Vor verschlossenen Toren

Ich bin überzeugt davon, dass jeder innere Fortschritt, den ich mache, allen zugute kommt, mit denen ich verbunden bin. Das entspricht dem Gesetz des abhängigen Entstehens: Lasse ich einen Irrtum in meinem Geist los und beginnen die Energien freier zu fließen, nimmt dieses neue Energiefeld auch die anderen mit. Auch für sie wird sich dadurch etwas ändern.

Im Umkehrschluss kann etwas, was ich in mir selbst schon lange Zeit in Stagnation spüre, auch verhindern, dass andere sich öffnen und auf ein anderes Niveau gelangen. Deshalb kann ein Lehrer seine Schüler auch nur so weit führen, wie er selbst gegangen ist.

Mit jedem inneren Fortschritt trage ich dazu bei, dass wir alle zusammen auf ein neues Niveau gehen können, wenn wir wollen.

Ein sicheres Zeichen für ein Vorankommen ist ein Gefühl des inneren Fließens, das sich selbst nicht hinterfragt. Das ist der natürliche Zustand. Der stagnierte Zustand hat immer etwas mit sehr festgelegten Annahmen über mich oder mein Leben zu tun. Das sind Gedanken wie: Das kommt für mich sowieso nicht in Frage, weil... . Oder: Ich bin aber die und die... . Das passt nicht zu meiner Rolle! Das widerspricht meiner Aufgabe! Oder: Ich bin in Wahrheit nicht die, die andere in mir sehen. Ich habe keine besonderen Fähigkeiten.

Alles dies spricht von einer verschlossenen Tür in uns selbst. Empfindungen, Einflüsse, Gedanken werden gar nicht erst zugelassen, prallen sofort ab oder werden in ein bestimmtes Raster gezwängt - ein Raster von Annahmen und Urteilen über uns selbst, dass wir vielleicht schon sehr lange verinnerlicht haben. Oft fällt uns daher gar nicht mehr auf, dass wir damit ein statisches Bild von uns selbst zementieren und nicht im Fluss sind. Alles ändert sich von Moment zu Moment, doch wir glauben nicht daran, dass dies auch auf uns zuträfe. Diese verschlossene Tür verursacht Schmerzen im Herz. Und wir selbst halten sie geschlossen.

Warum? Aus Angst, Scham und Schuld.

Ja. Darüber habe ich schon öfter geschrieben. Und ich werde es noch öfter tun, weil Vergebung und Verzeihen nicht immer so einfach sind. Es sagt sich so leicht... Der Grund dafür ist unser Limbisches System. An ihm kommt keiner von uns vorbei. In ihm schlummern hartnäckige Erinnerungen an gefährliche, schmerzhafte Situationen jenseits alles Sprachlichen. Sie existieren schon länger, als unser Großhirn und seine eloquente Fähigkeit, Dinge beim Namen zu nennen.

Das Limbische System ist jenes Unbewusste, vor dem wir oft Angst haben und dass uns mit seinen Signalen der Angst vor weiteren Verletzungen bewahren will. In gewisser Weise hält dieser Teil unseres Gehirn am Status quo fest und kann nicht einfach so mitfließen, mit Veränderungen und neuen Einflüssen. Manche Gehirnforscher glauben daher sogar, Veränderungen der eigenen Persönlichkeit seien unmöglich.

Als Buddhistin bin ich davon überzeugt, dass dasjenige, was unser Limbisches System uns an Alpträumen und Schutzmechanismen widerspiegelt, sogar noch über dieses Leben hinaus in frühere Existenzen reichen kann. Je nachdem, wie traumatisch diese waren, zwingen diese uns heute noch in bestimmte Verhaltensmuster, unabhängig davon, wie stark wir uns Freiheit wünschen. Traumatische Erfahrungen in diesem Leben tun dies auch.

