Kleiner Dank für mein größtes Glück!

Dass ich auf den Buddhismus getroffen bin, den Dharma und einen authentischen Lehrer wiedergefunden habe, ist mein größtes Glück. Aufgewachsen bin ich in einer durch und durch christlichen Familie. Sowohl mütter- als auch väterlicherseits nahm der christliche, evangelisch-lutherische Gemeinschaftsgedanke großen Stellenwert ein. Nicht zuletzt war mein Vater Pfarrer. Und dessen Vater Prediger.

Die ersten Unterweisungen über unseren Glauben erhielt ich von meinem Vater. Ich liebte die Christenlehrestunden mit ihm, in denen ich von den Taten Jesus Christus hörte. Jesus war jemand, vor dem ich großen Respekt hatte - und immer noch habe.

Und dennoch: Für mich gab es im gelebten Gemeindeleben immer Punkte, die mich unbehaglich sein ließen: Zum Beispiel wurde über Nächstenliebe viel gesprochen, doch gelebt fand ich sie selten. Zumindest nicht so, wie ich mir das vorstellte. Mir gab es da zu viele Schwierigkeiten und Streitereien, zu viele Inkonsequenz zwischen dem Sprechen darüber in der Bibelstunde und dem nachmaligen Verhalten vieler, insbesondere erwachsener  Gemeindemitglieder. Ich konnte diese meine persönliche Wahrnehmung nicht abstellen und ich vermisste Menschen, die nicht nur redeten, sondern handelten. In wirklicher Herzensübereinstimmung mit dem, was das Christentum lehrte.

Das größte Mysterium aber war für mich, warum heute noch das ganze Christentum auf einem Ereignis fusst, was nun mehr als 2000 Jahre zurückliegt: Einmal im Jahr zu Ostern wurde es gefeiert und wiederholt betont, was Christus für uns getan hat, indem er unser Leiden am Kreuz hinweggenommen hat. Hat er das? Dachte ich immer. Fragte ich immer. Und warum muss man sich dessen heute noch erinnern ... Irgendwie folgenlos statisch gedenken. Für mich war er der einzige Hero in der Geschichte. Ich weiß, hier würde mir mein Vater rigoros widersprechen wollen und auf Bonhoeffer verweisen, auf Albert Schweitzer, auf Janusz Korczak vielleicht ... Doch alle diese Personen waren so weit weg von meinem Alltag. Und was hatte es wirklich, wirklich mit mir zu tun, dass Jesus am Kreuz gestorben ist? Ich fand darauf keine befriedigende Antwort.

Mit zwölf Jahren las ich bereits alles, was ich in die Finger bekommen konnte. Mein Vater hatte ein Buch über die Religionen der Welt im Regal stehen, weil er Religionsunterricht gab. Und irgendwann nahm ich auch dieses Buch zur Hand. Damals las ich zum ersten Mal etwas über Buddhismus. Ich muss lachen, wenn ich daran zurückdenke, denn was ich da las, entlockte mir nur ein hilfloses Schulterzucken: Das Ziel aller Buddhisten, so hieß dort, sei das endgültige Verlöschen im Nirvana. »Wofür soll das gut sein?« fragte ich und schloss das Buch wieder. Vom tibetischen Buddhismus und vom Mahayana-Weg stand darin nichts. Erstaunlich immerhin, dass ich das noch so klar weiß, während ich kaum etwas sonst erinnere, was ich daraus hätte über den Islam, das Judentum oder auch den Hinduismus erfahren können...

Irgendwie ließen mich Spiritualität und Religion nie ganz los - vielleicht weil mein Herz sich im Christentum nicht zu Hause fühlte. Trotz starker christlicher Vorfahren. Während meines Studiums suchte und las ich weiter: Ein wenig Judentum, ein wenig Anthroposophie, jede Menge Philosophie, etwas Psychologie kamen dabei vor. Doch nirgendwo kam ich wirklich an.

Es kam ein Tag, an dem es mir psychisch so schlecht ging und ich klar fühlte, dass ich etwas finden muss, was mich auffängt. Ich marschierte also in den Buchladen nächst der Uni, ging aufgeregt, aber wild entschlossen in die Abteilung "Religion/Spiritualität"... und fand mich hilflos. Von einer ausufernden Auswahl an Büchern überwältigt, kapitulierte ich sofort wieder. Ich nahm dieses Buch, nahm jenes, legte es zurück und dachte mir: "Du musst warten, bis dich etwas wirklich ruft. Bis du tief in deinem Herzen weisst: DAS ist es!"

So schnell rief mich da nichts. Doch ich schrieb weiter in meine Tagebücher, sprach innerlich viele Wünsche und ließ in meinem Wunsch einfach nicht locker.

