Tu, was du willst

Wann immer ich einem Weg, einem Ziel, einer Aufgabe folge, kommt irgendwann der Punkt, wo ein Commitment nötig scheint. Ich habe mir Orientierung gesucht, habe Anregungen aufgegriffen, bin vielleicht Mitglied einer Gruppe geworden und dann, plötzlich, irgendwann, ertappe ich mich dabei, dass ich dies wirklich für nötig halte. Ja, dann spüre ich das Bedürfnis, dazuzugehören. Und es ist, als sagte mir einer: Jetzt bekenne dich und folge unseren Regeln.

Doch so funktioniert mein Weg nicht. Kein Weg funktioniert so. Kein Ziel ist so zu erreichen und keine Aufgabe erfüllbar, wenn dies bedeutet, dafür etwas aufzugeben. Etwas, was ich bin, was ich war oder was mir entspricht.

Oft frage ich mich, warum irgendwann dieser sensible Punkt kommt, wo ich entscheiden muss: Will ich dazugehören? Möchte ich aufgeben, was meine Identität ausmacht, um dabei zu sein? Oder nehme ich mir, was gut für mich ist und lasse liegen, was dem widerspricht?

Neulich sprach ich mit einem Kollegen, der ein Buch eines populären Spirituellen las. Und er sagte mir, dass er einiges sehr nützlich findet, anderes wiederum merkwürdig. Dass er sich bemühe, das Merkwürdige einfach sein zu lassen und nur anzunehmen, was ihn anspricht.
"Gut so!", sagte ich. Und: "Menschen, die buchstabengetreue Verfechter irgendeines Spirituellen werden, machen mir Angst. Denn sie prüfen irgendwann nicht mehr, was für sie richtig ist. Sie übernehmen einfach und denken, dass sie glücklich werden, wenn sie das tun."

Vielleicht wachen sie irgendwann auf und es könnte ein böses Erwachen werden: Entweder stellen sie fest, dass sie das, was sie durch Selbstaufgabe zu erlangen hofften, nicht bekommen haben. Oder sie wachen als gleichgeschaltete Zombies auf, die gar nicht mehr spüren, dass sie tot und von ihren Herzen getrennt sind. Mit beiden Menschen ist schlecht auszukommen. Beide kennen keine innere Mitte. Und deshalb machen sie mir Angst. Ich empfinde sie als unberechenbar. Als unzuverlässig. Als wenig feinfühlig und oft auch kalt.

Und um so jemand zu werden, bin ich einstmals nicht losgegangen.

Ich erinnere mich genau, warum ich mich in meinem Leben immer wieder auf den Weg gemacht habe. Warum ich manchmal radikal hinter mir ließ, was mich lange begleitet und mir eine zeitlang Geborgenheit vermittelte... bis der Betrug offensichtlich wurde. Ich wollte immer nur eins: Dass mein Herz erwacht, dass es strahlt und liebevoll und weise allen zugewandt ist - über alle Konventionen, Regeln, einengende Rituale und tödliche Wiederholungen des Immergleichen und dennoch nicht Seligmachenden hinweg. Das Ziel ist nicht erreicht. Doch ich gehe und gehe und gehe immer weiter. Und mit jedem Schritt platzt einer der Eisenringe von meinem Herzen.


..."Heinrich, der Wagen bricht!"
"Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen..."


Jeder Aufbruch kostet Überwindung. Jeder Aufbruch ins neuerlich Ungewisse. Doch es ist von ungeheurer Wichtigkeit, dass du tust, was du willst. Was du im Herzen wirklich willst. Denn dein Herz ist gewachsen. Es hat eine Geschichte und es braucht nicht Schema F, um zu wachsen und von den schmerzhaften Spuren der eisernen Riemen zu gesunden, die das Leben uns ums Herz geschlagen hat. Tu, was du willst, um zu werden, was du sein möchtest! Niemand hat ein Patentrezept für dich und kann dir alles sagen, was du tun musst, um von Herzen du zu sein.

Denn dein Herz zu entfalten, ist ein Prozess voller Transformationen. Und was gestern sich noch als Richtung, als Entwicklung anzudeuten schien, kann durch eine plötzliche Begegnung, eine Erkenntnis, einen ungeahnten Impuls schlagartig Null und Nichtig werden.

So binde dich nicht selbst an, sondern prüfe sorgfältig, welche Regeln und Verpflichtungen sich überlebt haben und auf einmal zur Last geworden sind. Transformation macht dich vollkommen neu. Und offen für das Neue zu sein, bedeutet Neuland für dein Herz zu erschließen. Neuland = mehr Raum für dein Herz!

Ja. Sicher macht dich das oft zum Vagabunden. Zu jemandem, der durch die Welt streunt, ohne konkret umrissenes Zuhause. Und klar, ein Heim ist es, wonach du dich sehnst. Aber irgendwann erkaltet der Ofen, an dem du dir eben noch den Rücken gewärmt hast. Denn der Ofen ist nur geliehen. Die Wärme deines Herzens aber strahlt immerdar, wenn du sie erst einmal entfaltet hast. Ein Ofen kann auf die Dauer kein Ersatz für Herzenswärme sein. Tief im Herzen weißt du das.

Wenn du immer noch ein festes Zuhause einzig in einer Gruppe, bei einem Lehrer, einer Lehre, bei einem Menschen suchst, weil du dich sonst verlassen, allein und ungeborgen fühlst, bist du noch auf dem Weg zu deinem Herzen. Doch du bist noch nicht eins mit ihm und es durchdringt dein Leben noch nicht mit voller Pracht und warmen Glanz. So ist das.

So ist das.

Es ist gut, das zu akzeptieren. Es ist gut, mich dabei zu ertappen, dass ich - verwöhnt, wie ich bin - zu gern nach der Instant-Lösung greife. Dass ich manchmal des Wanderns müde bin und mich deshalb gern einlullen lasse, vom oberflächlichen, scheinbaren Angekommensein. Doch mir etwas Fertiges vorsetzen zu lassen, ist nicht, was ich möchte.

Denn dieses Fertige respektiert mein Herz nicht.

Mein Herz hat schon viele Tränen geweint, Schmerz gesehen, mitgefühlt. Mein Herz hat schon viele und vieles umarmt, sich manchmal unendlich geweitet, voller Fürsorge und Verzeihen. Dies tat es nur, weil es offen, präsent und mitten im Geschehen war. Mitten im Samsara, mit all seinem Mangel und Schmerz und manchmaliger, ekstatischer Freude, wenn das Leiden überwunden war.
Wie könnte mich also Schema F jemals eins mit dem Herzen sein lassen? Schema F, dass dafür sorgen soll, dass ich mich in Sicherheit wiege und alles habe, was ich brauche. Die Instant-Lösung, die mein Glück garantieren soll und Samsara weit weg, hinter Schloss und Riegel bannen oder zumindest meines Raumes verweisen soll?

Betrüge dich nicht. Tu, was du willst. Und folge wirklich deinem Herzen. Nicht dem, was jemand glaubt, über dich zu wissen. Schon gar nicht, wenn er behauptet, er weiß was das Beste für dich ist. Nur, weil es bei ihm funktioniert hat! Oder weil es mal bei jemand anderem funktioniert hat.

Sei achtsam. Trau einfach deinem Gefühl und meide, was sich nicht richtig anfühlt!

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