Vermächtnis des Herzens

Ich schreibe für die, die auf der Suche sind. Die in sich etwas spüren und ahnen was sich in diese Welt hinein noch entfalten will. Für die, die einen Graben wahrnehmen, zwischen dem, was sie in sich tragen und der äußeren Wirklichkeit. Kannst du dich damit identifizieren? Dann hältst du ein Erbe mit deinem Herzen, was sich in diese Welt hinein manifestieren will.

Diese Worte legen nahe, dass ich mich auch noch auf dem Weg befinde, mein Herz zu verwirklichen. Ich bin ein sehr pragmatischer Mensch und kein Freund von leeren Worten. So denke ich, wenn mein Herz noch nicht in Gänze in dieses Leben hinein wirkt, habe ich den Sinn meines Lebens noch nicht erfüllt.

Das Herz kommuniziert nicht mit Worten, sondern mit Gesten, mit Bildern, mit Empfindungen. Und darin liegt bereits die größte Herausforderung: Die Einfachheit des Herzens spiegelt sich kaum in den Wortpalästen, die in unserer Welt existieren. Nahe am Herzen zu bleiben, erfordert daher immer wieder eine Revision der Gebäude, die ich im Laufe der Zeit errichte. Mein Herz fordert von mir, diejenigen Gebäude ins Herz hinein aufzulösen, die sich zu weit vom Herzen entfernen - und dies mit Sorgfalt und Geduld.

In all den Jahren, die ich jetzt schon aus meinem Herzen heraus in die Welt strebe, habe ich einige Ideen gehabt, denen ich nachgegangen bin. Schwierig dabei ist, sich selbst nicht zu betrügen und Erfolg haben zu wollen. Erfolgreiche Menschen gibt es viele und der Wunsch, erfolgreich in dem zu sein, was man tut, ist legitim. Doch die Klarheit zu behalten, worin ich von Herzen Erfolg wünsche, ist verzwickt. Dieser goldene Faden ist eine sehr sanfte, stille, kontinuierliche Spur in mir. Zu laut dagegen alles, was mit Erfolg zu tun hat.

Doch der goldene Faden, ist das eigentliche Vermächtnis meines Herzens. Diese allem zugrunde liegende und daher leicht zu übersehende Spur in mir, die ich suche und nach der ich mich sehne, ist das Erbe, was ich in dieses Leben mitgebracht habe. Und der Graben, der zwischen mir und dem Leben besteht, dass ich tagtäglich führe oder führen muss, scheint oft unüberwindbar und tief.

Warum lasse ich dennoch nicht von der Spur? Warum mache ich es mir nicht einfach und lasse mich durch dieses Leben treiben? Das sehe ich ganz deutlich: Weil das Vermächtnis meines Herzens einfach zu mächtig ist. Es fordert in mir meine ganze Aufmerksamkeit. Und das schon mein Leben lang.

Von außen betrachtet - vom Standpunkt der äußeren Realität aus - bin ich nicht erfolgreich. Ich habe nichts Besonderes erreicht. Das hat mich sehr lange unter großen Druck gesetzt, denn es ist unpopulär und irgendwie ein Makel, nichts zu erreichen. Denn der Erfolg ist heute vielen zu wichtig, als sichtbarer Nachweis dafür, dass die eigene Existenz sinnvoll und berechtigt ist.

Ich kenne viele Menschen, die keinen nachweisbaren Erfolg haben - und sich genau deswegen schlecht fühlen. So zu denken ist ungesund. So zu denken ist unmenschlich. Und dass diese Gesellschaft uns alle damit unter Druck setzt, ungerecht. Weil es aber "diese Gesellschaft" nicht gibt, sondern nur die Menschen, die sie in Gedanken, Worten und Taten bauen, ist es möglich, aus diesem Konzept auszusteigen. Das ist die gute Nachricht.

Zur Wortlosigkeit des eigenen Herzens zurückzukehren, bedeutet am Ende nicht, für immer zu schweigen. Im Gegenteil: Die richtigen Worte für dein Vermächtnis, aus dem Herzen heraus, zu finden, ist der Beginn deiner Mission. Und dafür ist eine Phase notwendig, indem du und ich bereit sein müssen, von allen Worten, Begriffen und Denkgebäuden loszulassen, die wir von Kindheit an gelernt haben. Und das gelingt nur, indem du nach innen schaust. In Abgeschiedenheit. Indem du lauschst und vertraust, dass du nicht in diese Welt geboren wurdest, um einfach fortzuführen, was andere in deiner Familie und deiner Umgebung bereits vor deiner Ankunft in diesem Leben erschaffen haben.

Um deinem Herzen folgen zu können, ist es vielleicht sogar notwendig, eine gewisse Zeit ganz mit dem, in das du geboren wurdest, zu brechen. Um später, mit frischem Geist und einem ganz neuen, unverdorbenen Blick, nochmals darauf zu schauen. Ja, danach ist es wichtig, zurückzukehren in diese Welt. Mit neuem Blick entwickelst du die Brücke, die einen Weg über diesen Graben baut.

