Das Universum ins Licht rücken

Wie wäre es, wenn wir ohne Widerrede wären? Wenn Du und ich eins sein könnten und würden, mit dem, was gerade wirklich ist - in seiner Unvollkommenheit. Wenn wir auf dem Jetzt sicheren Fußes gehen könnten, der Zukunft, dem Morgen entgegen, weil wir noch mehr im Herzen sein, noch großzügiger und noch präsenter werden wollen?

Wunderbar wäre dies. Dann gäbe es kein Zögern mehr. Kein analysierendes Verweilen. Kein Werten und mich in einen selbst gezimmerten Kasten verbannend, auf dem ich, in ungelenker Schulmädchenschrift, "Das bin ich" geschrieben habe. Ich denke oft darüber nach, warum ich meinen Träumen von Morgen andauernd einen Maulkorb verpasse. Indem ich genau dies mache, indem ich sage: "Das kann ich nicht". Oder: "So weit bin ich noch nicht". Vielleicht auch: "Dazu muss ich erst einmal dies und jenes können. Dann wahrscheinlich schon..."

Das ist eine Form der Widerrede. Eine Form der Selbstbeschränkung, des inneren Platzverweises. Ein Mangel an Offenheit und Wagemut. Eine Reminiszenz an Erfahrungen aus alter Zeit, die aus meinem limbischen System heraufdämmern. Ein inneres Einfrieren und angewurzelt stehen bleiben.

So bin ich in Wahrheit nicht. Ich bin per se eine Macherin und immer unterwegs: Ich sehe, was zu tun ist - und tue es.

Doch folge ich der inneren Widerrede, verpasse ich den Moment, in dem ich vom Denk- in den Handlungsmodus schalte. Handeln eben, ohne nachzudenken, sondern Kraft dieses freudigen Erkennens, was richtig zu tun ist. Ein eindeutiges Inneres Ja ist mein erster Moment des Handelns. Manchmal spüre ich auch ein klares inneres Nein - eine scharf auflodernde Kraft, sich gegen etwas zu wenden. Ein Aufbegehren, dessen entflammen der erste Moment des Eingreifens ist.

Mit diesem Herzimpuls ganz konform zu gehen, ist das, was mich wirklich lebendig macht. Und er schließt stets eine positive Vision des Augenblicks ein - eine Idee davon, was für mich und für andere eine bessere Gegenwart und, daraus sich entfaltend, großartigere Zukunft ist. Eine Idee des aufrechten Ganges - für mich und andere.

Folge ich diesem Impuls, gibt es kein Halten mehr: Ich stehe auf (geistig oder physisch) und agiere, verändere, nehme dort ein bisschen Dunkles hinweg und füge dort etwas Helles hinzu... Meinem Herzen das Ruder überlassend, spüre ich, wie sich das Universum in diesem Moment des Tuns geräuschlos in einen harmonischeren, lichten Ort verwandelt. Bis hin zu einem bedingungslosen, strahlenden, erwachsenen inneren Ja.

Die Esoteriker unter uns würden diesen Vorgang sicher gut benennen können. Dieses Herzenshandeln. Vielleicht nennten sie es "erschaffen", vielleicht auch "manifestieren". Doch ich nenne es nur: Zu tun, was zu tun ist. Hauptsache tun, sich bewegen.

Nicht Grübeln. Nicht der eigenen Widerrede lauschen. Nicht den eigenen Schlussfolgerungen, wer ich bin, wo ich stehe und was das im Moment Machbare wäre. Sei dir sicher: Die Messlatte hängt dann immer zu tief!

Und das macht mich traurig: Ewig unter der Herzensgröße, die in uns allen angelegt ist, dahin zu dümpeln. Diese nicht mit aller Kraft zu entfalten und auskosten zu wollen. Dieses statische "noch nicht bereit sein" - wofür auch immer...

Dann denke ich oft an die großartigen Meister der alten Zeit. Von denen wir so viel in Büchern lesen und die wildesten Geschichten hören, zu Füßen unserer Lehrer. Was wüssten wir von ihnen, wenn sie sich nicht über die Maßen über sich selbst hinaus begeben hätten? Wenn Sie nicht gewagt und gewonnen, gelitten und verloren, fortwährend gewachsen wären und alles erreicht hätten? Was würde uns im Heute, wo jeder "noch nicht bereit ist", inspirieren, anspornen und Lust aufs eigene Erleben machen, wenn sie sich auch ständig nicht bereit gefühlt hätten?

Ja, wo sind sie? Die werdenden Meister der heutigen Zeit auf dem Absprung in die Verwirklichung ihrer Vision der Zukunft?

Wie willst du die Messlatte höher hängen, wenn du nicht fähig wärst, über den momentanen Zustand hinaus zu visualisieren? Wo wirst du später innerlich sein, wenn du nie etwas riskierst, für etwas, was noch nicht ist, aber um deinetwillen sein könnte?

