Das verzweifelte Herz

Nein, es ist nicht alles in Ordnung. Viele Jahre spürte ich sehr deutlich, was es bedeutet, dass mein Herz nicht lebendig ist. Oft blieb mir nicht viel mehr, als das deutliche Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Alles schien irgendwie falsch, als stünde alles am falschen Platz - als wäre ich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Nein, daran gibt es nichts zu beschönigen. Denn das ist Samsara. Und Samsara ist auch heute, hier und jetzt. Ein Irrtum, zu meinen, man könne sich einfach in Höhere Welten halluzinieren, wo dann endlich, endlich alles in Ordnung ist.

Viele Jahre lang habe ich mich geschämt. Ich war oft so im Widerspruch mit mir und meinem Leben, dass sich in regelmäßigen Abständen tiefste Verzweiflung ungewollt Bahn brach. Und dabei wollte ich doch nie so werden, wie meine Eltern!

Doch ich war so, wie ich meine Mutter in meiner Kindheit und Jugend erlebte: Ohnmächtig und überfordert von dem, was ihr die Umstände aufbürdeten, war sie wütend und aggressiv und ich fühlte mich ständig schuldig. So sind Kinder: Es fehlt ihnen einfach der Horizont, das Wissen, das Verständnis für komplexe Situationen - und auch für das, was Eltern belastet und besorgt sein lässt. Kinder beziehen das Verhalten der Eltern immer auf sich und nehmen es persönlich. Ich fühlte mich schuldig, schlecht, ungeliebt und deprimiert.

Kinder lernen auf einer nonverbalen Ebene. Deshalb werden wir genau wie unsere Eltern: Wir übernehmen ihre Strategien der Problemlösung. Selbst wenn dies in Wahrheit keine weisen Strategien, sondern einfach Verzweiflungsattacken sind.

So ergab sich, was sich nicht ereignen sollte: Ich lernte, mir in Ausbrüchen der Überforderung und Verzweiflung Luft zu machen, wenn ich diesen starken Schmerz spürte. Der Schmerz, dass nichts, gar nichts war, wie es mein Herz erhofft und gebraucht hätte. Statt warm und hell war es dunkel und kalt. Das Schlimmste daran war, dass ich sehenden Auges wusste, dass es keine Lösung ist, die Nerven zu verlieren. Dennoch konnte ich diese emotionalen Ausbrüche nicht verhindern. Die Scham danach war so groß, dass ich mir nicht mehr verzeihen konnte.

Ob sich wohl meine Mutter genauso gefühlt hatte? Dachte ich irgendwann. Doch das kam erst viel, viel später. Erst dann, als ich verstand, was meine Mutter in Verzweiflung trieb. So stark, dass sie außerstande war, sich mir mit dem Herzen zuzuwenden, wenn ich es gebraucht hätte...

Im Protestantimus, den ich kennenlernte, herrscht emotionale Strenge. Was das bedeutet, ahnt man ein wenig, wenn man sich dieser Worte erinnert, die oft Sonntags im Gottesdienst gebetet werden: "Ich armer, elender, sündiger Mensch..." heißt es da. Sündig bist du und so sucht jeder die Schuld für Schmerz bei sich. Die grundlegende Güte des Herzens kommt hier nicht vor. Stattdessen reißt man sich zusammen.

Dies war und ist ein großes Hindernis für die Öffnung des eigenen Herzens. Die Scham, die sich äußert, wenn du und ich uns unseres verzweifelten Herzens Luft machen, führt dazu, dass wir unseren starken Schmerz abwerten. Weil wir gelernt haben, dass starke Emotionen schlecht und böse sind. Aggressivität ist böse. Unverzeihlich. Ich begann, mich streng zu ermahnen, solche Gefühle nicht mehr zuzulassen.

Diese Einstellung ist deshalb so verheerend, weil sie die innere Verfassung einfriert. Plötzlich hängt man in einem Teufelskreis fest: Schmerz - Verzweiflung - Scham - Schuld - Unterdrückung des Schmerzes - Angst, dass er trotzdem wieder auftaucht. Und dann das Ganze wieder von vorn.