Ich vertraue zutiefst darauf, dass jeder von uns in diese Existenz kommt, um einen Beitrag für die Menschheit zu leisten. Und dass dies nur aus einem lauteren Herzen wirklich von Nutzen werden wird.

Ebenso vertraue ich darauf, dass die Impulse, die ich aus meinem Herzen in dieses Leben hinein geben möchte, nicht dazu dienen werden, ein neues Gebäude zu errichten. Und, erinnere dich: Weltlicher Erfolg will immer ein Gebäude errichten. Erfolg hat immer auch mit Dauerhaftigkeit zu tun: Je länger sich dein Projekt hält, als desto erfolgreicher gilt es. Doch das ist nicht die Mission des Herzens.

Weil das Herz immer mit der innersten Essenz unseres Seins (Buddhanatur) verbunden ist, weiß es um Vergänglichkeit. Alles hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Und das Herz möchte niemals etwas aufrechterhalten, was der wahren Essenz unseres Seins nicht mehr dient. Hohle Gebäude, leere Worthülsen oder Mittel und Wege, die nicht mehr lebendig im Heute sind, will es auflösen und wieder zurücknehmen. Nur der Intellekt, das Ego und weltliches Denken hält eisern an etwas fest, was äußerlich greifbar, aber bereits nicht mehr im Einklang mit der Essenz ist. Nur das Ego will sich verewigen.

Ich sehe nicht nur den Graben, zwischen meinem Erbe im Herzen und dem, was in all dieser Geschäftigkeit des Alltags und der Mechanismen der Mechanismen unserer auf Erfolg und Besitz ausgerichteten Gesellschaft möglich ist. Ich wünsche aus eben diesem Herzen, dass wir umkehren. Und eine Brücke zurück zur Essenz unserer Herzen bauen. Das wird nur gelingen, wenn du und ich weiter dem Vermächtnis in unserem Herzen auf die Spur kommen und ihm treu bleiben wollen.

Ja, aufgrund der Schnelllebigkeit dieser Welt und dem Lärm, den diese Welt erzeugt, ist es harte Arbeit, dem Herzen auf die Spur zu kommen. Doch um des Erbes unserer Herzen willen, sind wir es genau dieser Welt schuldig, daran zu arbeiten.

Ja, niemand weiß, wohin es führt und ein Ankommen irgendwo ist nicht absehbar.

Ja, das wieder einzureißen, was du im Wunsch, endlich Anzukommen, aufgebaut hast, ist nicht leicht.

Doch das Vermächtnis, dass du im Herzen trägst, sehnt sich danach, weiterzuleben. Im Hier und Jetzt und auch der Zukunft.

Dieses Erbe des Herzens ist es, was du im tiefsten Inneren wirklich liebst. Halte ihm die Treue, so bitte ich dich, aus der Tiefe meines Herzens.

Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    Du sprichst mir aus der Seele! Auch ich leide oft darunter, dass der Mensch nur nach dem äußeren Schein, dem Erfolg, den sichtbaren Dingen beurteilt wird. Nicht aber nach seiner Menschlichkeit, seinem Mitfühlen, seiner Friedfertigkeit. Für mich selbst versuche ich täglich davon abzulassen, nach dem Äußeren zu gehen. Bei mir selbst - auch ich habe kaum etwas vorzuweisen - und auch bei anderen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Innere Vorrang vor dem Äußeren hat, dass darin der Sinn unseres Lebens liegt, zu innerer Vollkommenheit zu gelangen.
    Liebe Grüße
    Anke

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  2. Liebe Anke,
    in unserer Kultur ist in Vergessenheit geraten, dass wir per se gut sind, durch das, was wir im Herzen tragen - genauso ist es! Je mehr dieses Wissen und Bewahren dieser natürlichen Würde schwindet, desto mehr verwahrlosen und vereinsamen wir.

    Weil ich darunter auch gelitten habe, kann ich so nicht leben. Stattdessen die Herzen - vor allem mein Herz - zu fordern und zu ermuntern, sich zu entfalten, ist das, was mich heilt. Und dies wird früher oder später für alle von Nutzen sein. Gerade der Buddhismus hat hier eine Schlüsselfunktion inne, weil hier das Herz noch lebendig ist. Ich wünsche mir deshalb sehr, dass wir im Westen es schaffen, ihn lebendigen Herzens zu integrieren. Mit meinen Augen betrachtet, stehen wir erst am Anfang damit, den Buddhismus lebendigen Herzens zu verwirklichen.

    Jeden Tag habe ich mit Menschen zu tun, die durch die leere Routine der Arbeit und des Alltags deprimiert und ausgebrannt sind. Es ist nicht schön, in ihre leeren Augen zu sehen...

    Lass uns daher fest zu unseren Herzensansichten stehen. So sei es.
    Liebe Grüße
    Josephine

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