Mein Herz ist alt

Mein Herz ist alt. Ich spüre das, wenn ich mich ihm zuwende. Wenn ich ablassen kann von manchmal kindlichem, oft kindischem Dafürhalten, Notwendigkeiten und Beschaffenheiten meiner selbst und des Lebens betreffend. Dieses Ich, was ich zu dieser Physis zähle, ist geprägt von Angst, Scham und Schuld, geprägt von Verspannungen und einem eingezogenen Kopf.

Noch stehen der junge Verstand dieses Lebens und dieses alte Herz in mir einander paradox und unverträglich gegenüber. Doch die Entscheidung, dem Alter Respekt zu erweisen, traf ich schon früher. So vieles, vor dem ich verkrampft den Kopf einziehe, ist, mit Herzen besehen, so vollkommen umsonst. Und das, was mein Herz sieht, ist so viel großflächiger, allumfassender und nachhaltiger.

Im angespannten Ich dieses Lebens hebe ich den Kopf nicht heraus, aus den alltäglichen Belastungen. Plötzlich sehe ich mich nach Dingen greifen, die für uns in Deutschland so notwendig und erstrebenswert scheinen. Es geistern Vorstellungen durch meinen Kopf, was ich in den nächsten Jahren erreichen sollte und könnte. Ideen davon, glücklich und zufrieden zu leben. Abgesichert. In einem Schutzwall an Möglichkeiten und gesicherten Erkenntnissen, die mir irgendwann einmal vielleicht, wenn alles gut ist, Entspannung und Wohlsein bringen werden.

Das alte Herz jedoch hat schon so vieles gespürt, erlebt und verstanden. Es weiß um die Lapidarität dieses Kleinklein, was diese Person, die mein verspanntes Ich ist, erkämpfen will. Es schaut tiefer, analysiert nachhaltiger und denkt langfristiger. Diese alte Dame erinnert, dass es Versprechen und Verpflichtungen gibt, die aus alten Zeiten stammen und mich noch viele Zeiten begleiten werden.

Manchmal, wenn ich ganz still bin, ist es, als fühlte ich das Blut dieser alten Dame durch meine Venen fließen. Und mit jedem roten Blutkörperchen atme ich Geschichte. Wovon anders könnte - im Falle dieser alten Dame - denn diese Geschichte handeln, wenn nicht von Täuschung, Verwirrung und Vergessen. Hartnäckig wucherndes Vergessen davon, was und wie wir alle im Herzen wirklich sind. Und zugleich die Verpflichtung, dieses Wissen weiter zu tragen, zu bewahren und immer neu bewusst zu machen. Bis zum Ende aller Zeiten. Bis alle leidvollen Welten leer sind.

Ich weiß, dass diese alte Dame weiß. Und manchmal bin ich eins mit mir. Wenn ich mich sanft zurück nehmend, rückwärts und ohne den Weg meiner Reise neugierigen Auges mitverfolgen zu wollen, quer durch das ganze Universum reise, um endlich wieder daheim zu sein. Ja. Die Heimat ist nicht hier. Ich bin nicht hier, um daheim zu sein. Ich bin hier, wegen des Vergessens. Der schlimmsten aller Krankheiten.

Mein Leben lang trage ich schon starke Erinnerungen in mir. Davon, wie mein Herz ist. Davon, wie das Wesen aller Herzen ist, wenn es frei ist. Und wie kostbar, unendlich schön und alle Mühe wert es ist, dieses auch in dieser Person, die einige Jahrzehnte Verirrung durchleben musste, wieder wach zu rufen. Diese Erinnerung ist mächtig. Mächtiger als alle Annahmen über diese Person. Und langsam erreicht die Hitze die Spitze, oder aber die Masse, den Punkt, ab dem sie gern die Kritische genannt wird.

Der Verstand kooperiert zum Glück von Tag zu Tag besser, mit dieser alten Dame. Der Verstand ereifert sich, mutmasst und stellt Prognosen an. Doch weiß er inzwischen, dass die alte Dame ihn nicht einmal sagen, sondern einfach zeigen wird, dass alles dies eben Eifer, doch nicht in Einklang mit Ursachen und Umständen ist. Er weiß, er muss sterben. Jeden Tag ein Stück. Er weiß, dass die Allmutter letztlich diejenige ist, die ihn zähmen wird, weil sie einfach schon immer da war. Ungesehen, ungehört, unbeobachtet, unparteiisch.

Lesen wir Geschichte, so wimmelt sie von Ereignissen. Sorgfältig in Chroniken notiert. Geschichte ist eine Ansammlung von Ereignissen, von markanten Daten und Fakten, vom Sichtbaren und Hörbaren, Messbaren. Doch die wahre Geschichte wird dort geschrieben, wo alles dies in seiner Essenz gefasst wird. Im eigenen Herzen, dass eins mit Dharmadhatu ist.

So muss die alte Dame keine tausenden Bücher wälzen, um zu verstehen. Es reicht, von etwas zu kosten, ein Bruchstück zu erfahren und die alte Dame weiß. Sie kennt die Gesetze, die Regeln, das Werden und Vergehen. Immer die gleichen Muster, die gleichen Strukturen, in Varianten kultureller Prägung verpackt. Dennoch das Gleiche. Sie muss nicht jedes Ereignis bis zur letzten Silbe aufsaugen, hören oder lesen. Nein. Sie weiß. Um alles. Insbesondere das Leid, was wir immer wieder erleben, weil wir vergessen haben, was das Herz schon war.

Mein Herz ist alt. Ich möchte auf es hören. Möchte nicht mehr nur nach dem Greifen, was dieses Konglomerat an Ursachen und Umständen, aus Materie und Benennungen in diesem Leben so schlaumeierisch für richtig hält. Es käme mir albern vor. Als versuchte ich dement zu werden. Mit Absicht.

Das kann ich einfach nicht.

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