrum in Schneverdingen-Langeloh, südlich von Schneverdingen. Ein schicksalhafter und gesegneter Ort. Nicht nur für mich. Glaube es mir!

Als ich davon erfuhr, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Plötzlich rückte sich einiges an den richtigen Platz. Und ich verstand die Entstehung dieses Zentrums nicht nur als Erhörung und Erfüllung meiner Wunschgebete. Ich wusste auf einmal, dass es richtig war, damals diesen Schritt ins Unbekannte zu gehen, um mir selbst im Herzen treu zu sein. Es mag nach der Logik keinen Sinn ergeben, aber ich spürte, dass keiner meiner Gedanken an ein Retreatzentrum umsonst gewesen war. Und mein Herzblut, wirklich tiefgründig zu verstehen, was falsch gelaufen war.

Dass dieser Retreatort entstanden ist, versöhnte mich unvermittelt mit vielen Schwierigkeiten, denen ich in den letzten Jahren ausgesetzt war und über die ich hier nichts schreiben werde.

Ergibt das für dich Sinn?

Für dein Herz schon. Und für meines auch, denn das Herz geht seltsame Wege. Und was diese Koinzidenz mich lehrte, ist Folgendes: Wozu auch immer dich dein Herz ermuntert, du kannst darauf vertrauen, dass es dich letztlich zur Erfüllung deiner Herzenswünsche führt.  Und Wünsche des Herzens sind niemals egoistische Wünsche, sondern etwas, was dem Wohl möglichst vieler Wesen dient.

Manchmal macht das, was dein Herz von dir fordert, Angst. Denn dein Herz wird dich immer erst Erfahrungen machen lassen, bevor du annähernd verstehst, wofür sie gut sind. Die wichtigste Regel des Herzensweges lautet nämlich: Erst kommt die Erfahrung, dann die Erkenntnis. Und dann geschehen noch jede Menge Zeichen und Wunder.

Und was, so wirst du vielleicht fragen, ist an diesem Milarepa Retreat Zentrum so anders, als an anderen? Ich sage es Dir: Es ist anders und bleibt anders, weil ich es so wünsche. Weil ich so oft es geht daran denke und visualisiere, wie ein guter Meditationsort beschaffen ist. Und je mehr Wesen sich darum bemühen, möglichst rein und egofrei daran zu denken und dies mit ganzem Herzen wünschen, desto mehr werden wir alle zusammen dafür sorgen, dass er so bleibt.

Übrigens: Am Freitag fahre ich hin, ins Milarepa Retreat Zentrum nach Schneverdingen.
Ich freue mich sehr und bin dankbar, dass die Umstände es mir erlauben, dort am Manjushri Retreat teilzunehmen.

Wer weiß, wann ich das nächste Mal Gelegenheit dazu habe, an diesem glücklichen Ort zu sein...




Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    ich möchte Dir eine gute Reise wünschen und eine schöne Zeit dort in Schnerverdingen! Und dass Du diesmal wirklich das finden magst, wonach Du so lange gesucht hast! Wer weiß, wohin Dich dieses Retreat führen wird.... Es wäre auch sehr schön, wenn Du über Deine Erfahrungen hier berichten würdest!
    Sei ganz lieb gegrüßt!
    Anke

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    1. Liebste Anke,
      vielen Dank für die guten Wünsche!

      Eins weiß ich jetzt schon: Ich werde nicht finden, was ich einst suchte. Seit ich aus Hamburg wegging, ahnte ich es schon. Heute weiß ich es ganz sicher. Weil es dieses gemachte Nest nicht gibt und nicht gab und nicht geben wird. Es sei denn durch beständige, harte Arbeit auf hohem Niveau.

      Dabei kommt es jeden Tag auf mich an und mit welcher Geisteshaltung ich denke, spreche und handle.

      Dieser Ort ist, wird und bleibt nur dann ein guter Ort, wenn alle ihn zu einem solchen machen und bewahren wollen.

      Ich kann sagen, ich bin bereit dafür. Ich tue, was ich kann und bin offen für das, was er für mich bereit hält.

      Im Herbst war ich zur Eröffnung kurz da gewesen - und habe alte Leute von früher getroffen. Erstaunlich, dass sie sich nach 10 Jahren noch an mich erinnert haben...

      Liebe Anke, sofern ich meine Erlebnisse für den Blog geeignet finde, werde ich hier schreiben. Ansonsten schicke ich eine E-Mail...

      Ich wünsche dir schöne Pfingsten und bis dahin alles Liebe
      Josephine

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