Die Chance des Herzens

Manchmal ist dieser Schmerz in mir sehr übermächtig. Dieser Schmerz, zwischen dem, was ich aus meinem Herzen heraus spüre und dem, was ist. In diesem Leben sind die Umstände so verwirrend, so voller Ablenkung, dass ich manchmal die Klarsicht verliere, worum es eigentlich wirklich geht.

Dabei trage ich eine so große Chance im Herzen. Die Chance, in übergroßer Fülle meines inneren Reichtums zu leben und damit andere hemmungslos zu infizieren. Diese Chance ist die größte, die einzigste, die sinnvollste überhaupt im Leben. Und, obwohl so alt schon, dass ich sie in menschlichen Jahren nicht beziffern kann, ist sie vollkommen neu, frisch und noch ungelebt.

Diese Chance birgt jedes Herz. Auch deins.

Doch hier und heute spiegelt sie sich nicht. Hier und Heute wird sie viel zu oft von der Wucht äußerer Eindrücke erschlagen.

Deshalb brauche ich dich. Wenn du dich nämlich auf deine Chance und ich mich auf meine Chance verlässt, sind wir schon zu zweit. Dann schwingen wir in unserem Wollen, diese Chance zu nutzen, in gleicher Resonanz. Und je stärker diese Resonanz schwingt, desto deutlicher hören wir ihren spezifischen Klang. Und je lauter dieser tönt, desto mehr Gewissheit spüren wir, dass diese Chance im Herzen wirklich werden kann.
 

Ich brauche, dass du dir ebenfalls erlaubst, an dein Herz zu glauben. An das, was du so deutlich fühlst, voller Leidenschaft, manchmal voller Empörung, dass es noch nicht wirklich ist. Diese Chance besteht aus allen deinen Idealen, wie ein aufrechtes, ehrliches, tatkräftiges Leben zu führen ist. Diese Chance kennt keine faulen Kompromisse. Sie bedeutet einfach nur "Ganz - oder gar nicht!".

Ich brauche, dass du mir deine Chance offenbarst, wie ich dir die meine. Nur so kann der Klang dieser neuen Resonanz entstehen. Ich brauche dich. Genauso, wie du mich. Herzen verwirklichen sich nicht allein - und nicht von allein. So lass uns bitte miteinander ein Stück des Weges gehen. Lass uns herausfinden, was es bedeutet, miteinander ein Klang zu sein. Und was mit den Herzen passiert, wenn sie sich miteinander aufschwingen, in die Sphären offenbarter und gelebter Herzen! Darum bitte ich dich.

Nein, ich bin alles andere als glücklich. Denn mein Herz lebt nicht in Leichtigkeit. Es atmet nur unter Anstrengung. So wie deins.

Vielleicht wusstest du das bisher gar nicht so genau. Doch dann trafst du mich - und auf einmal stand dir dein Schmerz deutlich vor Augen. Der Schmerz, der krampfhaft geschlossenen Türen zu deinem Herzen. Der Schmerz, dass nirgendwo dein Herz einen Spiegel - und damit Ermunterung - findet. So lass uns jetzt unseren gegenseitigen Schmerz beenden.

Weißt du, worin ganz konkret die Chance deines Herzens besteht? Nein? Wie denn auch - zuerst musst du sie wollen. Wenn du sie willst und bereit bist, dafür etwas von deinen Gewohnheiten zu opfern, wird dein Herz frei. Und es wird dir diese Chance zeigen! Das wünscht dein Herz. Es braucht die Chance zur Chance.

Wir leben nicht, um jemandem zu gefallen. Wir leben nicht, um in einer endlosen Kette erfüllter Verpflichtungen ein gutes Bild nach außen abzugeben, aber im Inneren zu verzweifeln und zu verdorren. Wir leben auch nicht, um Tradition zu sein. Oder einer solchen blind zu folgen. Wahre Tradition ist immer etwas, was im Herzen mit uns geht, wenn wir sterben. Das ist die wahre Verpflichtung des Herzens, das wahre Samaya. Nicht jedoch die kulturelle Form.

Schau, in einem anderen Leben, einer anderen Kultur wird uns diese gute alte Tradition, die aus spezifischen Formen besteht, so gar nichts nutzen. Es sei denn, wir beleben sie neu, von innen. Und was tun, wenn wir nur die Formen lernten, die Essenz oder den Inhalt aber nicht im Herzen mit uns tragen?

Die Chance unserer Herzen will sich lebendig verbinden, mit dem, was gerade ist. Sie will Ausdrucksformen finden, die im Hier und Heute nützlich sind. Und du kannst dem, was du im Herzen spürst, dabei vollkommen vertrauen. Es wird seinen Weg, seinen Ausdruck finden. Ohne etwas zu entwürdigen oder zu zerstören.

Ein Herz ist niemals ohne Würde und die Wahrheit kann nicht zerstört werden. Diese alles durchdringende Wahrheit, der unsere ganze Liebe gehört. Diese alles hinwegfegen wollende Liebe. Diese einzig wahre Liebe zur Befreiung. Befreiung unserer Herzen und der Herzen aller anderen Wesen.

