Absage an den Baby-Geist

Sich wirklich der Weite und dem phantastischen Potential des eigenen Geistes zu zu wenden - hat das nicht etwas Beängstigendes? Scharen von Psychologen und Psychotherapeuten haben sich schon dem Thema gewidmet und insbesondere der Frage, wieviel Potential (oder Phantasie) eigentlich gesund ist. Und wo unser eigener Geist anfängt, uns Probleme zu machen bzw. uns davon abhält, die lebensnotwendigen Dinge zu tun und mit beiden Beinen auf der Erde zu bleiben.

Ich als diejenige, die ihr Herz in Freiheit leben möchte, habe bisher einen starken Fokus auf die Frage gehabt: Wo bin ich zu bodenständig, wo zu sehr verhaftet allein dem Irdischen, Materiellen, Lebensnotwendigen, alltäglichen Funktionieren? Mein Ich, stark geprägt vom Über-Ich, ist perfekt darin ES zu unterdrücken. "Es" als Synonym für mein Herz.

Seit Jahrzehnten macht mein Ich aus Angst vor dem Über-Ich dieses "Es" zu einem Baby. Irgendwann begann der Irrtum sich einzuschleichen, dass Es nicht erwachsen und dem Leben genug verbunden sei. Dass es nur Dummheiten vor hat, die nicht bodenständig sind. Dass es gefährlich ist. Dass es mich davon abhalten wird, mein Leben zu meistern. Natürlich zu meistern im Sinne aller Maßgaben des Über-Ich oder Eltern-Ich.

Das Über-Ich als Kopf betrachtet, das Herz als Es (das Kind), war das Ich oft dazu verurteilt, dem allzu großen Wasserkopf zu folgen. Nun schaue ich auf zehn Jahre zurück, in denen ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, allein darum gerungen habe, den Wasserkopf zu schrumpfen und stattdessen dem Herzen etwas mehr Raum in meiner Brust zu verschaffen. Und jetzt erst bin ich bereit, zu sehen, dass allein das Gleichgewicht zwischen Über-Ich und Es und dem Ich als Vermittler in allen Alltagsfragen, in meinem speziellen Falle nicht genug ist.

Mich dem Herzen und seinem unendlichen Potential wirklich hinzugeben, das ist mein großer Wunsch, kommend aus demselben ES, dem Herzen. Und so stehe ich an einer Schwelle, wie so oft. Der Schwelle, nunmehr einige Über-Ich-Überfunktionen wiederum loszulassen, über Bord zu werfen und vielleicht in Zukunft selbst die Augen in mein Herz zu verlagern. Weg vom Kopf, dem intellektuell Versierten. Hin zum Herzen, dem instinktiv Wissenden und danach handeln Wollenden.

Das gelingt mir nun viel leichter, weil mir bewusst geworden ist, dass mein Über-Ich und das durch dieses und Umwelteinflüsse vollkommen gestresste, müde Ich meinen Geist dieses Baby sein lassen. In Wahrheit bin ich damit groß geworden, meinem Es, dem Herzen, dem Potential überhaupt nichts Eigenes zuzutrauen. In Wahrheit lernte ich, dass Konsum viel normaler, natürlicher und die einzig wahre Lebensweise ist, um uns alle weiter am Leben zu halten. Tönt es nicht allerorten in den Medien, dass die Kaufkraft angekurbelt werden müsse? Dass allein Konsum unsere Gesellschaft am Leben hält?

Nun, das Es will nicht konsumieren. Es will kreieren. Kreieren und sonst nichts. Konsum ist nicht das Ende der Kette, sondern notwendige Grundlage. In Maßen. Und Kreation ist das, was das Potential wirklich will. Ein Baby-Geist jedoch muss immer und immer gefüttert werden. Bis er groß und dick ist. Und so voll gestopft, dass er nur noch dumpf vor sich hin dümpeln kann? Nein! Das will ich nicht.

Daher muss ich das Bild, dass mein Geist ein zu fütterndes Baby sei, endgültig aufgeben. Ich will aufhören, mich nur in den Maßgaben des Über-Ich zu bewegen. Oder des verängstigten Ich, was ständig gegängelt vom Über-Ich sich nichts zutraut und daher das Es gängeln muss. In die Schranken verweisen muss. Jede spontan treibende Blüte muss dann gestutzt werden! Ja und Warum? Weil das Über-Ich das Es des eigenen Herzens verteufelt. Weil es potentiell ja über die Stränge schlagen könnte, den Boden und damit die materielle Sicherheit verlieren könnte.

