Frauen und Verwirklichung - Einmal laut gedacht

Bisher habe ich mich immer gegen dieses Thema gesträubt, wenngleich auch immer damit beschäftigt - denn ich bin eine Frau. Aber mich dazu wirklich in mehr als drei Sätzen zu äußern, vermied ich tunlichst. Da wird mir allzu oft das Pferd von hinten aufgezäumt oder, anders gesagt, immer noch zu stark nach patriarchalen Gesichtspunkten geurteilt.

Vielleicht geht das oft auch gar nicht anders, denn das "Männliche" prägt, bis auf verschwindend geringe territoriale Ausnahmen, nun einmal seit Jahrhunderten unseren Planeten. Ich war mir daher lange Zeit nicht sicher, was der Gegenpart "das Weibliche" denn eigentlich ausmacht. Wirklich starke Frauenvorbilder kenne ich in meiner näheren Umgebung keine. Und hier möchte ich betonen "wirklich weibliche" Vorbilder - nicht solche, die sich in Männerdomänen nach männlichen Regeln behaupten wollen.

Ich war nie feministisch, hoffe auch, es nie zu werden, denn ich möchte keine extremen Ansichten herausbilden und vertreten. In mir war aber ein ganz natürliches Bedürfnis: Mir selbst auf die Spur zu kommen. Und da ich zufällig nun einmal eine Frau bin, hat sich dies von ganz allein ergeben, dass ich damit auch dem Weiblichen nachgespürt habe, ohne dies mir dabei bewusst vorgenommen zu haben.

Je weiter ich meinen Weg ging, versuchte ich das Thema am Rande meines Geistes zuzulassen, aber doch dort zu belassen. Nun aber, nachdem ich bestimmte Gefängniszellen in mir gefunden und erspürt hatte, was mir in ihnen geschehen ist, drängt sich das Thema immer mehr in den Mittelpunkt.

Aufgefallen ist mir, dass - historisch faktisch hier nicht belegt, aber beobachtbar - das Abwehren oder Verschwinden "starker" Frauen in Europa ins 13. Jahrhundert fällt, als die Katholische Kirche die Inquisition aus der Taufe gehoben hat und erste "Hexen" verbrannte. Klar ist, dass es dazu eine Vorgeschichte gibt und auch vorher schon Ressentiments existiert haben müssen, die eine solche Institution erst möglich machte.
In dieser Zeit findet man im Tibetischen Buddhismus - sofern schriftlich belegt beziehungsweise überliefert - keine "starken" Frauen wie Yeshe Tsogyel oder Mandharava oder andere mehr übermäßig erwähnt.

Allgemein ist so oder so wenig von Frauen überliefert. Und das erscheint mir nicht allein darin begründet zu sein, dass starke oder verwirklichte Frauen nicht existierten, sondern dass es meiner Meinung nach nicht dem natürlichen Wesen der meisten Frauen entspricht, allzu viel Wirbel um ihre Qualitäten zu machen oder sich gar damit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Insofern wissen wir nicht, wieviele "starke" Frauen es wirklich gab und gibt.

Vielleicht verführt uns die grausame europäische Geschichte auch dazu, hier etwas misszuverstehen: Dass bei uns sogenannte "Hexen" brannten, war der Inquisition zu verdanken. Der Einfluss der Frauen lässt sich aber in den Geschichtsbüchern kaum ablesen. Um sich der Frauen zu entledigen wurden Mittel genutzt, die ich vorrangig "männlich" erachte: Lautstarkes Propagieren, Denunzieren und an den Pranger stellen. So etwas liest man dann auch in den Annalen, weil es den Geschichtsschreibern augenfällig war und somit erwähnenswert erschien. Der Einfluss der Frauen war aber schon immer kein frontaler, direkter, an äußeren Taten messbarer, aus oben genannten Gründen.

Warum aber fand es die Inquisition immer schon nötig, sich der "Hexen" zu entledigen? Und warum existiert auch in der Tradition des Buddhismus schon immer die plakative Ansicht, man könne Erleuchtung nur in einem männlichen Körper erlangen? Zumindest findet sich in vielen Gebeten noch dieses Wunschgebet, man möge als Mann geboren werden?

Hier geht es meiner Meinung nach um zwei Punkte: Einerseits den geheimnisvollen Aspekt des Weiblichen, der sich schwer fassen lässt und nicht durch eine Definition festschreiben - und somit kontrollieren. Frauen haben einen engen Bezug zum Dharmadhatu, von Natur aus. Im Katholizismus wurde dies schnell verteufelt.

Für mich ist es durchaus verständlich, sich zu wünschen, als Mann wiedergeboren zu werden, um die Erleuchtung zu erlangen, denn Frauen haben weitaus größere Belastungen mit der Familie und den allgegenwärtigen Benachteiligungen. Sie haben oft nicht die luxuriösen Lebensumstände, die ihnen erlauben würden, sich dem so stark entziehen zu können, wie die Männer das allerorten auch heute noch tun. Und Frauen werden immer noch genau in diese Nische verbannt, sonst hätten die Männer kaum Gelegenheit, weiter "ihr Ding" zu machen.