Ich weiß nicht, wieviel später es war, aber ich absolvierte im Rahmen des Studiums ein kleines Praktikum in einem Buchverlag. Dorthin wurden Unmengen an Belegexemplaren von neu erschienen Büchern von Schwester- und Tochterverlagen angeliefert. Sie stapelten sich in den Ecken und meine Betreuerin empfahl mir, einfach welche mitzunehmen, weil sie gar nicht wisse, wohin damit. Sie legte mir ganze Berge von Büchern in den Arm. Doch das für mich entscheidende Buch fand den Weg anders zu mir.

Neben meiner Arbeit schweifte mein Blick öfter auch die Bücherberge entlang. Eines Tages blieben meine Augen, ohne, dass ich es sofort merkte, an einem orangefarbenen Rücken hängen. "Beginne, wo du bist" stand da. Und dieser Titel verursachte mir plötzlich Herzklopfen. Es war, als begann sich in mir innerlich etwas zu setzen, als würde ich plötzlich in mir selbst hinab und in meinen Herzensgrund sinken und sich ein tiefer Seufzer aus meinem ganzen Sein lösen... Irgendwann griff ich mir das Buch und brachte es ganz schnell in meine Tasche in Sicherheit.

Der Buddhismuskundige wird schon wissen, dass es Pema Chödröns Buch über Shamatha-Vipashyana-Meditation und Lojong - das Sieben-Punkte-Geistestraining - gewesen ist. Ich wusste damals genau, dass dieses Buch das ist, was ich brauchte. Darin ging es endlich mal darum, dass ich etwas für mich tun kann. Und dass ich jetzt, JETZT damit anfangen kann, ohne erst noch einen Studienabschluss zu absolvieren, weiter zu graduieren oder hochfliegende Zukunftspläne zu haben. Dass ich genau diese nämlich nicht hatte, war Teil meiner psychischen Belastung.

Ich brauchte über ein Jahr, um mich vertraut zu machen, mit den buddhistischen Termini und um regelmäßig in Meditation zu sitzen. Mein ganzes Leben bekam eine neue Richtung und fügte meinem Leben einen frischen Grundton hinzu. Den Grundton des Erleuchtungsgeistes, Bodhichitta, der mich darin bestärkte, dass es richtig und notwendig ist, für das Wohl der Wesen aus mir selbst das Beste herauszuholen und keinen Augenblick darin nachzulassen. Die neue Melodie erfüllte von da an unablässig und zweifelsfrei mein Herz.

Hatte ich bisher damit gerungen, dass mein Leben mir nichts sagte, bereitete ich mich unmerklich darauf vor, dass ich stattdessen meinem Leben etwas mitteilte. Tief in meinem Herzen regte sich etwas, reckte, streckte sich und begann zu wachsen...

Ich arbeitete mit mir an meinen Verzweiflungsattacken und Ängsten, schaffte Distanz zu ihnen mit Sitzmeditation.  Allmählich traute ich mich an weitere tibetisch-buddhistische Bücher heran. Ein sehr Wichtiges von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama wurde mir von meinem Bruder geschenkt: Der Mensch der Zukunft - Es handelt vom Kapitel der "Geduld"  aus Shantidevas Bodhisattvacharyavatara. Dies führte dazu, dass ich das Buch kaufte und die restlichen Kapitel ebenfalls las. So kam eins zum anderen und ich geriet immer tiefer hinein, bis mich der Buddhadharma fest im Griff hatte.

Als ich mein Studium endlich hinter mich gebracht hatte und aufgrund meines damaligen Lebenspartners nach Hamburg kam, traf es sich, dass im gleichen Jahr auch Seine Heiligkeit der Dalai Lama sich angekündigt hatte. 1998 lehrte er in Rheinsehlen/Schneverdingen in der Lüneburger Heide über den Lamrim Chenmo - den Stufenweg zur Erleuchtung. Ich war als freiwillige Helferin an der Bühne dabei und verlebte dort zum ersten Mal in einem Leben wirklich glückliche Tage. Ich war so bedingunglos und unerklärlich glücklich, dass es mir überhaupt nichts ausmachte, jede Nacht nur zwei, drei, höchstens fünf Stunden zu schlafen und den ganzen Tag auf den Beinen zu sein.

Und dort traf ich meinen Wurzellehrer. Ich hatte ihm während der Belehrungen die ganze Zeit gegenübergesessen - zehn Tage, mehrere Stunden lang. Eines Abends hörte ich seinen Vortrag. Ich lauschte, verstand nicht so viel, aber entschied damals ganz klaren Herzens: Das ist ein guter Lehrer. Zu ihm werde ich gehen und an seinem Lamrim-Lehrgang teilnehmen. Gesagt, getan. Fortan war ich glücklich, nicht nur den Dharma, sondern einen so guten Lehrer getroffen zu haben. Denn als solcher erwies er sich.