Und traumatisch ist nicht das, was wir gedanklich als Trauma beurteilen. Ein Trauma ist etwas, was nicht rational erklärbar ist und ganz im Gefühl existiert. Ich kann mich rational von einem Trauma abspalten. Das verhindert jedoch nicht, dass das Trauma in uns weiter wirkt.

Ich bin davon überzeugt, dass ich mit meinem Limbischen System arbeiten kann. Das Mittel dafür ist die Meditation. Und so tue ich seit Jahren nichts anderes, als die verschlossenen Türen in mir aufspüren und solange mit wacher Aufmerksamkeit auf sie zu schauen, bis sich in mir etwas löst und diese sich öffnet. Das ist der yogische Weg. Das ist der Weg zur Befreiung.

In meiner Kindheit war mein Limbisches System innerhalb der Familie vielen Einflüssen ausgeliefert. Ich lernte damals nicht, was es bedeutet und wie es sich anfühlt, ein weit offenes Herz zu haben. Das hat mir damals niemand nonverbal spiegeln können. Mein Limbisches System hat in diesem Leben nicht diese heilsame Erfahrung gemacht. Aber vielleicht, eventuell, wahrscheinlich in früheren.

Mich also nicht allein auf Empfindungen aus meiner Kindheit zu verlassen, sondern weit zurückzugehen zu Gefühlen, die durch keine Erinnerungen aus diesem Dasein genährt werden, war für mich immer schon der Weg und das Ziel. Weil ich Vertrauen habe in das, was nicht ist, aber sein könnte und schon einmal war. Alles das ist mit dem Herzen erreichbar und abrufbar.

Doch was tun, wenn ich ein bestimmtes selbstbeschränktes Selbstbild hartnäckig wiederkehrt und verhindert, dass ich diese verschlossene Tür erkennen und mit liebevoller Aufmerksamkeit öffnen kann? Was, wenn es da etwas gibt, was ich mir im tiefsten Inneren immer noch als schwerwiegenden Fehler ankreide und daher diese Tür, die mich von der Liebe trennt, nicht öffnen kann?

Bleib einfach dran und lasse dich nicht entmutigen! Denn die Alternative wäre schlimmer, als es weiter versuchen zu wollen.

Wenn du es nicht tust - so sei dir bewusst - kannst du die Liebe auch an andere nicht weitergeben. Dann sprichst du vielleicht dein Leben lang davon, dass Liebe wichtig ist, doch du spürst sie nicht in ihrer ganzen Tiefe. Dann vibriert sie nicht in deinem Sein. Und dann bleibt alles, was du sagst, nur leere Worte. Und dein Limbisches System und das der anderen bleibt unberührt. Dann träumst du die Befreiung, doch sie ist nicht wahr. Denn solange du selbst dich nicht befreist, kannst du andere nicht befreien.
 

Dann hast du das grundlegendste Tor - das zu dir selbst - noch nicht geöffnet. Ein jedes Herz hat zwei Tore: Eines zu dir selbst und eins zu den anderen. Und das Tor zu dir selbst ist das wichtigste von allen!

Ich wünsche dir, dass du mutig genug wirst, alle Selbstbilder von dir endgültig loszulassen. Dann, so versprech ich dir, fassen wir uns an den Händen und schreiten gemeinsam auf ein höheres Niveau. Ein Niveau, auf dem alle, die nach uns kommen, wirklich spüren können, was es bedeutet, frei von Angst, Scham und Schuld zu sein.

Komm, lass es uns wagen! Du hast in so vielen Leben diesen Schritt getan und dich vollkommen von Annahmen über dich befreit. Du hast vollkommen aufgehört, dich zu fragen, auf welcher Stufe du stehst. Wenn du in diesem Leben diesen Schritt wieder gehst, wird die Mauer, die uns jetzt noch trennt, ein für allemal hinweggefegt werden! So sei es! Um unserer Selbst Willen - und zum Wohl der anderen!

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