Seiner Natur nach reagiert das Herz auf starken Schmerz jedoch mit Liebe. Das Herz wendet sich dem Schmerz zu, gibt ihm Raum, in dem sich dessen Ursachen zeigen dürfen. Und plötzlich kann man ihn dulden, ohne ihn zu bekämpfen. Ohne auszuflippen. Und vielleicht zeigt sich sogar eine Lösung oder Heilung... Das ist das größte und heilende Vermögen des Herzens.

Um so weit zu kommen, dass der Schmerz Ruhe findet, ist es nötig, Verzweiflung zuzulassen. Oder, wie ich es oft formuliere: Manchmal muss alles das, was da jahrelang unterdrückt wurde, sich zeigen und "herauskochen" dürfen. Nur so kann es eine Klärung geben. Und das war genau der Prozess, den ich viele Jahre lang durchlaufen bin.

Möglich wurde diese Bereinigung nur, nachdem ich gelernt hatte, auf das Gute in mir zu vertrauen. Ich lernte mühsam um, dass das Gute real und beständig, das emotional Unheilsame jedoch temporär und nur oberflächlich ist. Aus Gewohnheit fällt es mir manchmal noch schwer, mir selbst zu verzeihen. Noch immer bin ich streng. Doch manchmal wandele ich diese Strenge jetzt in die Disziplin, meinen Gefühlen Raum zu geben.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet, sage ich: Starke Emotionen sind gutes Brennholz für die Befreiung des Herzens. Sie repräsentieren den Schmerz, den diese Welt, dieses Leben und unser Geist uns schafft. Und nur, wenn ich sie zulasse, annehme und liebevollen Auges mit etwas Abstand auf sie schaue, kann ich plötzlich in ihnen viele unerfüllte Bedürfnisse sehen.

Unerfüllte Bedürfnisse, die auch meine Mutter quälten, wenn sie in ihrer Verzweiflung ungerecht zu mir war. Wenn sie sich selbst nicht verzeihen konnte. Oder wenn sie keinen Ausweg sah, wie die Situation sich jemals zum Besseren wenden könnte.

Als ich dies noch nicht verstand, weil ich es in mir selbst noch nicht erforscht hatte, war auch ich wütend. Wütend auf meine Mutter und die unerfüllten Bedürfnisse, die sie an mich weiter gab. Ein schmerzhaftes Erbe. Doch in meiner Hand lag und liegt es, ob ich dieses Erbe unwissend weiterführe, oder die Erblinie in mir selbst zum Erliegen bringe.

Starke Emotionen, Angst, Verzweiflung, Scham und Schuld - alles dies sind die Schleier um mein Herz. Und das Herz ist es, was wünscht, dass wir davon frei werden mögen. Und das Herz ist es, was in uns fleht, uns zu verzeihen.

Mögen wir alle auf unser Herz hören, wenn es in uns alle unbewältigten Emotionen an die Oberfläche spült. Mögen wir uns erinnern, dass die Fähigkeit, dem Raum zu geben, zu befrieden und zu lieben genau in ihm zu finden ist. Mögen wir den Mut haben, durch die Schleier der Emotionen und Leidenschaften hindurch zu gehen, um uns wieder im Herzen zu finden. Und mögen wir dadurch auch unsere Eltern vom Erbe der Angst, Scham und Schuld befreien. So sei es.

Kommentare

  1. Hallo Josephine,

    "Das bin ich!" ist im Moment mein Leitsatz.

    Bei mir ist es wohl Ignoranz und Kälte, die ich aus Überforderung als Kind in der Familie erlebt habe. Diese Kälte hat mich schnell zu jemandem werden lassen, der ging. Mein Seelenleben ist jedoch auf der Suche nach Wärme, Liebe und Geborgenheit. Die ganze Sache ist sehr ambivalent. Es ist ein Spagat zwischen Nähe und Distanz, Abgrenzung und Angriff. Ein Grundgefühl von niemals "richtig" sein. Doch ist da nicht mehr oder weniger "falsch" als bei anderen. Mehr ein "Nichtvorhandensein" eine "Leere". Dieses "nicht richtig sein" führt wohl dazu, daß ich eine gute Oberfläche für andere biete, um von ihnen die Bestätigung für mein "nicht richtig sein" zu bekommen. Geradezu eine Einladung. Hinzu kommt die Kälte und Egozentriertheit unserer Gesellschaft, die ich für Vieles verantwortlich gemacht habe, was mein Gefühlsleben betrifft. Die Ursache liegt tiefer.

