Im Schreiben atmet mein Herz

Wenn ich mich richtig erinnere, war es der buddhistische Meister Chögyam Trungpa, der meinte, dass das Schreiben eines Tagebuches Unsinn sei: Es bestärke nur das Ego. Als ich diese Ansicht vor vielen Jahren von ihm las, fand ich mich peinlich berührt - damals schon schrieb ich fast täglich in meine Notizbücher.

In buddhistischen Kreisen hörte ich diese Zuschreibung auch von anderen - wobei ich heute davon überzeugt bin, dass viele nicht wissen, wovon sie da reden.

Dass ich mein Tagebuch für überlebensnotwendig halte, behielt ich stets für mich. Mein Geheimnis, was ich damit bewahren wollte, ist dies: Die Notizen darüber, was mich Tag für Tag im Innern bewegt, lassen mich mein Herz wiederfinden, wenn ich es einmal verloren habe und bestärken es, sollte ich nicht in meiner Mitte sein. Denn Schreiben ist für mich eine Form der Meditation - Herzmeditation!

Als ich vor mehr als zwanzig Jahren mit meinen Notizen begann, da waren sie noch unbeholfen. Es waren einfach Vermerke über meinen Tag - den Tag eines Teenagers. Ich schrieb und schrieb... und fand es nach einiger Zeit totlangweilig, die Einträge nochmals nachzulesen. So hörte ich auf, begann wieder sporadisch, ließ es wieder sein... Ganz allmählich veränderten sich meine Einträge und wurden beständiger.

Mit der Zeit flossen in meine Feder alle Gedanken, die ich keine Gelegenheit hatte, näher wahrzunehmen. Auch das hört sich nicht wahrlich interessant an, nicht wahr? Doch von Monat zu Monat, Jahr zu Jahr begann etwas hindurch zu schimmern. Nicht lapidare Gedanken waren das, sondern Wünsche, Sehnsüchte, Visionen von dem Leben, das ich herzlich gern leben würde. Und auch all dasjenige, was mich davon abhielt, dies zu verwirklichen. Oder die Langeweile, der Stillstand, der wie ein Damoklesschwert beständig über meinem Kopf hängende Erstickungstod alles dessen, was in mir lebendig war... auch das schmuggelte sich im Schatten scheinbar belangloser Worte in die Seiten meiner Kladden.

Irgendwann, im Zuge der Jahre, wann immer die Atemnot besonders greifbar und mächtig wurde und ich mich ratlos fühlte, zelebrierte ich ein Ritual: Ich griff mir meine Notizen, schottete mich für ein, zwei Tage ab und las sie alle durch. Von vorn bis hinten. Und aus den Seiten erhoben sich nun plastisch die inneren Regungen, die Frische, Lebendigkeit und Aufbruch in mein Leben hätten bringen können und deren Dahinsiechen ich beweinte. Und ebenso deren Gefängniswärter, meine Depressionen und Ängste, zeichneten sich klar vor meinem inneren Auge ab.

Ein Aha-Erlebnis jagte das nächste und mit der Zeit fand ich meine Spur. Ich fand den roten, nein, den golden schimmernden Faden, der von meinem Herzen leise und bescheiden durch mein Leben gewirkt war. Nur übertönt und abgelenkt, von allen Einflüssen, die von außen auf mich einprallten und kollektiv meine Aufmerksamkeit forderten. Und unter ihnen ächzte und hungerte mein Herz - dieser schöne Mittelpunkt meines Wesens, der nicht nur einen spinnwebfeinen Faden durch mein Leben, sondern starke Fäden hin zu anderem, ihrem lichtvollen Wollen weben und sie darin bestärken und bestätigen möchte.

Ja. Dieser Herzenswunsch pocht als leiser Rhythmus durch alles was ich schrieb. Und ohne diese fortwährende Schreibübung, wäre mir kein einziger Blogbeitrag möglich gewesen.

Beim Tagebuchschreiben geht es für mich überhaupt nicht ums Ego, sondern um die stille, verwaschene, manchmal nur im Sonnenlicht zart aufflammende Spur dessen in meinem Leben, was am reinsten, kostbarsten und selbstlosesten ist. Und dieses Gegenüber - beinahe Gegeneinander — in meinen Schreiben, zwischen Herz und Konvention, zwischen leiser Sehnsucht und dem imperativen Muss des Alltags, dies war es erst, was mir, parallel zum Meditieren, endlich erlaubte, etwas in mir zu ändern. Ich begann, der Beschaffenheit, den Mustern, dem inneren Kämpfen nachzuspüren und sie zu verstehen. Ich begriff Zusammenhänge, die meine Psyche schuf und zugleich manchmal versklavte, erkannte Zirkelschlüsse, übermächtige Ängste und wahnwitzige Hoffnungen... Mit jedem Aha konnte ich entscheiden, hier und da etwas Schädliches aufzugeben und da und dort etwas Heilsames zu stärken.

