Unvermeidliche Ohnmacht

Wir sind nicht allmächtig. Und der Weg zur Erleuchtung ist nicht der Weg zur Allmacht, sondern der zu Demut und Einsicht in das Gesetz des Abhängigen Entstehens.

Und bis wir dort anlangen - am Verständnis für die Tiefgründigkeit des Abhängigen Entstehens - werden uns wieder und wieder die Herzen gebrochen.

Wir fangen ganz klein an: Um das Wohl anderer zu erlangen, wollen wir Verantwortung übernehmen, uns kümmern, anderen geben, was sie brauchen, sie beschützen... Alles läuft ganz gut. Doch plötzlich reißt ein Schicksalsschlag uns den Boden unter den Füßen weg - vielleicht stößt einem unserer Schutzbefohlenen etwas Furchtbares zu.

Wie gehen wir damit um? Suchen wir panisch und wild nach dem Punkt in der Ereigniskette, an dem wir die Aufmerksamkeit verloren, die Fürsorge einen Moment lang außer Acht und somit dieses geliebte Wesen im Stich gelassen haben? Machen wir uns jahrelang Vorwürfe, wann immer wir daran denken und können ab sofort für andere nicht mehr da sein, weil wir befürchten, etwas Ähnliches könnte erneut passieren?

Wenn das unsere Reaktion wäre... hätte unser Ego uns voll im Griff! Jener Teil in uns, der immer Vorstellungen hegt. Davon, wie es aussehen sollte, für das Wohl anderer zu sorgen und für sie Verantwortung zu übernehmen. Und weil diesem etwas zustieß, fühlen wir uns persönlich gescheitert. "ICH" war nicht in der Lage, es zu beschützen!

Ja. Das ist die Wahrheit: Wir sind nicht wirklich in der Lage, anderen Schutz zu gewähren. Wir können uns bemühen und alles denkbar Notwendige tun. Doch wann dieses Bemühen fruchtet und wann es an ein Ende gelangt, liegt nicht in unseren Händen. Die Schicksalsfäden werden anderswo gewebt.

Sehr viele Faktoren haben Einfluss auf Scheitern und Gelingen unserer Anstrengungen um das Wohl anderer. Und es wird immer wieder Einflüsse geben, die mächtiger sind als wir, die wir nicht haben kommen sehen. Vielleicht, weil uns Informationen fehlten, vielleicht, weil sie sich unserer Einblicknahme entzogen haben. Oft auch, weil sie schon so lange herangereift und gewachsen sind, dass wir unmöglich etwas verhindern oder ändern können. So sehr wir auch wollen, so intensiv wir uns auch um ein Gegenwirken bemühen...

Dies zu akzeptieren, lernen wir nur mit wieder und wieder gebrochenem Herzen.

Da ist uns eine zeitlang das Schicksal eines Wesens scheinbar in die Hände gelegt... und morgen kann es schon wieder vorbei sein. Es leidet, unter unserm Angesicht und wir können nichts dazu tun. Das Wesen geht irgendwann von uns... wir wissen nicht wohin... ob es glücklich sein wird, oder wieder leiden. Und wir wünschten uns, wir könnten dies steuern, ihm ewiges Glück bescheren, es bewahren, vor allem Schmerz. Doch das können wir nicht.

Eventuell mag der eine oder andere von uns jetzt denken: Wenn ich am Ende des Weges nicht fähig bin, andere von ihrem Leid zu bewahren, warum sollte ich mir erst die Erleuchtung wünschen? Das macht doch keinen Sinn! - So wäre meine Antwort: Doch, macht es.

Denn selbst wenn Du nicht immer eingreifen kannst, kannst du eines tun: Du kannst dieses Wesen mit deinem Herzen umfangen halten und mit ihm durch den Schmerz gehen. Du kannst es spüren lassen, dass es trotz aller Pein nicht allein ist. Und das wird es sein, woran es sich später erinnern wird. Dass da Licht und Wärme war. Dass etwas verlässlich präsent war, ohne sich angesichts des Schmerzes abzuwenden.

Dem Gesetz von Ursache und Wirkung liegt eine Ohnmacht zugrunde, die unvermeidlich ist. Denn jeder von uns hat gleiche Chancen, auf dem Pfad. Und gleiche Risiken. So ist es für keinen von uns vorgesehen, besser oder schlechter dran zu sein, als irgendein anderes Wesen. Wir sind alle gleich. Und daher ist Ohnmacht die rechte Antwort auf die Anmaßung des Ego, sich herauszustellen, aus dieser fairen, kosmischen Ordnung.

Je weiter du vorankommst, auf deinem Pfad, wirst du sicher Erleichterung finden, die darin besteht, dieses Gesetz zunehmend besser zu verstehen. Doch du wirst auch sehen, wie negative Samen heranreifen, bei dir und bei anderen. Und automatisch den Wunsch verspüren, andere davor zu bewahren, negative Samen zu säen.

Irgendwann ist unsere Fürsorge und Liebe für andere Wesen so stark, dass wir den Schmerz der Ohnmacht ständig spüren. Und dass wir die leidenden Wesen genau deshalb im Moment Ihrer größten Agonie unmöglich im Stich lassen können.

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