Ich bitte dich, auf die Chance deines Herzens zu vertrauen. Und sie dir selbst - und damit auch mir - zu zeigen. Du weißt schon... wegen des unzerstörbaren Klanges, der daraus entsteht. Dieser Klang, der allem zugrunde liegt. Dieser Klang, der wünscht, dass wir alle frei sind. Dieser ursprüngliche Ton, der die Macht hat, wirklich zu befreien, wenn wir bereit sind, ihn zu übertragen.

Erst dann spüre auch ich die Zuversicht, weiterzumachen. Dann schöpfe auch ich neuen Mut, in Zeiten des Zweifels. Dann bleibe auch ich nicht stehen, sondern strebe immer weiter. Dann weiß ich, dass alles das, was hinter mir liegt, sich gelohnt hat. Keine einzige Sekunde Lebenszeit war dann verschwendet. Kein Quentchen Lebenskraft zur falschen Zeit am falschen Ort eingesetzt.

Weißt du, ich bin ehrlich damit, dass es mir nicht immer leicht fällt, meiner Chance zu vertrauen. Weil sie sich nicht im Hier und Heute spiegelt. Weil sie plattgewalzt wird, von allem, was die äußere, materielle Welt uns vorgaukelt. Weil wir in diesen Strukturen mit ihren Pflichten und Zwängen leben müssen und uns gewissen Aufgaben nicht entziehen können. Weil wir heute alle davon so schrecklich abgelenkt sind.

Aber ich will, ich will diese kostbare Chance nicht aufgeben! Auf gar keinen Fall! Und ich will, ich möchte, ich wünsche und ich bete, dass du diesen Weg mit mir gehst!

Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    darf ich ein Stück des Weges mit Dir gehen? Auch wenn wir unterschiedlichen Traditionen folgen. Auch wenn wir es anders benennen: Du sprichst vom Herzen, ich von der Liebe. Aber wir meinen wohl das gleiche. Und auch wenn ich versuche, den Weg des positiven Denkens zu gehen, so sind doch Traurigkeit und Schmerz allgegenwärtig, wenn auch nicht dominant. Und zu zweit geht es sich leichter!
    Anke

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  2. Liebe Anke, vielen lieben Dank für Deine Antwort.

    Als ich diesen Beitrag wie immer ganz spontan herunter schrieb, dachte ich nicht so viel über die Traurigkeit nach, die er vermittelt. Doch dann sagte eine Freundin: "Danke für deinen schönen Blogbeitrag. Irgendwie ist er so traurig." Und dann, nach einer Weile, sagte sie: "Diese Einsamkeit kann manchmal ein Problem werden."

    Das gab mir zu denken. Andererseits jedoch sage ich: Heute ist es selten, dass Menschen in die Tiefe gehen. Und somit sind auch die Menschen dünn gesät, die es wagen. Muss sich dieser oder jener - so auch ich - nicht zwangsläufig manchmal einsam fühlen? Und ist es nicht ehrlich, darüber zu schreiben?

    Ja, das Herz ist in seinem tiefsten Inneren einsam, solange es nicht offene Herzen in Resonanz trifft. Herzen, die das gleiche wollen. Und zwar dieses "Ganz, oder gar nicht". Keine halben Sachen. Egal, wie schwierig es ist, sich nur mit hundert Prozent zufrieden geben. Ein hoher Anspruch. Dieser wird mir auch in der Arbeit nachgesagt. Und die Menschen sind manchmal verwundert, wenn ich sie fordere, auch einen höheren Anspruch an sich zu haben ;-).

    Ich kann nicht anders. Und ich muss meinem Herzen, das die Tiefe wünscht, treu bleiben. Unter allen Umständen. Aber ich bin mir dessen wohl bewusst, dass ich das nicht verallgemeinern kann.

    Vielen Dank, dass Du ein Stück des Weges mit mir gehst! Ich freue mich, denn ich bin mir ganz sicher, dass wir - im Herzen - das Gleiche meinen.

    Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende für Dich
    Josephine

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  3. Mein Herz ist da ganz schlicht, liebe Josephine.

    Es sehnt sich nur nach Einklang mit der Schöpfung.

    Nein, die Welt muss nicht anders sein als sie ist -
    ich nicht, du nicht, die anderen Menschen nicht.... unsere Gefühle nicht.

    Einklang mit der Schöpfung.
    Das Ende von Stress, der aus der Diskrepanz von SOLL und IST entsteht.
    Innerer Frieden.
    Innere Freiheit.
    Und gleichzeitig die einzige Chance, den Raum für Veränderung zu öffnen...

    Liebe Grüße

    Tao

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    Antworten
    1. Lieber Tao,

      ja, dein Herz ist schlicht - klar und präzise. Ein jedes Herz ist so. Und es ist nicht leicht, diese Schlichtheit des Herzens zu enthüllen, zu verstehen, anzunehmen und ihr zu folgen.

      Der Stress, den die Diskrepanz zwischen erdachtem Soll und tatsächlichem Ist schafft, ist schier unerträglich. Mögen wir alle diesen Stress befrieden und uns damit befreien. Mögen wir damit Raum schaffen, dass wir und alle anderen darin die Chance auf Veränderung entdecken und wahrnehmen können. So sei es.

      Ich danke dir, dass du mir dein Herzblut gezeigt hast und freue mich für dich, dass du dein Herz so klar wahrnehmen kannst.

      Hut ab.

      Du wirst den Weg deines Herzens ganz sicher nicht verfehlen.

      Von Herzen alles Liebe
      Josephine

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