Phasenverschiebung

Wenn die innere Wahrnehmung dem Außen nicht entspricht, wenn also das, was ich zu sein im Herzen fühle, nicht kongruent zu der Person ist, die da nach außen etwas sagt oder tut, kann das sehr unangenehm sein.

So wird mir diese Tage wiederholt deutlich, wie dieses klare, enthusiastische, dennoch auch realistische Ich meines Herzens so vollkommen verdeckt wird, von der Person, die ich seit meiner Kindheit bin. Ja, irgendwie nehme ich mich selbst deutlich als das verlorene Kind wahr. Als agierte dieses, Tag für Tag. Nicht Ich.

Dies ist die Wahrheit, denn solange die Verhaltensmuster verweilen, mich wieder und wieder das gleiche angstvolle Spiel von Verstecken und Rückzug spielen lassen, um mich zu schützen, bin ich mir selbst fremd. Oder auch das Spiel des Auftrumpfens und Überspielens, des gewollten Selbstbewusstseins - auch dann bin ich mir fremd. Dann schaue ich in den Spiegel und finde mich selbst nicht wieder.

In der Variationsbreite dieses gespielten Verhaltens changiere ich also, je nach äußerem Erfordernis.

Und doch spüre ich die Wahrheit nicht fern davon. Das wahre Innere sucht nach einer Möglichkeit, hindurch zu blitzen. Und möglich wird es, durch eine Phasenverschiebung.

Die Gefühlsphasen, die mein Leben zu 90% beherrschten, nicht als die Wirklichkeit zu sehen, ist der Ausweg. Denn Herzgefühl ist nicht gleich irgendeine Gefühlsphase, die auf früheren Erfahrungen und daraus getroffenen Schlussfolgerungen beruht.

Doch bis dahin, schaue ich mir die Tage auch in erinnerten Bildern auf dem Meditationskissen noch die Vergangenheit an. Wieder aus neuer Perspektive. Aus der Perspektive des gefühlten, personellen Ich. Aus der Perspektive des verlorenen, Halt suchenden Kindes, was diesen Halt bis heute nicht gefunden hat. Und was seither versucht, aus der Haltlosigkeit zu entkommen. Es meinte, durch Veränderungen im Außen die gewünschte Änderung im Wohlsein, im Wohlfühlen zu erreichen. Vielleicht ist daher das Verändern des (Blog-)Ortes ein Teil der kindlichen Strategie, Erleichterung zu finden?

Der Ausweg ist in dem Sinne kein Weg, sondern ein Zustand. Im Zustand der Aufmerksamkeit, der Achtsamkeit auf das Halt suchende Kind und seine Strategien findet allmählich eine Phasenverschiebung statt. Mag es auch schubweise hoch her gehen und gewisse Verhaltens- und Denkmuster das eigene Sein tsunamigleich überrollen... ich bleibe achtsam darauf. Ich notiere mir sogar bestimmte für dieses Kind-Ich typische Muster.

Und manchmal, manchmal sehe ich dann das Kind von damals in all seiner Verzweiflung in mir weinen. Insbesondere, wenn es plötzlich nicht weiß, was richtig und falsch ist. Denn Kinder können dies nun einmal nicht wissen. Wenn es nicht weiß, was gut und richtig ist und sich allein fühlt, um einen guten Hinweis, eine Anleitung, eine Empfehlung gebracht. Dann kann aus der Achtsamkeit ein großer, kuscheliger Raum werden, in dem sich das Kind geborgen fühlt. In dem es zur Ruhe kommen kann.

Heilung entsteht mit der Zeit, mit Hilfe dieser Phasenverschiebung. Ich setze mich hin, nehme mich zurück aus meinem gefühlten "Ich bin", dass aus diesem Leben erwachsen ist. Mir bewusst werdend, dass die Wahrnehmung, die diesem gefühlten Sein zugrunde liegt, nicht mein altes Herz ist. Denn diese gefühlte Wahrnehmung stammt noch aus einer Zeit, in der ich mir meines Herzens nicht bewusst war. Im Heute gestatte ich mir etwas, was darüber hinaus reicht. Und in dem alle Antworten begründet liegen und alle Fragen gehört werden.

Selbst wenn es Momente gibt, in denen ich aus diesen kindlichen Gefühlsphasen nicht aussteigen kann, in denen ich mir das grundlegende Herz nicht ins Gefühl bringen kann, harre ich aus. So gut ich kann.

Die Phasenverschiebung kommt mit dem Verweilen, der Achtsamkeit, dem Raum geben, dem Gewährenlassen. So stehen sich das verlorene Kind, was etwas tun möchte, etwas verändern, das gefühlte Grau und Grau des Lebens, die wabernden Schwaden der Orientierungslosigkeit, durchdrungen von unberechenbaren Schatten, irgendwie weghaben will - oder das erstarrte Kind, was sich seiner Ohnmacht, etwas zu ändern, nicht erwehren kann - und das geduldige, alte Herz gegenüber. Und je öfter das Herz dieses Kind einfach umarmen kann, desto mehr lichten sich letztlich doch noch die Nebel.

... und mehr und mehr wird mir klar, dass die Schlange nur ein Seil ist. Und das, was da hinter der Hecke hervorlugt, diese Hörner... vielleicht sind sie so etwas wie das Horn eines Hasen?

Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    du schreibst mir aus dem Herzen.
    Zur Zeit lebe ich ein Leben, das ich so nie wollte. Die Sprache ist wunderbar. Ich könnte auch sagen, ich führe zur Zeit kein Leben, da ICH nicht führe. In Deinem Text steht " Ich setze mich hin, nehme mich zurück aus meinem gefühlten "Ich bin", dass aus diesem Leben erwachsen ist" Es ist daraus "erwachsen": Ich bin aus dem erwachsen, was meine Kindheit war. Aber ich fühle mich nicht erwachsen. Ich bin Erwachsen geworden. Achtung: Das ist Passiv.
    Sprache ist so entlarvent, wenn man genau hinhört. Deine Sprache ist für mich sehr treffend. Deine Texte treffen mir ins Herz.

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  2. Wow! Ich weiß nicht genau, wie ich über diesen Text gestolpert bin aber..

    durch deine Worte bzw. deine Sprache bin ich wohl ein Stückchen schlauer geworden. Unglaublich tolle Sprache - sehr treffend!
    Sie treffen mir ebenfalls ins Herz.

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    1. Wenn meine Worte dazu beitragen konnten, dass du Klarheit und durch diese Klarheit Zuversicht gefunden hast, haben sie ihren Zweck erfüllt...

      :-)

      Vielen Dank für deinen Kommentar und herzliche Grüße
      Josephine

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