Munter bergan!

Ich schreibe oft über ernsthafte Themen. Auseinandersetzungen, Reibungen, die zwischen meinem innigsten Herzen und der Welt tagtäglich entstehen, bestimmen Ton und Gestus meiner Texte. Doch zugleich blitzt, so hoffe ich, anderes hervor: Ein unbeugsamer Willen, dem Herzen zu folgen, zum Beispiel. Und zu zeigen, dass trotz aller Mühsal der Fortschritt in die Richtung, auf die sich Dein Geist richtet, unaufhaltsam ist!

Zuerst gilt es, Spreu von Weizen, Täuschung von Wahrheit zu trennen. Und zu erkennen, womit Du Dich und Dein wahres Sein bisher vergiftet hast. Das bringt manches Erschrecken und schmerzhafte Einsicht mit sich.

Das Unangenehme meiden zu wollen, ist und bleibt in meinen Augen die größte Illusion unserer heutigen Zeit! Die Tendenz zur Bequemlichkeit ist es, die uns alle an dieses giftige, träge, diffuse Dasein bindet, das uns so oft Depressionen beschert. Du musst hinaus, aus dem Smog, der Dir ständige Übelkeit verursacht. Du musst hoch hinaus, auf den Gipfel des Seins, wo die Luft klar und rein ist! Das ist es, was Du wirklich verdient hast!

Natürlich - Du musst nichts, was Du nicht möchtest. Doch so, wie ich mein Herz kenne, was letztlich der Natur nach dem Deinen gleicht, möchte ich Dich gern ermuntern, dem Impuls zum Aufbruch zu vertrauen. Selbst wenn diese Intuition in Deiner Umgebung niemand zu spiegeln scheint und deine Idee merkwürdig geschluckt wird, von der dunklen Brühe Deines Umfeldes, anstelle ein klares Echo zu erzeugen.

Die Tage blicke ich oft zurück, in die letzten zehn, elf Jahre - keinesfalls, um wehmütig an ihnen zu hängen, sondern ganz im Gegenteil: Es läuft mir ab und an ein kalter Schauer den Rücken hinunter, ob der Einsicht, wie mühsam es war, aus dem Sumpf zu gelangen. "Hab' ich ihn wirklich verlassen?", frage ich dann angstvoll, aus reiner Gewöhnung an alle Anstrengung. Doch dann mache ich die Augen auf - und das Herz - und stelle fest: Richtig, es ist klare Luft, die ich jetzt und heute atme. Ich spüre mich, in dem authentischen Wesen, das ich bin und die Phasenverschiebung ist erfolgreich abgeschlossen. Ich folge nicht mehr blind dem Impuls, mein wahres Ich zu biegen oder zu verbergen und habe Übung darin, ganz eins mit dem Herzen zu sein.

Und dennoch kann ich manchmal zurückkehren, in Sumpf und Smog. Nunmehr ohne Sorge, dass sie mich wieder auf ewig umfangen werden. Ich tauche ein und schmecke, spüre und atme aufs Neue diese gänzlich andere, trübe Welt und erinnere mich all des Wahns, der Panik, der ständigen Furcht, die sie erzeugt. Doch ich fange mich, sehe mich getrennt davon und weiß, dass ich entscheiden kann, ihr zu widerstehen und mich aus ihr zurückzuziehen. Dann wende ich mich weit ausholenden Schrittes dem Gipfel zu und gehe frisch bergan, bis die verbrauchte Luft in Schwaden unter mir liegt.

In diesem Leben hatte ich nicht viel Gelegenheit zu traditionellem Retreat, wie sie der tibetische Buddhismus kennt. Ein kurzes gab es, 21 Tage lang, vor inzwischen elf Jahren. Damals setzte ich viel Hoffnung, soviel Nachdruck und Wünschen in diese Zeit. Starken Willens nach Veränderung saß ich dort täglich auf dem Kissen. Und dachte dabei:
"Es ist, als hätte man einen wunderschönen, schneebedeckten Gipfel zu seinem Ziel erkoren und weiß, wo er liegt, die grobe Richtung. Ab und an, wenn das Wetter schön ist - was selten vorkommt, dass der Himmel derart klar und rein ist - kann man seinen prächtigen Anblick genießen und neuen Mut schöpfen, trotz aller Hindernisse den Weg dahin fortzusetzen. Völlig unvermutet reißt der Himmel auf, und die Sonne lässt seine Schneekappe strahlen. Oft aber sehen wir ihn nicht und scheinen ihn streckenweise ganz zu vergessen. Wie dankbar bin ich, ab und an einen Blick (auf ihn) erhaschen zu dürfen! Möge das Wetter stabil schön werden und möge ich bald den Gipfel erreichen!" (24.01.2002)
Ich hatte damals kaum eine Vorstellung, was mich erwarten würde, im Nachgang zu diesen wenigen, kostbaren Tagen. Heute zurückschauend weiß ich, dass mein Wünschen erhört und unausweichliche Prozesse in Gang gesetzt wurden. Und heute haben die jener Zeit (und weiter danach) gesprochen Gebete sich erfüllt.

Deshalb sage ich Dir: Gib nicht auf, Deinen Herzensweg wirklich zu wollen. Selbst wenn keiner, den Du in der Nähe hast, Dich ermuntert, ihn zu gehen. Und verzeihe denen, die Dir sogar eher abraten: Sie glauben Dich zu kennen, doch in Wahrheit sind sie nur vertraut mit dieser Hülle, dieser Maske, die das Leben an Dir geformt hat. Dein authentisches Ich wissen sie - und Du - noch nicht. Wie also sollten sie dir raten können, was Dein verschleiertes, verkrustetes und in Atemnot gefangenes, echtes Herz will und braucht? Vergib ihnen, so gut Du kannst, und zieh weiter. Folge dem Ruf.

Und verzeihe Dir, wenn Deine Schritte zuerst unsicher und Deine Maßnahmen, dem Herzen zu folgen, aberwitzig und im ersten Moment schädlich zu sein scheinen. Alte Regeln zu brechen erzeugt immer den Anschein, dass dies unrecht ist. Doch gibst Du sie nicht auf, wenn sie Dir zu eng sind, wirst Du niemals herausfinden, ob Weite lebbar und ob es noch andere, übergeordnete Gesetze gibt. Und die gibt es.

Eine Alternative zum Aufbruch kenne ich nicht. Und auch nicht eine andere Chance, als sich anzustrengen und unmenschlich scheinende Kräfte zu entwickeln, um gewohnte Banden zu lösen.

Brich einfach auf, schreite munter voran - und dem Trial and Error gemäß wirst Du Deine, authentischen, unvergleichlichen Erfahrungen machen. Danach wirst Du erst wissen, was davon richtig oder falsch ist. So gehe bitte los und sei Dir sicher: Wohin Dein Geist, Dein Herz, Deine Sehnsucht Dich zieht... genau dort wirst Du auch ankommen. Du wirst nicht voraussehen können, wann. Doch wenn Du da bist, wirst Du es erkennen!

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