Inmitten der Dunkelheit Dein Licht

Vor etwa zwölf Jahren saß ich in buddhistischen Unterweisungen zu meiner Meditationsgottheit und hörte aufmerksam zu. Seit einiger Zeit hatte ich aufgehört, mitzuschreiben - was wir im Westen sonst normalerweise gewohnt sind, zu tun. Ich saß mit geschlossenen Augen und vollzog im Geiste mit, worüber gesprochen wurde, denn Schreiben, so wusste ich, würde mich nur aus meiner Konzentration reißen.

Irgendwann verselbständigten sich die Bilder und ich sah mich plötzlich wie ein helles Licht, das auf eine dunkle Masse zuflog. Diese Masse oder undurchdringlich scheinende Wand sah nicht sehr ansprechend aus: Sehr dicht und massiv war sie und ich kam näher und näher. Es sah aus, als würde diese Masse aus vielen dunklen Wesen bestehen und sie streckten mir ihre Hände entgegen.
 

Ich fürchtete mich, denn es sah so aus, als wollten sie nach mir greifen und mich an sich ziehen, mich einverleiben. Weiter flog ich unaufhaltsam darauf zu - und plötzlich ging es mitten hinein. Doch mein Licht blieb mein Licht und die greifenden Hände konnten mich nicht wirklich erreichen... Dann endete die Sequenz.

Denke ich heute zurück, dann weiß ich, dass dies eine Art Prophezeihung war. Denn es folgten viele Jahre, in denen ich mich ganz von Dunkelheit eingehüllt fühlte. Als hätte ich eine Reise angetreten, in ein dunkles Reich. Und obwohl ich mir nicht immer meines Lichtes bewusst blieb, war es genau diese Meditationsgottheit, zu deren Gebetstext ich damals Erklärungen hörte, die mich beschützte, leitete und manchmal durch mich wirkte. Und es war jenes dunkle Reich, was ich in allen Facetten schmeckte und kennenlernte, in all diesen Jahren.

Das Licht blieb. Es erlosch nicht, es verschwand nicht. Und heute scheint es mir oft so, als sei ich aus dem dunklen Reich zurückgekehrt. Als hätten meine Erfahrungen genau dort mein Licht zum Strahlen gebracht. Keines dieser dunklen Wesen hat es mir genommen. Und keines von ihnen hat mich je so vereinnahmt, dass ich es verloren hätte.

Ja, dies ist wieder eine Parabel für mein Leben. Und ich bereue nicht, durch viele Täler gegangen zu sein.

Letztlich entpuppte sich dieser Weg in die Dunkelheit als Weg zur Verbreitung und zur Stärkung des Lichts. Anstelle, wie befürchtet, von der Dunkelheit und den Wesen darin erstickt zu werden, habe ich stattdessen das eine oder andere von ihnen mit meinem Licht infiziert.

Doch solange ich dort verweilte, konnte ich es nicht wahrnehmen.

Die Wahrheit ist, dass Licht von der Dunkelheit niemals verändert werden kann. Licht bleibt immer Licht und vertreibt im Radius seiner Strahlkraft die Dunkelheit. Und zugleich sehnen sich jene dunkel erscheinenden Wesen nach nichts anderem als Licht und Wärme und werden von ihm im Herzen magisch angezogen. Manches von ihnen, das vielleicht vorhat, das Licht zu zerstören, wird früher oder später erkennen, das dies nicht möglich ist. Und es wird zu dem Schluss kommen, dass es leichter, ja vitaler ist, wenn es sich für sein eigenes Licht entscheidet.

Und der Weg des Herzens, der der Weg eines Bodhisattvas oder einer Bodhisattvi ist, ist folgender: Das eigene Licht zu entfalten und anderen zu zeigen, wie sie sich ihres eigenen Lichts erinnern und es dann selbst entfachen können. Und dazu muss er oder sie dorthin gehen, wo die Dunkelheit herrscht...