Doch wenn du oder ich wirklich nur den Herzgeist zum Baby macht, wenn du dir nicht zutraust, im Herzen bereits vollendet zu sein, wenn du immer am Rockzipfel deines Über-Ich klammerst, wenn du dich niemals der Offenheit, der Weite und damit dem Potential deines Geistes überantworten kannst, wie solltest du oder ich denn jemals frei sein?

Ich spüre immer deutlicher, wie ich mir seit jeher tagtäglich nicht zutraue, mein Herz zu leben. Da ist ein unterschwelliges Zögern und Zagen, gegen dass ich oft wütend angekämpft habe. Ja, daher waren es zehn Jahre des Ringens. Mir ist einfach nicht verständlich gewesen, wie der Widerstand so stark im eigenen Haus sein könnte! Und, vor allem, warum? Zu lange fürchtete ich mich davor, alle Bekanntschaft und Verwandtschaft zu verlieren und erfüllte daher oft und kleinherzig die angenommenen und vermuteten Pflichten und Bedingungen. Ich selbst fürchtete mich vor der Freiheit, glaubte sie mit Alleinsein gleich. Mit Verlassenheit und damit Hilflosigkeit. Ich selbst wollte den Babystatus nicht aufgeben, denn er war mir der Vertrauteste.

Jetzt, wo ich langsam hingehe und mir zutraue, wirklich großen und mächtigen Herzens zu sein, jetzt, wo ich dazu stehen kann, dass aus ihm heraus alles schon in Ordnung ist, was ich tue - jetzt erst fühle ich Freiheit nahen. Jetzt erst spüre ich freudige Gewissheit, dass ich wirklich nach meinen eigenen Regeln leben kann. Dass es nicht nur erlaubt ist, sondern möglich - ja notwendig, will ich wirklich an meinem Leben nicht nur beteiligt, sondern lebendig sein.

Jetzt erst ist mein Ich soweit, die Herrschaft zu wechseln und sich dem ständig drohenden, gängelnden, Angst verbreitenden Über-Ich zu entziehen und herzlich gemeinsame Sachen zu machen, mit dem Es, was alles schon hat, was es braucht und daher nicht länger gefüttert werden muss. Ich traue mir zu,wirklich mal Spaß am Leben zu haben. Egal, wie die dafür momentan gegebenen Bedinungen auch sind!

Jetzt erst sage ich wirklich auf vielfältigen Ebenen NEIN zum puren Konsum und entdecke Lust darauf, stattdessen selbst zu kreieren. Ich höre auf, scheelen Auges auf merkwürdige Neigungen meines Herzens zu schauen und sie zu werten, zu sortieren, zu unterdrücken. Ich beginne zu vertrauen, dass diese Lebensneigungen ideale Umgebung für Kreation sein werden. Kreation nicht nur des reinen Lebensausdrucks wegen, aber doch vor allem deshalb.

Und das ist gut.
Gut genug.
Genug!
Mehr braucht Leben nicht.

Schluss, mit dem Hang des Über-Ich mir immer noch mehr, mehr, MEHR zuzumuten.
Immer muss es noch ein extravagantes Topping geben! Niemand mag sein Leben mehr pur.

Ich weiß, dass Lebensausdruck keiner Rechtfertigung bedarf, sondern per se gut sein wird.
Dies entspricht nichts geringerem, als dem bereits vollendeten Herzen.

Und den Baby-Geist (ver)lasse ich nun. Denn ich sehe jetzt klar den Selbst-Betrug, den ich früher nur diffus gespürt habe: dem Verstand folgend, konnte ich Vollendung immer nur in Zukunft sehen. Dem Intellekt des von Normen überfütterten Über-Ich und dem davor zitternden Ich habe ich mehr vertraut, als dem Essentiellsten, Pursten, seit jeher Vorhandenen. Mich immerzu in neue Gewänder kleidend, traute ich mich nicht, pur zu sein. Weil das ja zivilisiert ist. Alles andere wäre (zu) wild!

Nun gilt es, vorsichtigen und erwachsenen Schrittes weiter zu gehen.
Gemäß dem, was nicht aus meinem Leben erwachsen ist, sondern dem authentischen Herzen entspringen und eigene, neue Form finden will.

Und wird. Dessen bin ich sicher.

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