Ich hörte, so oft ich konnte, seine Unterweisungen, nahm Zuflucht und begann zu praktizieren. Und obwohl ich viel mit mir gerungen habe, meiner Familie spirituell abtrünnig geworden zu sein, war es immer noch die glücklichste Zeit in meinem Leben.

Diese Zeit währte nicht lange. Zwischen meiner ersten Kontaktaufnahme und dem Tod meines Wurzellehrers vergingen nur etwa vier Jahre.

Über eines bin ich mir im Herzen absolut sicher: Mein Lehrer gab mir alles mit auf den Weg, was ihm in der Kürze der Zeit möglich war, trotz dessen, dass wir kaum persönlichen Kontakt hatten, denn dieser war nicht so leicht zu bekommen. Vieles zwischen uns geschah nonverbal und war für das Herz daher umso eindeutiger.

Wir im Westen nehmen so viel als gegeben hin. Wir sind es gewohnt, alles wohl aufbereitet serviert zu bekommen und mit Geld kaufen zu können. Doch wenn jemand Dir sein und damit Dein eigenes Herz zeigt, es spiegelt und Dir Mittel an die Hand gibt, wie Du es verwirklichen kannst, dann ist das ganz selten zu finden. Dies ist unbezahlbar. Weil wir so abgestumpft sind, alles immer griff- und konsumierbereit zu finden, laufen wir oft achtlos an denen, die dazu fähig sind, vorbei. Vielleicht sitzen wir regelmäßig zu deren Füßen und begreifen es nicht.

Ich bin erschüttert, wann immer ich mich der Güte meines Wurzellehrers erinnere und mir klar wird, welche Schwierigkeiten er für mich auf sich genommen hat. Was für ein Glück, nicht nur ihn getroffen, sondern ihm wirklich im Herzen begegnet zu sein!

Das ist es, was für mich den Dharma - nicht den "Buddhismus" - so unvergleichlich kostbarer als die Religion macht, in die ich geboren wurde: So wie Jesus unsere Herzen eigentlich öffnen wollte, uns von Grund auf wandeln (und vermutlich keine "Religion" aus einem Herzensweg machen), so ist es heute noch im Buddhadharma kostbare Tradition.

Von Herzen wünsche ich Euch: Mögt ihr Eure Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, jenen, die Euer Herz öffneten, Respekt zu erweisen. Mögt Ihr Eure Herzenslehrer erkennen und Ihrem Beispiel folgend, Eure Herzen in Dankbarkeit geöffnet und Euer Licht ungehindert strahlen lassen. Mögen sich dadurch auch andere Herzen befreien.

Sollte ich in meinem Leben auch nur das Herz eines einzigen Wesens ebenso endgültig öffnen, wie meines durch den Dharma und meinen Wurzellehrer geöffnet wurde, so weiß ich, dass ich seinem Herzensweg  Ehre erwiesen habe. Erst dann bin ich mir sicher, dass er mit mir seine Lebenszeit nicht sinnlos verschwendet hat. Zeit, die er weitaus besser in einem 3-Jahres-Retreat verbracht hätte. Dieses ersehnte Retreat, das er uns Schülern zuliebe zeitlebens verschoben hat ...





Kommentare

  1. Danke für diesen sehr persönlichen Beitrag, der einen tiefen Einblick in Deinen Weg gibt! Wie schön, dass Du mit dem Buddhismus wirklich das gefunden hast, was Du immer gesucht hast und dass es Dich immer noch trägt! Mir gehts mit dem (esoterischen) Christentum ebenso! Nicht mit dem der Kirche, mit dem der Mystiker. Hier fühle ich mich zuhause.

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  2. Vielen Dank auch Dir, liebe Anke. Was die Mystiker mit dem, was ich den yogischen Weg im Buddhismus nenne, gemeinsam haben, ist genau dies: Sie erfahren selbst, handeln selbst, wenden das Wissen selbst an. Daher kann ich nicht anders, als persönlich schreiben. Und nichts anderes berührt jemandes Herz so, wie das Persönliche...

    Leider habe ich von Haus aus nicht viel über die Mystik erfahren, bin aber überzeugt, dass es in der Essenz der meditativen Erfahrungen viel Gemeinsames gibt, auch zu den Sufis, deren Gedichte ich liebe. Die auf die Erfahrung verweisenden Worte mögen nur verschieden sein...

    Ich finde es sehr schade, dass die Wege der persönlichen Erfahrung allgemein so unpopulär geworden sind, dass nur wenigen Menschen der Unterschied bekannt ist, zwischen ihm und intellektuellem Wissen. Es wird soviel über etwas geredet, ohne involviert zu sein, ohne Herzblut. Gerade daher bin ich mir meines Glücks besonders bewusst...

    Ich freue mich über jeden Kommentar von Dir! Bis bald und herzliche Grüße,
    Josephine

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