Dharmadhatu - Der weibliche Aspekt

Zugegeben: Ich mag Männer mit einer guten Beziehung zu ihrer weiblichen Seite. Die sanft sein können und still. Die nicht mit irgendetwas beindrucken wollen oder zu müssen glauben. Und die dennoch wissen, was sie tun und warum - und es tun, auf unaufgeregte, leichte und spontane, aber zielstrebige Weise. Was man meistens erst dann bemerkt, wenn man ihnen Raum gibt, den sie eigentlich nie mit Macht für sich beanspruchen. Die vorher anderen Raum gelassen haben... Männer sind das, die Dharmadhatu, der Großen Mutter, lauschen und sie ehren.

Nein, dies soll kein Bild des idealen Mannes zeichnen. Nur Eindruck geben, was ich für weibliche Qualitäten halte, die Männern gut stehen. Und ja, ich kategorisiere hier ganz bewusst. Ich bewege mich in diesem Post wieder einmal in der Welt der Dualismen, mit denen wir zu leben gelernt haben. Wir akzeptieren sogar seit etlichen Jahrhunderten die bereits im letzten Beitrag kurz angedeutete Einseitigkeit des Dualismus zwischen Mann und Frau. Ein Gleichgewicht gab es vielleicht irgendwann in grauer Vorzeit einmal...

Die Vorgeschichte ist so lang her, dass es für uns alle - ob Mann, ob Frau - so schwierig ist, sich zu erinnern. Was genau ist es denn, was diese  vermisste, verkümmerte, manchmal fast verkrüppelt zu nennende Seite in uns ist, die wir "weiblich" nennen könnten... Sie zu bemerken, als solche zu erkennen und als unerfülltes Bedürfnis auszumachen, auch den weiblichen Aspekt zu leben, brauchte bei mir Jahre. Und mancher, bei dem sie natürlich aktiv ist, versucht sie zu verändern, identifiziert sie als unnütz, sogar als schlecht.

Ich habe mich lange damit selbst gegeißelt, zu zurückhaltend, zu sehr in Beobachterposition zu sein. Oder nicht den Ton anzugeben, in einer sozialen Gruppe - sei es in Familie, mit Freunden oder Kollegen. Ständig fühlte ich mich unausgesprochen unter Druck gesetzt, etwas beweisen zu müssen, in irgendeinem Punkt herausragend und bemerkenswert zu sein. Und obwohl ich keine Absicht in mir finden konnte, warf man mir oft vor, dass ich nur dies versuchen würde, die Nase in alles stecke, immer vorne dran sein will. Solche Zuschreibungen nahm ich an und ernst und war darauf perfekt dressiert, Flecken auf meiner Motivation und im Verhalten zu finden (die gar nicht da waren).

Ein Leben lang empfand ich mich fast komplett gegenteilig: Ich war oft innerlich freundlich, offen, leer - präsent, ohne Hintergedanken, Absicht oder Plan. Einfach da, manchmal mit einem Lächeln dem lauschend, was mir erzählt wurde, angefüllt mit dem Erleben anderer und dem, was sie dabei empfunden haben. Mein Raum hallte wider vom anderen.

Normalerweise bin ich nur zufrieden und entspannt, wenn die Menschen in meiner Umgebung sich wohlfühlen. Mich interessiert nicht, es mir besser gehen zu lassen. Sollte ich über Qualitäten verfügen, die manchen fehlen, möchte ich sie deswegen nicht übertrumpfen. Ich versorge sie lieber mit dem, was sie brauchen. Es genügt mir oft, innerlich mit anderen zu sein, ihnen zuzuhören und nachzuspüren, wie sie so beschaffen sind. Vielfalt schätze ich gern und fühle mich davon nicht bedroht. Denn ich vertraue intuitiv darauf, dass alles Platz hat, in Raum und Zeit. Und jeder seine Bestimmung.

Doch früher, kaum dass mir etwas egozentrisch Schlechtes unterstellt wurde, was ich trotz andressierter ständiger kritischer Selbstbeobachtung und redlichem Bemühen in mir nicht finden konnte, erschrak ich bis ins Mark und verschloss mich. Augenblicklich war dann das warme, flüssige Empfinden der Präsenz und des für alles und jeden offenen Raumes dahin. Als hätte jemand das Licht ausgeschaltet.

Und dann, von Angst erfüllt, im Dunkeln mich potenzieller Angreifer kaum erwehren zu können, entwuchsen diesen gesellschaftlich verpflichtenden männlichen Verhaltenmaßgaben die Schreckgespenster sich verfestigender Projektionen... Unwiderruflich zu den meinen und zum "So bin ich" erklärt, ging ich in Dunkelheit durchs Leben, verfolgt von der Panik davor, falsch und deshalb verlassen - im Stich gelassen worden - zu sein.

Wie hätte ich damals auch ahnen können, dass das, was die anderen mir vorwarfen, nicht mehr war, als der innere Widerhall ihrer eigenen, zu Dämonen und Gespenstern herangezüchteten Zuschreibungen? Grässlich und laut tönend, inmitten der Leere, Güte und Sanftheit Ihres unbemerkt bleibenden Raumes - der großen Mutter Dharmadhatu?

Der Weg dorthin, das, was sich nicht greifen, festschreiben, oder klar benennen lässt, zuzulassen, war lang und mühsam. Der Weg dahin, Dharmadhatu als mein ureigenes Wesen anzuerkennen, noch länger. Und am längsten brauchte ich dafür, den Raum als ganz und gar universal "weiblich" zu verstehen. Allzu oft endgleitet mir die Idee, manchmal zu einer blassen Ahnung entschwindend, dass dies zu wissen und darüber im Herzen tatsächlich Gewissheit zu haben, vielleicht das sein könnte, worauf es ankommt!

Ja. Auf die weibliche Seite, auf Dharmadhatu, kommt es wirklich an. Weil wir alle sie so schmerzlich vermissen.

In ihr nivellieren sich Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und der lang erhoffte Frieden tritt ein, alles regeneriert in mir und ich entspanne endlich. Meine Hände sind plötzlich leer und ruhen locker im Schoß. Nichts mehr gibt es zu erledigen und in Stille horche ich der Quelle. Und ich lausche, auf das, was in ihr ertönt und betrachte, was sich zeigt.

Auch dich - wie könnte ich dich dort jemals übersehen?

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen... Und jetzt - welch glücklicher Tag - stehe ich kurz davor, mir zu erlauben, dies in vollen Zügen und so oft es geht, zu genießen.

...Ich atme Sanftmut, Offenheit, verbinde mich mit allem. Ich höre auf, "Ich"-begrenzt zu sein, kontrolliere nicht mehr ständig, was "Ich bin", ob ich auch ausgefeilte Ziele, vorgedachte Maßnahmen und raffinierte Mittel parat und auf jede Frage eine Antwort habe.

Ich bevorzuge es, vollständig in diesem Unendlichen Raum aufzugehen, der auch dich mit mir im Herzen verbindet. Ich möchte gewahrsein und spüren, was uns im Herzensraum stimmig sein lässt. Denn das sind wir - ganz sicher!

Es tut so wohl, ganz und gar loszulassen, und darauf zu vertrauen, dass im universalen Raum ein jedes Sinn und Bestimmung findet. Ich und auch du. Und dafür brauche ich weder einen ausgeklügelten Lebens- noch Terminplan.

Alles wird sich leicht und spontan entfalten. Einfach aus der Mitte meines - und deines - Herzensraums Dharmadhatu heraus.

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