Mythen und Erwachen

Schnell denke ich mir den Buddha als ein erhabenes, heiliges Wesen, dem ich andichte, dass ihn nichts mehr den Teppich unter den Füßen wegreißt, der standhaft ist, unerschütterlich und beinahe schon nicht mehr berührbar vom Leid. Doch die Realität wirklich zu sehen, in all ihrer Roheit und Nacktheit, als unmittelbares Produkt von Ursachen und Wirkungen ist nicht leicht. Und wenn ein Buddha in der Wirklichkeit steht, so steht er auch mitten im Leid. Und er oder sie trägt zusätzlich die Last des Wissens um Gewordensein und wohin alles werden wird.

Wer will dies wirklich so genau wissen? Sprich: Wer von uns will wirklich erwachen?

Je mehr ich dem Buddha in mir das Ruder überlasse, mich getraue, ihn auch Ich zu nennen, wenngleich auch mein unerkanntes, verborgenes Ich, so sehe ich mit Schaudern die Aussicht alles dieses Wissens. Dann sehe ich den Buddha auch als weinenden Buddha. Insbesondere dann, wenn aus einer Gegebenheit heraus aufscheint, dass kein gutes Ende für die Involvierten absehbar ist. Jedenfalls nicht so bald.

Ab und an ahne ich, wie schwer Wissen und Einsicht wiegen kann. Und wie wenig auch ein Buddha darüber erhaben sein kann, in dem Sinne, wie ich mir ihn immer vorstellen möchte. Vorstellen möchte. Ich möchte ihn mir so vorstellen und mache ihn oder sie in diesem Moment schon zum Bestandteil eines dieser Mythen, die aus meinem Geist hervor quellen und sich spontan manifestieren wollen. Vielleicht, weil sie für mich angenehm sind. Angenehmer, als wenn ich mit beiden Füßen in der nackten Wahrheit stehe...Und daran habe ich mich gewöhnt.

In der Realität sein ist nicht leicht. Oft will ich mich dem nicht gewachsen fühlen. Und in diesem kleinen Moment des Nicht-Wollens, schlüpfe ich schon seitlich hinaus, aus der Realität und bin fort... im von meinem Geist hinzu Erschaffenen, hin zu dem, was ich auf die Realität applizieren möchte, wie einen Schleier.

Vielleicht schlüpfe ich in eine rosa behauchte Welt. In einer Welt, wo alles am Ende eben doch gut wird. Wo alles gut sein muss, weil mir dies sicher dünkt. Dieser rosa Tüll verschleiert jedoch nicht mehr und nicht weniger, als die Angst vor dem Versagen alles Guten, an das ich glauben möchte, dessen ich mir aber eben nicht wahrhaft sicher bin.

Vielleicht schlüpfe ich auch in eine Welt voller Grauschleier und Dunkelheit. Die angefüllt ist mit Zerstörung und Aussichtslosigkeit. Ich nehme die Katastrophe vorweg, aus Angst, dass das, was ich doch so hoffe, an Gutem zu finden, in dieser Welt, von heute auf morgen zerplatzen könnte, wie eine Seifenblase.

Angesichts dessen, dass ich mich immer wieder versuche, davon zu stehlen, merke ich schon, wie wenig ich den Buddha kenne. Wie wenig ich ihn in mir wirklich weiß. Das Dichten von Mythen scheint die einzige Schonfrist, die mir mein Geist dann vor dem wiederholten Paukenschlag, der seines Zeichens die Übermacht meiner Ängste ist, gewährt.

So beobachte ich täglich die Ich-Mythen, die ich von mir, meiner Welt und meinem Leben erzeuge. Ich sehe mir dabei zu, wie ich mich von einem zum anderen Moment davon mache. Entweder in Verschwörungstheorien und Untergangsstimmung oder aber in himmelhoher Vorwegnahme erdachter Erleuchtung, losgelöst von allem Irdischen. Zunehmend subtiler und verborgener vielleicht, aber dennoch deutlich selbst zurecht gedichtet. Gemäß meiner Hoffnungen und Ängste.

Ich switche hin und her und versuche minütlich, sekündlich der Aussicht, die Realität wirklich roh und echt wahrzunehmen, immer wieder zu entkommen.

Denn sich selbst echt zu sehen, holt mich ab, wo ich im Moment wirklich bin. Sie zeigt mir die Falten, die sich langsam bilden, die Zukunftsträume, die keinerlei Samen noch Boden zum Gedeihen haben, die Notwendigkeiten, denen ich mich beugen muss. Sie zeigt jetzt schon, welche Entwicklungen sich ankündigen, für mich, für dich, für die Gesellschaft. Und sie zeigen jede Menge Aussichtslosigkeiten, erwachsen aus alledem, was mir widerfuhr und dass ich mir nie erträumt habe... Und das positive Potential zeigt sie vielleicht auch, was ich selten mal bereit bin, fantastisch zu überhöhen, öfter schon bereit aber vollends abzuwehren.

Ja, wie könnte man in diesen Wirrungen Buddha sehen? Wie könnte in alledem Buddha sein? Heroisch, überirdisch, schön, gewieft, gütig und klar. Präsent... So erdenke ich ihn/sie mir... Wie könnte in all diesem Elend und in all dem, was ich verpasst habe und doch so sehr gewünscht habe, jemals Buddha wach und lebendig sein? Und in dem, was "ich" jetzt und hier bin.

Dann lieber doch die Mythen, die Geschichten, die ich täglich tagträumend ersinne, so geschickt und geübt, dass ich oft schon gar nicht mehr realisiere, dass dies eben mein Geist hinzu tut.

Ja. In allen diesen Bewegungen und Irrungen ist mir klar, wie schwer es wiegen kann, wach zu sein. Was es für Kraft kosten kann, einfach das, was ist, auszuhalten. Wieder und wieder in blutiger Geduld. Und mich dem zu stellen, was ich an Mythen über mich, die Welt und das Leben erzeuge - ob positiv oder negativ.

Doch wichtig ist dieses Aushalten. Unerlässlich. Notwendig. Unvermeidlich.

Denn tue ich dies nicht, werden alle diese Mythen mir zeitlebens den Blick davor verstellen, was Buddha-Natur vielleicht wirklich ist. Ich nehme mir die Chance, Buddha oder die ursprüngliche Natur wirklich zu spüren. Zu schmecken. Gewähren zu lassen. Und fortan wäre ich verurteilt, bis zum Ende aller Zeiten von meinen eigenen Mythen gejagt zu werden. Rast- und Ruhelos. Ziellos. Endlos.

Mögen die Buddhas - in ihrer geduldigen Güte, die alles zu ertragen vermag - dies verhindern. Sie wissen, was es bedeutet und wie es geht, eins und lebendig in und mit dem eigenen wahren Wesen zu sein. Mögen sie mir bitte zeigen, wie ich aufhöre, unendliche Mythen über mich und die Welt zu erzeugen. Und möge ich mutig erwachen zu dem Einfachen, Unverfälschten in mir, was ich letztgültig und wirklich bin. Zu dem, wo Licht und Schatten keine wertende Unterscheidung mehr braucht, um mir Sicherheit zu bieten. Das, wo keine Depression, keine Neurose oder Psychose oder sonstige Irrung jemals hinreicht...

Lasst ruhen im großen, natürlichen Frieden diesen erschöpften Geist.... So bitte ich.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Die Bedeutung des Fühlens

Konsens oder das Gesetz des Stärkeren?