Der Ruf der Wildnis

Am Anfang unseres Lebens, auch auf dem Weg zur Mitte kommt es wohl eher selten vor, dass wir das leben, was in unseren Herzen ist. Zu stark sind die Prägungen, die wir von außen erfahren haben, in einer Gesellschaft, in der Innerlichkeit nicht populär ist. So war die für mich bisher schwerste Lektion diese, zu meinem starken Drang nach Innerlichkeit zurück zu finden, zu stehen und diese zuzulassen. Ganz ohne die ständigen Zweifel, dass ich zu oft allein mit mir selbst bin und zu wenig äußere Kontakte pflege.

In letzter Zeit beobachte ich immer noch, wie ich mich daran gewöhnt habe, vor mir selbst zurück zu scheuen. Wie ich immer noch nicht hundert Prozent mich auf mich selbst und meine Neigungen einlasse. Dies fällt mir massiv auf. Und ich verstehe auch, dass ich mich noch immer umgewöhnen muss. Denn ich wurde einfach darauf geprägt, dass irgendwie nur das mein Leben lebenswert macht, was in anderer Augen messbar gut ist.

Darin liegt einer meiner größten Konflikte, mein größtes, fruchtloses Ringen: Gemäß der Prägung strebte ich danach, mein Leben nach außen messbar gut zu organisieren. Doch genau das traf niemals auf innere, positive Resonanz. Ich mühte mich ab, strengte mich an, letztlich nur für dieses äußere "Ja". Und genau dieses blieb allzu oft aus. Ist es nur bei uns so, dass der Tadel lauter tönt, als das Lob? Oder sind es nur meine Ohren, die selektiv hören? Ich will mir bis heute kein endgültiges, objektiv erscheinen wollendes Urteil erlauben. Ich möchte nicht für viele, sondern vor allem für mich sprechen. Und dies dann für sich sprechen lassen.

Je mehr ich der Prägung gemäß strebte, desto lustloser, desto resignierter wurde ich.

Das hätte böse enden können, hätte mich mein Inneres nicht gerufen. Hätte ich nicht irgendwann auf die Übelkeit reagiert, die ich spürte, wenn ich den Maßgaben des von Außen kommenden gemäß mich angestrengt habe. Hätte ich nicht irgenwann mir selbst gegenüber Güte walten lassen und registriert, dass ich mir selbst schade, wenn ich so weiter mache.

Zu stark wurde dank meiner buddhistischen Praxis über die Jahre das Gefühl, dass ich mein kostbares Menschenleben verschwende.

Wer nicht darin geübt ist, auf sein Inneres zu hören, begibt sich auf eine innere Odyssee, wenn er damit beginnt. Anfangs wusste ich nicht, was da ruft. Oder warum es ruft. Schon gar nicht wohin es mich ruft. Und jemand, der wie ich auf das Urteil anderer geeicht wurde, musste durch extreme Angstzustände gehen, sich zu so etwas Diffusen, Ominösen und nicht Greifbaren zu bekennen. Noch immer waren die Urteile jener mir lieben, durch das Leben an die Seite gestellten Menschen lauter und einprägsamer. Logischer. Verkappt bodenständiger.

Ja. Täglich musste ich mich verzweifelt fragen: Rufen da die Sirenen? Ist es gut, was mich ruft? Oder haben die anderen da draußen Recht? Wäre ich nicht verzweifelt gewesen und hätte es nicht einen inneren Alarm gegeben, der mich davor warnt, was passiert, wenn ich nicht auf meine eigenen Signale höre ... dann hätte ich wohl niemals das innere Commitment mit meinem eigenen Herzen getroffen. Und ein Commitment zu dem zu stehen, von dem ich fühle, dass es wahr ist. Und das, was der Buddhadharma lehrt, ist wahr. Was er über den Geist lehrt, ist wahr. Und diesen Weg nicht als Intellektuelle zu gehen, sondern als Selbstversuch, ist die einzige Chance, die ich sah, um den Durchbruch zu mir selbst zu schaffen.

