Contenance! - Haltung bewahren

Manchmal, wenn meiner besten Freundin alles zuviel wird - Arbeitsalltag, zu kurz gekommene Bedürfnisse, unerfüllbare Wünsche - und sie in wildes, ihrem Temperament entsprechendes Jammern ausbrechen möchte, schaue ich ihr nur gerade in die Augen und sage dieses eine Wort: "Contenance!". Nicht, dass dies sofort etwas ändern würde - manchmal will man (oder ich oder sie) gar nicht loslassen, vom scheinbar berechtigten Bedürfnis, alles schlimm zu finden. Aber immer wieder holt es mich zurück, erinnert mich selbst in diesem Moment ihrer Beschwerden daran, wie ich wirklich sein möchte: Aufrecht stehend, gerader Rücken, Brust raus, Kopf erhoben, klarer und gerader Blick in die Augen meines Gegenübers...

So will ich im Leben stehen! So und nicht anders! Und wenn ich es im Augenblicke innerer und äußerer Bedrängnis nicht kann und nicht tue - wer bin ich dann?

Das adäquate deutsche Wort für "Contenance!" wäre vielleicht "Disziplin!", aber nur Contenance erzeugt in mir dieses Bild von einer klaren Haltung, von Würde, zugleich stabiler Bodenhaftung und Offenheit und Mut gegenüber dem, was auf mich wartet.

Weißt du, es gibt so viele Leben, in denen wir es viel schlechter hatten, sage ich mir oft. Wo wir Hab und Gut, unsere Lieben und unsere Gesundheit verloren haben. Sicher - die psychischen Ansprüche sind besonders hoch, in diesem Zeiten, aber es geht uns doch relativ gut. Also ist es richtig, Haltung anzunehmen, Haltung zu bewahren, um das in uns zu fördern, was gut und wahr ist. Denn von allein kann es nicht groß werden, nicht nach außen wirken und beeinflussen, verändern, befrieden und erhellen.

Die Haltung selbst ist nicht nur Vorbote des wahren Herzens: In dem Moment, wo du dich deiner inneren Haltung erinnerst und sie äußerlich annimmst, BIST du schon dein wahres Herz! Und dieses warme, verlässliche, lichtvolle Innere findet immer eine Lösung. Selten die, die auf Basis bloßer erdachter Vorstellung gewünscht wird, aber immer die, die in Abwägung aller Tatsachen und Notwendigkeiten bodenständig möglich ist. Das ist die größte, die unerschütterlichteste Herzensqualität. Und indem du Haltung bewahrst oder wieder annimmst, die Brust öffnend, öffnet sich auch dein Herz. Und dann tut es, was zu tun ist.

Regelmäßig Haltung anzunehmen, ist unerlässlich. Ganz auf dem Boden des eigenen Herzensgrundes fest zu stehen, ist überlebensnotwendig. Sonst kann es passieren, dass es dir nicht gut geht und du plötzlich herausfällst, aus dem harmonischen Einklang mit dem, was gerade ist.

Aber ich verrate dir was: Auch ich tue das ständig - Herausfallen aus dem Einklang, meine ich. Ohne tägliche Meditationspraxis, ohne Innehalten, ohne mein Schreiben... ohne alles dies, wäre ich hoffnungslos verloren und mordete mich täglich selbst. Zum Glück also gibt es Momente, die so unerträglich sind, die mich so jämmerlich sein lassen, dass es mir wieder von selbst vor Augen steht: "Contenance!" sage ich dann. Gehe zu einem Spiegel und schaue mir selbst fest und gerade in die Augen...

Wenn ich mein Herz allzu oft verrate oder nicht Raum und Zeit finde, die es möglich machten, es eben NICHT zu verraten, kann es passieren, dass ich plötzlich weine. Ja wirklich! Da setze ich mich wie jeden Morgen auf mein Kissen, nehme Zuflucht, erinnere mich all jener, die mich inspiriert haben und mir Vorbild sind, spüre ein wenig, lausche ein wenig... und da kullern sie schon, die Tränen!

Ja, dann ist das ein sehr wichtiges Signal. Dann allein "Contenance!" zu sagen, in diesem Moment, wäre Selbstbetrug. Dieser Aufruf zur richtigen Haltung soll nichts überdecken, soll nicht dem Wegdrücken dessen dienen, was mein Herz bewegt. Es soll nur sanfte, manchmal eindringliche Erinnerung sein, dass das Herz nur dann zur Sprache kommt, wenn ich mich ihm in adäquater Weise zuwende:

Mit Hoffnung, mit Zuversicht, mit Würde und Staunen, was sich wohl als nächstes aus dessen Tiefe erheben wird. Mit festem Vertrauen, dass der Weg des Herzens der ist, den schon tausende und abertausende gütige und weise Wesen vor uns gegangen sind und dass er für mich lebbar wird, indem ich selbst meinem Herzen Raum gebe. Durch das Herz habe ich Zugang zu ihnen. Und öffne ich mich reinen Herzens ihrem Zuspruch, erfahre ich diesen auch.

So legt sich, während die Tränen fließen, des morgens auf meinem Kissen, manchmal sanfte Wärme um meine Schultern, wie ein kuscheliger Schal. "Ja", denke ich dann. "Leicht ist es nicht, immer wieder sich fein in die richtige Frequenz zu justieren. Aber möglich und einzig gütig. Für mein Glück und das der anderen."

Merkst du den Unterschied, zwischen dem hysterischen Ausflippenwollen und dem traurigen Herzen? Das eine mag sich der Realität einfach nicht stellen. Das andere sucht mit sanfter Traurigkeit zu zeigen, dass du für dich nicht da bist. Welten liegen dazwischen. Und du wechselst von einer Welt zur anderen mit etwas scheinbar so Unwichtigem, wie der richtigen inneren Haltung. Mit sanfter, gütiger, würdevoller und alle Tatsachen und Gegebenheiten durchdringender "Contenance!"

Kommentare

  1. Hallo Josephine,

    das innere Drama, in dem ich mich befinde seitdem ich denken kann, beruht auf einem Idealbild von mir selbst. Dieses Idealbild von mir selbst versuche ich zu leben, weil es mir Sicherheit gibt (oder geben soll).
    Ich kann mich so wie ich bin - ohne dieses Ideal - nicht ausstehen.
    Aber schön, dass du mich daran erinnerst, alles loszulassen. Habe vor einigen Tagen über mein Idealbild meiner Selbst nachgedacht und vorgestellt, es wäre nun nicht mehr da...
    Habe heute Mut dir zu antworten.
    LG Alen

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  2. Ja, Selbstbilder scheinen sicherer, da sie fassbarer oder festschreibbarer sind, als unsere Herzen.

    Das wahre Herz aber ist Grundlage aller Benennung... Absurderweise ist es damit Urgrund auch für all die Zerrbilder, die wir uns von uns selbst basteln. Es trägt sie geduldig und lässt sie sein, was sie sind. Und es weint, wenn wir vergessen haben, dass es nichts als Trugbilder sind...


    <3 Danke, Lenchen.
    Was wäre dieser Blog ohne Dich und das, was wir gemeinsam erleben? Nichts hätte ich zu schreiben! Ich freue mich daher sehr, dass du dich nun traust... LG Josi

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