    Doch wie gehe ich mit den Narben, Verletzungen, Verlusten und Hoffnungen um?

    Das bin ich. Hier stehe ich. Ich gehe meinen Weg. Sanft und bestimmt, wie ein schreitender Elefant. Ich nehme den Raum ein, der mir zusteht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger?


    Ganz liebe Grüße
    Markus

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  2. Hallo Markus,

    wie schön, dass du dich meldest! Ich freue mich sehr!

    Ja, ich stimme zu: Niemals richtig sein ist ein alles durchdringendes Grundgefühl, auf einer bestimmten Ebene der Wahrnehmung. Vielleicht fühlt es jeder - der eine bewusst, der andere weniger. Und vielleicht fühlen sich die verletzter, als andere, die sich des Fehlens des eigenen Raumes stets bewusst waren. Und immer noch sind. Dass diese Gesellschaft den inneren Raum vergessen macht, ist eine Tatsache.

    Ich beobachte an mir, dass Verletzungen, Narben, Verluste und auch Hoffnungen schwinden, je stabiler ich darin bin, mich in meinem eigenen Raum zu bewegen. Das ist ein Prozess, der Geduld braucht. Ein Prozess, der zuerst stark von Ambivalenz geprägt ist. Weil diese Ambivalenz der Realität entspricht. Sie ist wirklich und echt, solange wir nicht ausschließlich aus dem Herzensraum leben. Solange das Herz - und damit Wärme und Liebe - entbehrt wird. Wenn ich mein Herz immer offen und präsent habe, kommt allmählich der Zwiespalt zur Ruhe. Der Zwiespalt zum sich ganz dem Außen ausgeliefert fühlen.
    Der Alltag reißt uns oft heraus, aus dem Herzen. Narben schmerzen plötzlich wieder, Verluste werden erinnert und Verletzungen brechen auf. Dies ist die Resonanzebene, die wir mit unseren Mitmenschen teilen. Die Ebene des Mangels, des Verlustes, der ungestillten Sehnsüchte und Bedürfnisse. Wir haben uns alle daran gewöhnt, diese Ebene zu fühlen - und schwingen einfach mit. Und daran gekoppelt, hoffen und wünschen wir, entbehren und leiden wir.

    Aber das Wünschen kann ein fruchtbares Mittel werden, um den Prozess der inneren Versöhnung am Leben zu erhalten.

    Kann ich oder du mit Verletzungen umgehen? Ich glaube, nein. Sie sind auf einer bestimmten Ebene echt, real und vorhanden. Sie gehen nicht weg. Sie begegnen uns ja täglich auch im anderen. Doch verblassen sie und fühlen sich weniger bedrohlich an, je öfter ich ihnen meinen Raum zur Verfügung stelle. Einen Raum, in dem sie sich zeigen, eine Weile andauern und dann wieder vergehen dürfen. Zunehmend kann ich ihnen mit Sanftheit begegnen. Kann sie sein lassen, was sie sind. Das ist die Übung und zugleich die Vollendung der Übung. Und etwas ganz Inneres, was ich allein mit mir abmache.

    "Das bin ich" - das ist dieser Prozess, zugleich das Dasein und die Präsenz, die ich meine. Nichts wird negiert, nichts versteckt, nichts mehr als Makel empfunden. Alles hat Platz.

    Ich wünsche sehr - für dich und auch für mich - dass wir bald die Ebene des Fühlens, dass etwas nicht stimmt, im Moment des Entstehens wieder auflösen und in unser Herz zurück befreien können. Und uns und andere so auf ein besseres, geistiges und herzliches Niveaus heben können. Und dieser Wunsch wird mich im Prozess halten, wird mich täglich aus dem Hoffen heraus und zum wirklichen Lebendigsein übergehen lassen...Schritt für Schritt.

    Von Herzen alles Liebe
    Josephine





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