Die Odyssee über Jahre innerer und äußerer Stürme, mit zahlreichen Bodenverlusten und Erfahrungen, dass ich dennoch getragen bin, weiß ich nun, was mich ruft. Die Wildnis ist es. Alles das, was in mir möglich ist und noch nicht durch Normen und Vorschriften, Verhaltensregeln und betonierter Tradition gezähmt wurde. Alles, was echt ist. Authentisch.

Ich spüre nicht nur, wie die Wildnis mich ruft, sondern vor allem, wie ich erstmals so etwas wie Abenteuerlust empfinde. Vorbei ist die Zeit, in denen ich mit zitternden Knien und den Kopf voller quälender Gegenargumente meine Füße zwingen musste, nicht dem Kopf zu folgen. In der ich mich endlosen Armeen aggressiver, dunkler Gegner gegenüber sah, durch deren Reihen ich mich zwängen musste. Die mich gefühlt tausendmal getötet haben. Und wo ich nach jeder Schlacht zu meiner Verwunderung immer wieder neu erstand.

Heute weiß ich, dass sie da stehen. Und dass es nur von meiner inneren Haltung abhängt, ob ich mich von ihnen beeindrucken lasse. Ob ich mich von ihrer optischen Überzahl narren lasse. Oder ob ich mir einfach einen Weg um ihre Flanken herum suche, ohne ihnen eine Angriffsfläche zu bieten. Und selbst wenn sie mich erwischen, verlasse ich mich auf meine Erfahrung, dass es danach trotzdem weiter geht. Natürlich spüre ich sie immer noch, die Angst. Doch ich weiß, warum sie da ist. Dass sie normal ist. Und das Mut bedeutet, trotzdem weiter zu gehen. Um Erfahrungen zu machen und die Angst umzuerziehen.

Meine Wildnis ist nicht deine Wildnis. Sie ist ganz authentisch jeweils unsere Wildnis. Trotzdem ist diese Wildnis auch Dharmadhatu. Wenn du spürst, wie wild, ungezähmt, unbewertet, unsortiert und nicht mit bekannten Labeln versehen sie ist, spürst du die Potenz von Dharmadhatu. Es fühlt sich so an, als könne man sich noch mehr verlieren, als ich mich schon verloren habe, in diesem Leben. Doch zugleich riechst du förmlich, dass Dharmadhatu dir trotzdem nahe ist. Dass du selbst mit Dharmadhatu verwandt bist. Dass in dieser Weite deine Heimat ist. Spüren kannst du es. Instinktiv. Irgendwann wirst du es wissen. Aber benennen wirst du es nicht. Es wird immer deine Wildnis bleiben. Und aus ihr heraus kann sich etwas formen, was Ausdruck dieser sein kann. Doch nie die Wildnis selbst...

Noch weiß ich nicht, was ich in meiner Wildnis finden werde. Aber gesund wird der, der sich ihr stellen kann. Das weiß ich. Wir sind Menschen, fühlende Wesen, begabt mit einzigartigen Fähigkeiten. Und nur so vor sich hin zu leben einfach nach Regeln, in die wir hinein geboren wurde, lässt sie verkümmern. Lässt uns depressiv werden und irgendwann ausbrennen.

Dein Herz ist es, was dir sagt, wie es wirklich um dich steht.

Und dein Herz ist Buddhanatur.

Dein Herz ist der Buddha.

Dein Herz weiß, worum es wirklich in diesem Leben geht.

Es möchte, dass du vorbereitet bist. Dass du weiter gehst. Dass du danach strebst, es zu verwirklichen.

Falls du den Ruf der Wildnis hörst, wünsche ich dir die Kraft, diesem Ruf zu folgen.

Denn der Buddha in dir wünscht, dass du heil bist.

Erst dann kommt das Heil für die anderen.

Aus der Heilung heraus.

Aus dem heilen Herzen heraus.

Aus dem Herzen heraus, was sich mit diesem Leben und in diesem Leben wohl fühlt.

Und aus heilem Herzen wünsche ich zutiefst: Wohl. Für mich und für andere. So sei es!

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