Die Illusion des Unvorstellbaren

Mit unserem Geist, das ist so eine Sache. Insbesondere dem Anteil, den wir Intellekt oder Tagesbewusstsein nennen, ist in Wahrheit nicht zu trauen. Der Intellekt hat die Macht, Impulse des Herzens tot zu reden. Tot zu argumentieren und dich im Status Quo festzuhalten. Bis dein Herz voller Verzweiflung ist und dein Leben ein langsamer Tod.

Verstehe mich richtig: Ich weiß um die Schwierigkeiten, das fühlende, pulsierende Herz wider aller Widerreden zum Durchbruch zu verhelfen. Regelmäßig ringe ich selbst mit dieser Hürde. Und in diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, habe ich  ganz klar eine persönliche Schwelle vor Augen. Diese meine Schwelle, die mich von der Verlebendigung eines wichtigen Herzensimpulses abhält...

Doch ich verspreche dir, dass ich diese Hürde nehmen werde. Denn ich habe schon oft erfahren, dass es möglich ist. Und dass ich mein Leben verschwenden und mein Potential nicht zur Reife bringen werde, wenn ich weiter daran zweifle, dass die Schwelle überwindbar ist.

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass unsere geschichtliche Entwicklung im Westen dem Herzen nicht zuträglich ist. Seit einigen hundert Jahren werden wir eingeschworen, auf die Ratio, den Intellekt und davon abgehalten, irrational erscheinenden, spontanen Eingebungen zu folgen. Descartes geflügeltes Wort des "Ich denke, also bin ich" oder Kants "reine Vernunft" führten uns nicht nur zur viel gepriesenen Eigenständigkeit und Selbstbestimmung.

In der Übertreibung der Bedeutung des Verstandes opferten wir unser Herz. Ohne davon zu wissen. 

Denn das Herz erschließt sich dem Tagesbewusstsein nicht. Es reicht weit, weit über den puren Intellekt hinaus. Und der Intellekt muss scheitern, wo das Herz warme, lichtvolle Gewebe liebevoller Verbindungen webt. Verbindungen zum Leben, zu dir, zu mir und zum Wohlergehen aller - über viele Ecken, Umwege und durch viele Dickichte hindurch. Mehr durch Ahnung, durch die Gewissheit, dies oder das tun zu müssen - ohne es erklären zu können... Ohne voraussehen zu können, wofür es gut ist und wo alles endet...

Als ich vor mehr als zehn Jahren wirklich satt von meinem bisherigen Leben war, weil es mir nicht echt, zu statisch und so fern von Frische und Lebendigkeit schien, entschied ich mich für das ganz und gar Unvorstellbare. Damals ging es mir nicht gut - ich schrieb darüber. Und genau dies wollte ich nicht akzeptieren. Ich wollte mich nicht mehr damit abfinden, dass mein Tagesbewusstsein keine Option sah, von Herzen glücklich zu sein, mit dem, was mir wichtig ist.

Ich fühlte mich so eingekerkert, dass ich mich entschied, diesen Käfig einfach in die Luft zu sprengen, mit Krach und Getöse. Dieses furchtbare, stickige Gefängnis, das mir mein eigenes Sammelsurium an festgelegten und erlernten Vorstellungen war. Alle diese blutleeren Vorstellungen, wie mein Leben aussehen soll und wird, was ich dafür tun werde und warum dies gut ist...

Ich entschied, dasjenige mit tiefsten Herzen zu wollen, was ich mir intellektuell nicht vorstellen konnte: Das ich frei bin, dass ich zu dem werden kann, was ich möchte - aus dem innigsten Herzen heraus. Dass ich ganz aus dem Herzen, mit dem Herzen und für das Herz wach und präsent und mitten im Leben sein könnte. Denn das, so fühlte ich, ist unser aller wahre Bestimmung. Mein Herz wollte leben, spontan sein und bereichern. Und ich übte mich darin, allen Erklärungen in mir selbst nicht länger zuzuhören, die mir immer wieder suggerierten, dass genau dies unmöglich sei.

Damals brach ich mir Bahn, indem ich mein bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellte. Ob dies für dich eine Option wäre, steht hier nicht zur Debatte. Wohl aber, dass dein "Was wäre, wenn..." ein lebenslanger Selbstbetrug werden könnte. Das ist eine realistische Option. Und zwar keine schöne. Oder?

Ich sprengte dieses Leben, indem ich alles aufgab, ohne zu wissen, wohin es führte - wohl aber, warum. Meinen Bekannten und Verwandten muss dies sehr verrückt erschienen sein. Doch das war mir damals egal, denn für mich ging es um Leben und Tod: Mein echtes, klares, pochendes Herz oder ein langsamer Tod innerhalb der Regeln und Vorschriften, die ich bisher für das Leben hielt. Weil die meisten Menschen in meiner Umgebung dies traditionell für das Leben hielten. Und ich mich verpflichtet fühlte, es ebenso zu tun.

Dies setzte in mir gewaltige innere Prozesse in Gang: Ich geriet in die Schlacht, diese große, unerbittliche Schlacht zwischen Sklaventum der erlernten Regeln und den Flugversuchen meines Herzens. Wenn ich dir sage, es dauerte Jahre, tue ich dies nicht, weil ich dich entmutigen will. Vielmehr ist es ein Fakt, dass es Zeit braucht, alle falschen Wahrnehmungs- und Beurteilungsweisen zu überwinden. Und daran arbeite ich immer noch.