Daher sage ich mir oft: "Keine Widerrede mehr! - Ich kann und will Dich nicht mehr hören!" Ich schaue zurück, was vor zwei Jahren war - hätte ich mich im Heute sehen können? Nein! Aber heißt das, man soll alles im Hier und Jetzt belassen und dieses bis zur Neige auskosten? Ehrlich gesagt, finde ich das egoistisch. Ich sehe darin keine Verbesserung. Für mich ist allein das Hier und Jetzt keine befriedigende Option und nicht vollkommen. Da kann ich es drehen und wenden, wie ich will - es erscheint mir eine selbstzufriedene Ausrede, nicht bewusst und achtsam in das Morgen investieren zu wollen.

Ich bin heute hier und präsent und das, was ich bin, weil ich gestern etwas wollte, was ich damals nicht hatte. Schön geschrieben, nicht? Möchtest du ein paar Beispiele wissen, was ich meine?

Gerne: Ich wollte keine Angst mehr haben, unzureichend zu sein, für dieses Leben. Ich wollte nicht nur mein Leben damit verbringen, an meinen Vorteil und mein kuscheliges Heim zu denken. Ich wollte nicht mehr daran zweifeln, dass ich etwas Authentisches aus mir selbst heraus schaffen kann: meinen eigenen Weg zu alle dem, was ich stattdessen wollte. Und keine Dutzend Zertifikate, Abschlüsse und Beurkundungen für Fertigkeiten, die jemand anderes mir beigebracht hat. Ich wollte den Schmerz verstehen, an dem wir alle leiden. Ich wollte ihn erlösen und heilen.

Ich wollte schreiben. Worüber auch immer. Vielleicht über genau dies.

Damals, als ich der Zukunft entgegen ging und dabei viele Formen des Jetzt hinter mir ließ, zwischenzeitlich mit vollkommen leeren Händen, war dies alles noch nicht. Heute habe ich es, heute ist es hier und jetzt, weil ich mich bewegt und dabei gehandelt habe. Weil ich es parallel dazu durch mein Wünschen angezogen habe. Weil ich bereit war, in diese Zukunft zu investieren und sie in meiner Fantasie vorwegzunehmen. Natürlich ist das hier und jetzt anders, als ich es mir ursprünglich vorstellte. Doch hätte ich es mir nicht vorstellen können und mögen, hätte ich mich niemals auf den Weg gemacht.

Auf dem Weg sein, auf ihm zu bleiben, einen Fuss vor dem anderen, selbst wenn ich irgendwo verweile, ist alles. Denn wenn ich vom Weg spreche, rede ich immer von einem geistigen Zustand, einer geistigen Qualität. Nur so ist Entwicklung und Erlösung möglich. Nicht aber, wenn ich mich mit allem im Jetzt zufrieden gebe.

Keine Widerrede gegen meine Herzimpulse mehr - dies ist mein spontanes Streben und Wollen. Jeden Tag spüre ich in die Zukunft, strecke meine Fühler nach ihr aus, indem ich mich auf meinem Kissen frage: Was ist der nächste Schritt?

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass keine gute Lehrerin oder guter Lehrer seine Schüler bis zum Lebensende zu seinen Füßen sitzen sehen möchte. Sie und er sind dafür da, dir zu zeigen, wie du gehst. Und nicht, wie du mit deinem Meditationskissen eins und zum Inventar des Tempels wirst. Hast du dies gelernt, gibt es nur eins zu tun: zu gehen. Hinaus in die Welt, selber machen. Selbst erleben, wagen, verlieren, erleiden, retten, manchmal gerettet werden, die Zukunft halluzinieren und sich ihrer Verwirklichung hingeben, Gleichgesinnte finden, mit ihnen die Freude des Ja und das Feuer des Nein teilen, sich besinnen, überdenken, nachspüren, andere inspirieren, ihnen zuhören - und manchmal wieder zu Füßen des Lehrers landen, um zu schauen, wo man inzwischen steht.

Aber vor allem: Hinaus in die Zukunft, um das Universum wieder ins rechte Licht zu rücken. Kraft des eigenen Herzens und seines natürlichen Sinns für Balance, für Harmonie. Nicht zögern. Sich ohne Widerrede diesem Tun ganz übereignen. Zu verzeihen. Auch dem, was man nicht hat und nicht kann. Und trotzdem weitermachen.

Nein, das ist nicht zu groß gedacht! Mich dies nicht zu trauen, wäre der größte Betrug in meinem Leben! Um mir diesen nicht anzutun, mache ich mich täglich wieder auf und gehe... gehe... gehe... gehe... gehe...

So sei es.

Kommentare

  1. Sehr schöner, inspirierender und Mut machender Text! Ich bin davon überzeugt, dass die Widerstände da sind, um überwunden zu werden und um uns reifen zu lassen. Und ich glaube fest daran, dass unser Weg ein ständiges Bergauf ist, ein Voran, auch wenn es das ein oder andere Tal gibt.

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  2. Ja, liebe Anke, was gibt es auch schöneres, als zu wachsen? Oder, ganz frei nach Josephine:
    "Es lebt der Mensch, solange er strebt"! ;-)
    Mögen wir alle für uns und andere doch bitte eine Bereicherung sein, anstelle nur zu konsumieren und uns zu Tode zu langweilen und vielleicht noch anderen dafür die Schuld zu geben...
    Ich wünsche Dir für Deine Widerstände ganz viel Energie. Aber die schenkt Dir bereits Deine gesunde Zuversicht... Da bin ich mir ganz sicher! Alles Liebe von Herzen, Josephine

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