Ich hätte es ohne Schreiben nicht geschafft, mein Herz zu entdecken. Und niemand in meinem Umfeld hätte mit mir die Reise nach meinem verlorenen Selbst antreten können. Zu selten sind so hilfreiche Wegführer, die es vermögen, so tief Anteil am Geist eines anderen zu nehmen und ihn zu dem zu lotsen, was er wirklich will, aber nicht erkennt. Ich hatte nur eine Chance: Es allein zu schaffen, oder gar nicht.

Und selbst, wenn ich mich angesichts der Bemerkungen buddhistischer Meister zum Notizen schreiben unbehaglich fühlte, so konnte ich es einfach nicht lassen. Ich bin mir sicher, dass mein Herz es war, was das Schreiben als das beste Mittel für mich befand.

So langweilig und belanglos sich meine Notizen oft lesen und mich manchmal auch beunruhigen - und so wenig literarisch und vorzeigbar sie sind - so unvergleichlich kostbar sind sie. Wenn es mal wieder an der Zeit ist, sie herzunehmen und noch einmal durch den Schmerz, die Ohnmacht, die Lähmungen, meine Dumpfheit, mein Unglück und die vereinzelt darin aufblitzenden Glücksmomente zu gehen, tue ich dies mit Staunen: Parallel zum Lesen werden Erinnerungen wach. Während ich sie durchlebe, reinige ich alles, was da noch verwirrt, verknotet, verschmutzt, voller Angst, Scham und Schuld in mir ist.

Ich suche und finde diesen einzigartigen Faden wieder, ergreife ihn beherzt und korrigierte den Kurs, um zu erreichen, was ich wirklich, wirklich, wirklich will.

Und was will ich? Mein Herz. Und seine Natur des für andere und ebenso für mich daseins. Mit seinem Wollen, sich selbst weit zu öffnen, andere zu umarmen und sich zu verschenken. Was könnte besser und altruistischer sein?

Ich wollte und will mein Herz, weil es mir mein Leben lang an ihm mangelte. Auch im anderen. Deshalb konnten meine Mitmenschen mir das meine nie spiegeln.Doch mein Tagebuch tat es.

Versuche es: Schreib Notizen, um Dein Herz zu finden, solltest du es vermissen oder verloren haben!

Mit dem Schreiben ist es, wie mit allem, was wir tun: Ganz klar kommt es dabei auf Deine Motivation oder Deinen Fokus an. Und auf Achtsamkeit sowie Ehrlichkeit, Dir selbst gegenüber... Schreiben kann das Tor, die Brücke, der Weg auch zu Deinem Herzen sein. Du wirst Dein Herz erkennen, wenn Du es willst!

Außerdem ist es befreiend und wunderschön, wenn das Herz endlich aufatmen kann und Du Dich selbst in Deiner Mitte findest...

Kommentare

  1. Sehr schöner und ehrlicher Text, der mich tief berührt hat! Auch ich führe Tagebuch und habe beim Wiederlesen ähnliche Erlebnisse, wenngleich nicht so schmerzhafte wie Du. Ich mache es seit einiger Zeit so, dass ich alles Schmerzhafte möglichst NICHT notiere, nur das Schöne, um nicht immer wieder an Negatives erinnert zu werden. Und es funktioniert!
    Ganz liebe Grüße
    Anke

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  2. Liebe Anke, vielen Dank!
    Meine Mutter lehrte mich, sich immer des Guten zu erinnern, was man des tags erlebt hat - und sich darauf zu konzentrieren. Auch ich danke jeden Tag für das Gute, was mir widerfährt und weiß, dass es mir gut geht.
    Irgendwann dachte ich, dass ich mehr Gutes möchte, auch in mir und entdeckte, dass es zuviel Energie kostet und eine zu große Last ist, wenn der Schmerz und das Gute nebeneinander existieren müssen. Daher wandte ich mich dem Schmerz zu, auch deshalb, weil ich niemals fähig war, mich über meine wahren Empfindungen hinweg zu täuschen. Immer schon begleitete mich auch in schönen Momenten oft das Gefühl "Irgendetwas stimmt nicht". Und ihm folgte ich.
    So habe ich mich im Laufe der Zeit beinahe zu einer Spezialistin für den Schmerz entwickelt ;-) - und das ist gut so. Denn das "Gefäß" muss erst geleert werden, ehe es neu mit Glück, Liebe und Hinwendung zum anderen gefüllt werden kann...
    Ich weiß, dass es für andere Menschen genau die richtige Therapie sein kann, nicht in die Tiefe zu gehen, sich nicht dem Schmerz zuzuwenden und sich stattdessen rein auf das Schöne zu konzentrieren. Für die innere Balance kann dies genau das Richtige sein. Schön, dass dies für dich funktioniert und dir somit dein Tagebuch genau die Stütze ist, die du brauchst.
    Von Herzen alles Liebe!
    Josephine

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