Das ist der Unterschied des buddhistischen Weges zur Esoterik, wie ich sie oft kennenlernte: Eine Bodhisattvi strebt nicht vorrangig an, sich selbst in ein reines Land zu begeben. Sie weiß, dass sie anderer Wesen bedarf, um ihr Licht zu entfalten. Und spürt klar und deutlich, dass sie genau diesen Wesen im Gegenzug zu helfen wünscht. Aus zweierlei Gründen: Weil sie ohne die fühlenden, leidenden Wesen niemals ihre Kraft entfalten könnte. Und zugleich sind die Wesen im Leid genauso wie sie. Sie leiden in gleicher Weise wie sie und wünschen ebenso sehnlichst, glücklich zu sein. Daher begibt sich die Bodhisattvi in die Dunkelheit und erzielt damit auch zweifachen Nutzen - für sich selbst und die Mitwesen, die ihr ermöglicht haben, zu werden, was sie ist.

Esoterik strebt so oft danach, das eigene Wohl zu vollenden und festzuhalten. Oft suggeriert Esoterik, dass es in unserer Macht stünde, alles unter Kontrolle zu haben und alles erreichen zu können. Doch das ist nicht wahr. Weil wir alle miteinander zusammenhängen, ist es gar nicht möglich, vollkommen glücklich zu sein, wenn es andere nicht sind. Für mich ist es daher Selbstbetrug, mich nur auf mein eigenes Wohl zu fokussieren und das Geben und Nehmen außen vorzulassen. Das Geben des Lichtes und das Nehmen der Dunkelheit.

Zum Weg einer Bodhisattvi gehört dazu, die Dunkelheit von anderen zu nehmen, wenn die Wesen sie selbst nicht ertragen können. Und diese Dunkelheit zu atmen, ist dunkel und schmerzhaft. Doch die Bodhisattvi weiß dieses Dunkle aufzulösen, um der Erleichterung für die anderen Wesen willen. Und die Bodhisattvi lernt Geduld, im dunklen Reich auszuharren, solange es nötig ist, ohne sich stattdessen ein ruhigeres Plätzchen zu wünschen. Sie übt sich darin, immer tiefgründiger das Gesetz der wechselseitigen Abhängigkeit anzunehmen. Sie entwickelt Demut vor universalen Gesetzen, die machtvoller sind, als sie allein je sein könnte.

Und alles dies hat mit meinem und mit deinem Geist zu tun. Die Wesen und die Dunkelheit und das Licht - alles ist darin enthalten. Und setze ich mich mit meinem Geist, meinen Gedanken und Empfindungen auseinander, so tue ich das nicht in Trennung von den Wesen, sondern mit ihnen gemeinsam. Was ich erlebe, durchleben sie und was ihnen widerfährt, das spüre auch ich.

So schrieb ich in jenem Retreat, was ich etliche Monate nach den Erklärungen zu meiner buddhistischen Meditationsgottheit durchführte, in mein Notizheft:

"Sitzt jemand im dunklen Keller und ruft um Hilfe, weil er allein nicht mehr herauskommt, nützt es nichts, vom luftigen Turmzimmer ermutigende Worte nach unten zu rufen... Ich muss mich schon selbst in die Dunkelheit wagen. So muss ich auch meinen Geist da abholen, wo er gerade steht und die Mittel wissen, die ich dort anwenden kann, um die Frequenz zu verändern, beziehungsweise den Hilfsbedürftigen Stufe um Stufe aus dem Keller herausbefördern (24.01.2002)"

Das ist ein Lernprozess und findet da statt, wo wir alle anfangs stehen: in der Dunkelheit.
Doch mittendrin, da strahlt dein Licht! Selbst dann strahlt es noch aus deinem geöffneten Herzen, wenn es dir niemand spiegelt und es so scheint, als würde die Dunkelheit es schlucken.

Ich wünsche Dir den Mut, dich deiner Dunkelheit zu stellen, die nicht getrennt von der meinen ist.
 

Ich wünsche dir dabei Vertrauen. Vertrauen in die Unzerstörbarkeit deines Lichtes, das nicht getrennt von meinem Licht ist.
 

Denn Vertrauen... Vertrauen ist der Anfang von allem!

Vertrauen öffnet dein Herz!

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