Aber für mich ist der Wunsch danach, ein Mann sein zu wollen, immer noch der Wunsch danach, es sich leicht und bequem zu machen - und dieser Wunsch schließt für mich indirekt die Frauen in ihren spezifischen Leiden aus. Fühle ich mich im tiefsten Inneren als Bodhisattva, würde ich einen solchen Wunsch nicht sprechen. Ich täte es wohlbemerkt nie. Ich lese darin immer noch so etwas wie den Hinweis: Frauen können das unmöglich schaffen. Genau der Punkt ist es, wo ich mir sage: Jetzt erst recht eine Frau sein und als diese Erleuchtung erlangen! Das sagte sich Mutter Tara auch einst. Und ich kann sie sehr, sehr gut verstehen.

Als ich mich tiefer mit dem tibetischen Buddhismus befasste, tauchte aber auch ein anderer Aspekt auf: Dass Frauen diesen natürlichen Bezug zum grundlegenden Raum, der unsere wahre Buddha-Natur ist, haben, ist nicht nur bekannt, sondern wird auch respektiert und verehrt. In meinen Augen herrscht hier aber ein eklatantes Ungleichgewicht, zwischen den männlichen und weiblichen Prinzipien - und dieses Ungleichgewicht ist auch in den buddhistischen Traditionen hausgemacht. Wenn alles auf die männliche Art angefasst wird - was sich nicht zuletzt in vielen Strukturen und Regelwerken niederschlägt - muss das Weibliche fehlen.

Das ist für mich ein Faktum und als solche Tatsache kann ich es stehenlassen. Für mich bedeutet dies zweierlei: Aus Mangel an Vorbildern bin ich oft gezwungen, mir sanft - und manchmal mühsam um den nächsten Schritt ringend - einen eigenen Weg zu suchen. Denn oft finde ich mich in dem traditionell vorgezeichneten und bisher (für jeden offensichtlich historisch belegt) stark bevorzugten monastischen Weg überhaupt nicht wieder.

Zum anderen leben wir in einem immer noch patriarchalen, also männlichen Zeitalter, was für die Frauen und das Ausleben ihres Wesens nun einmal Nachteile einschließt. Da hilft kein Jammern und kein Zagen: Es ist einfach so.

Im Zuge meiner Beschäftigung mit jenem in mir neulich entdeckten geistigen Gefängnis dachte ich an eines: Was Frauen zum Beispiel in den Gefängnissen in Tibet erleben, ist um ein Vielfaches schlimmer als das, was Männern angetan wird. So ist das. Und nur ein Beispiel. Eines nur.

Ich brauche mir die Frage nach dem "Warum?" nicht mehr stellen, denn durch meinen Weg und das, was ich in mir entdecke und annehme weiß ich um die Inkompatibilität des Männlichen mit dem Weiblichen und die zwingend Notwendigkeit, diese Prinzipien komplementär zu sehen. Und dass der Anspruch, besser oder der Sieger oder ganz herausragend zu sein ein männlicher ist.

Und ich spüre für mich auch, dass die Welt unter dem Ungleichgewicht schon lange leidet. Ich spüre, wie stark das Weibliche entbehrt wird. Und wie das Männliche im Wahn, zu obsiegen das Weibliche bekämpft und zugleich zutiefst vermisst.

Letztlich betrifft das auch die Art und Weise, wie ein jeder von uns mit diesen Prinzipien in seinem eigenen Inneren umgeht!

Doch viele Tendenzen von Frauen, die ich heute sehe, sind für mich nicht nachvollziehbar. Oft gerade die sogenannten "Feministischen". Die Heilung kann für mich nicht sein, als Frau mit Mitteln eines Mannes mich in eine Machtposition spielen zu wollen. Für mich ist das kein weiblicher Weg, sondern der Versuch, als Frau ein Mann unter Männern zu werden. Von daher halte ich oft auch gar nichts von der Frauenquote, wenn es bedeutet, dass Frauen trotzdem nach den Vorgaben der Männer handeln und entscheiden müssen.

Das meiste dessen, was unsere Welt im Moment prägt, regiert und am Laufen hält, ist nun einmal Ergebnis eines "männlichen Zeitalters". Frauen brauchen mehr Raum für sich. Und dazu müssten sie - wie es ihrem Wesen entspricht - erst einmal alles einreißen, dem Erdboden gleich machen... und dann nochmal gaaaanz von vorne anfangen.

... Am besten sogar den Raum einfach Raum sein lassen, ohne ihn gleich wieder mit etwas zu füllen. ;-)

Welcher Mann sähe das gern, wenn wir seinen im Schweiße seines Angesichts errichteten Palast einreißen würden? ;-)

D´accord? ;-)

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