Am Anfang hatte ich schreckliche Angst. Angst, die Kontrolle zu verlieren. Die Kontrolle des Verstandes...

Obwohl mein Herz mir immer Zuversicht schenkte, musste mein Tagesbewusstsein überzeugt werden. Davon, dass der Weg auch gut und richtig ist, wenn ich ihn blind - ohne logische Argumente und Erklärungen seitens meines gut genährten Intellekts - gehe. Und so rührte die Angst von ihm, dem Intellekt oder dem Tagesbewusstsein. Und dieses litt eine zeitlang furchtbar.

Mein Herz hat den Verstand jedoch niemals aus seiner Umarmung gelassen. Es  umfing den kleinen, hilflosen, ängstlichen Intellekt und führte ihn, Schritt für Schritt, aus der Dunkelheit zurück in die Wärme mütterlichen Urvertrauens. Jenes Urvertrauens, dass uns natürlich gegeben, jedoch erfolgreich aberzogen wurde. Das Herz zeigte letztlich dem Intellekt, dass das Unvorstellbare eine Illusion, eine Luftspiegelung, eine Wolke am Himmel ist.  Es lehrte ihm geduldig und sorgfältig, dass nur dem zu folgen, was der Intellekt als machbar denken kann, ein langsamer Tod ist. Und dass das Leben einen Sinn ergibt und fruchtbar wird, wenn du bereit bist, die aus deinem Herzen entstehenden Schritte zu wagen.

Inzwischen weiß ich, wie es funktioniert: Ich kann meinem Herzen fest vertrauen, dass sich für jede Stagnation in meinem Leben früher oder später eine Lösung finden wird. Selbst wenn mein Intellekt es nicht vorausdenken kann. Wenn ich nur bereit bin, mich in Bewegung zu setzen und diesen Impulsen meines Herzens entschlossen zu folgen...

Und im Nachhinein, wenn sich die Fäden verknüpfen und Verbindungen sich zu erkennen geben, darf ich mich freuen: Darüber, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort gewesen zu sein.

Denn erinnere dich: Erst kommt die Erfahrung, dann die Erkenntnis.

Mit anderen Worten: Du hast zwar keine Ahnung, was du tust und kannst es niemandem so recht erklären, lebst aber trotzdem ein Leben voll unendlichen Wachstums - und der Freude daran.

Kommentare

  1. Ein ganz wunderbarer Text. So berührend und bewegend. Tränen in den Augen hab <3

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    1. Liebe Lena, dein Herz weiß ganz genau, wovon ich rede...
      Das ist gut!

      Herzlichst
      :-) Josephine

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  2. Danke, das Du das in Worte fasst und mit uns teilst. Ganz still und leise davor sitz. Seufz.

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    1. Lieber Stiller Fährmann,
      danke, dass du mir spiegelst, die richtigen Worte getroffen zu haben... :-)
      Alles Liebe
      Josephine

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  3. Liebe Josi,

    ich durfte dich begleiten, ab dem Moment, wo du deinen Kokon verlassen hast und du warst mir immer ein flammendes Beispiel des lebenden Herzens! Nun weiß ich - aus Erfahrung - dass ohne diese Schlacht im eigenen Geist niemand jemals die wirkliche Freiheit erfahren kann. Zu bestimmten Zeiten hatte ich sogar vor dieser Inneren Freiheit, die ich schmecken konnte, wirklich Angst... Aber heute weiß ich definitiv, das war die Angst meines Intellekts und sie verschwindet eigentlich nie. Es ist nur die Übung darin, mit ihm umzugehen und alle seinen Strategien kennenzulernen.
    Ach, was soll`s!
    Ich bin stolz auf deinen Beitrag, deinen Mut und die Großzügigkeit deines Herzens! Wohin du gehst, folge ich Dir schattenlos!

    Deine Jampa Lhatso

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    1. Liebes Schwesterherz,

      eins darf nicht unerwähnt bleiben: Auch du hast dein bisheriges Leben komplett aufgegeben! Nachdem mich das Leben - nach einer einsamen Zeit im Ungewissen, im Jahr 2003/2004 - hier nach München verschlagen hat, bist du mir gefolgt. Du warst und bist genauso mutig!

      Vielen Dank für unseren heutigen, spontanen Ausflug zum Tibetischen Restaurant an der "Münchner Freiheit". Das Bild von mir (siehe in der Seitenleiste) ist dort entstanden. Wir haben uns kurz zurück erinnert, an die chaotische, verwirrte, erste Zeit hier und daran, wie wir manchmal nicht wussten, wo oben und unten ist... Gemeinsam haben wir es geschafft, bis hier und heute.

      Oft haben wir genau das geübt: den Verstand seine Kapriolen schlagen zu lassen und uns trotzdem immer für die Impulse des Herzens zu entscheiden. Egal, wie schwierig es manchmal war. Das ist alles (nur) eine Frage des Trainings. Das Training führt dazu, mit dem Verstand, seiner Angst und seinen Strategien vertraut zu werden. Doch er bleibt, was er ist - er hat nur irgendwann nicht mehr die Führung.

      Und mit "schattenlos" meintest du sicher: Du folgst mir geräuschlos und wie ein Schatten ;-)... (Deutsche Sprache - schwere Sprache :-))

      Ich habe dich lieb und bin ebenso stolz auf Dich!

      Deine Jampa Dekyi

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