Geistige Gefängnisse

Ich unterschätze oft, dass ich mich jeden Augenblick meines Lebens in einem bestimmten Denkraum aufhalte. Ein geistiger Raum, der definiert ist, durch unsichtbare, manchmal oft auch unbemerkte Regeln, Annahmen, Projektionen, Erwartungen und Hörigkeiten.

Manchmal, auf dem Kissen, entdecke ich diese plötzlich und spüre, wie sie mich von der großen Weite des Dharmadhatu trennen. Dann ist es, als sähe ich mich in einer Blase sitzen oder einem Glashaus: Zwar schaue ich von da die Weite, wenn ich will, doch bin ich abgegrenzt davon, durch eine unsichtbare Wand oder einen Schleier. Innerhalb dieses Raumes bewege ich mich geistig im Kreis. Immer und immer wieder denke ich in bestimmten Abfolgen, ertappe mich innerhalb dieser Kapsel bei Zirkelschlüssen... 

In diesen kostbaren Momenten des Erkennens werde ich mir unvermittelt der Vielfalt geistiger Gefängnisse bewusst.  

Traumata und Schockerlebnisse führen beispielsweise zu solchen Gefängnissen. Auch massive geistige Beeinflussungen erzeugen starke unsichtbare Mauern im Geist. Alle Indoktrinationen tun das. Wir sehen nichts, wir hören meist nichts, aber dennoch stecken wir irgendwie fest... eingegrenzt durch geistige Überzeugungen und Beeinflussungen. 

Zur Arbeit auf dem Meditationskissen gehört für mich ganz klar, diese ausfindig zu machen, die Zirkelschlüsse in ihrer so bestechend erscheinenden Logik zu durchschauen und den Gefühlen nachzuspüren, die sie begleiten. 

So viele Hoffnungslosigkeiten, Depressionen, mangelnde Zuversicht gehen mit diesen geistigen Gefängnissen einher. So viele gebrochene Herzen...

Während ich sitze und schaue und spüre, trauert mein Herz um den erlittenen Verlust der Weite, der Großzügigkeit, der Liebe, die daran geknüpft ist. Oft bin ich erschüttert, wenn sich eines dieser Gefängnisse in vollem Ausmaß vor meinem inneren Auge offenbart. Und ich habe Verständnis dafür, dass unter diesen Umständen dieses oder jenes gar nicht in Ordnung sein kann.

Diese geistigen Gefängnisse zu identifizieren, auszuloten, zu verstehen und als solche als existent anzunehmen, ist nicht angenehm. Denn wir alle möchten nichts sehnlicher als frei und glücklich sein. Bevor du und ich aber in die Freiheit treten können, müssen wir die Augen öffnen, für das, was wirklich ist. Und wie willst du die Tür in deiner Kapsel, deinem Kokon, deinem Glashaus finden, wenn du noch nicht einmal begriffen hast, dass du dich darin befindest?

Gerade bin ich dabei, wieder eines dieser geistigen Gefängnisse in mir selbst zu entdecken. Es begleitet mich schon lange und war dem inneren Auge bisher gut verborgen, weil es manchmal unserem Gehirn und unserem Geist einfach gesünder scheint, etwas, was als lebensbedrohlich empfunden wurde, der Aufmerksamkeit zu entziehen. Wenn wir es unserem Urteil nach nicht verarbeiten können, verbannen wir es halt ins Unbewusste. Sehr menschlich.

Sicher könnte ich es da belassen, könnte akzeptieren, dass ein Anteil von mir vom geistigen Gefängnis gar nichts wissen möchte.

Doch was wird dann aus meinem Wunsch, mein Herz kompromisslos zu befreien?

Eine Entscheidung steht dann an. Und eigentlich ist es immer und immer die gleiche: Für mein Herz oder die Ohnmacht? Für mein Herz oder den schönen Schein, dass die Welt gut und in Ordnung ist? Für mein Herz oder trügerische Glückseligkeit im kuscheligen Heim? Für mein Herz und damit der Menschlichkeit und Hinwendung zum anderen mit allem Leid, was mir und dir wiederfuhr, wiederfährt und wiederfahren wird? Oder dafür, endlich meine Ruhe vor allem Leid zu haben?

Zu dieser Entscheidung gibt es aus Sicht der letztendlichen Wahrheit keine Wahl. Also warum lange drum herumreden, also warum sich inkonsequent weiter im Kreis meiner Zirkelschlüsse bewegen, obwohl ich dabei so leide, weil ich spüre, wie ich mein Herz betrüge? Warum nicht direkt auf die Wahrheit zugehen, sie packen und kompromisslos eins mit ihr werden? Und dabei durch alle schmerzhaften Schleier gehen!

Manchmal meditiere ich sehr intensiv über geistige Gefängnisse. Wo und wie sie in der Welt existieren. Und dass wir alle, alle gleichermaßen unter ihnen leiden. Die Gefangenen ebenso wie die Vollstrecker. Doch das übersehen wir oft und gerne, insbesondere wenn wir selbst die offenbar Gefangenen sind. Soviel leichter scheint es da, wütend auf die Täter zu sein. Doch so einfach ist es eben nicht. Wenn es doch so einfach wäre... denke ich oft!

Man kann sehr lange über geistige Gefängnisse meditieren, weil es davon so viele gibt. Sehr lange! Und glaube mir: So ernüchternd es ist, so heilsam ist es auch, dies zu tun.

Ich tue es schon lange und werde es weiter tun. Auch wenn ich oft das Gefühl habe, dass viele nicht verstehen, warum ich mir nicht stattdessen einfach einen schönen Tag mache. Doch ich folge damit meinem Herzen. Mein Herz möchte, dass ich es tue. Verbunden mit einem denkbar tiefen Wunsch:
Mögen ich und alle anderen Wesen rasch aus allen geistigen und physisch greif- und sichtbaren Gefängnissen befreit werden!



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Die Bedeutung des Fühlens

Konsens oder das Gesetz des Stärkeren?