Bittere Geduld

Wie groß ist die Gefahr, dass du hasst, dass du vehement ablehnst, was da aus dir und deinem Leben erwachsen ist?
Hasst du es?

Ja. Oft.

Und mit der Entscheidung, es abzulehnen, mündet mein Leben in ein einziges Entkommen. Erstens muss es irgendwo da draußen jemanden geben, der Schuld hat an dem, was mir widerfahren ist. Zweitens ist es nicht annehmbar, dadurch mühe ich mich, etwas zu ändern.

Indes, es ist nicht zu ändern.

Und im Zwiespalt dieser Gefühle und Gedanken auszuharren, erfordert Geduld. Geduld mit dem, was aus mir erwachsen, was abhängig entstanden und zu dem geworden ist, was sagt, "Ich bin..." Und was ich schon so lange weiß, dass es nicht mein Herz ist.

Diese Geduld schmeckt bitter. Sie erfordert, stillen Gemütes mit der Kraft des liebenden Herzens immer wieder den Blick zu wenden. Hin zu dem, was ich nicht mag. All die komischen Eigenarten und Verhaltensmuster, die mich so absonderliche Wege zwingen. Und von denen ich sehenden Auges oft genug weiß, dass sie hinderlich, umständlich sind und manchmal regelrecht magisch in die entgegen gesetzte als gewünschte Richtung ziehen.

Der Zwiespalt zwischen dem Gewordenen und der Sehnsucht nach dem eigenen Herzen kann nur vom Herzen selbst versöhnt werden. Denn die Gewohnheiten sind so, wie sie sind. Sie mussten entstehen, sie konnten gar nicht anders. Ich konnte nicht anders. Was will ich mich dafür strafen? Jenes unwissende Kind-Ich was nach dem Leben trachtend, einfach bemüht war, nach bestem Wissen und Gewissen eben zu leben?

In jedem Moment des Hasses, des Überdrusses, der Abneigung gegen dieses dumm erscheinende Ich lässt das Kind, das es wirklich war, erneut im Stich. Stattdessen die Arme der liebenden Herzensmutter um es zu breiten, es einfach zu halten und zu sagen: "Ich weiß...Alles wird gut!" und geduldig mit anzuschauen, wie es wieder und wieder altvertrauten Mustern folgend ins Verderben läuft, um es dann erneut in den Arm zu nehmen, das ist die einzig mögliche Antwort, einziger Ausweg aus dieser Situation.

Plötzlich schwindet die Bitternis und weicht sanfter, liebevoller, herzlicher Anteilnahme. In diesem Augenblick gibt es ihn nicht mehr, den Zwiespalt, zwischen dem "Ich bin..." diesen Lebens und dem, was ich doch im Herzen schon immer war.

Im abhängig Enstandenen, in dem, zu dem ich gewachsen bin, gibt es keine Schuld. Nur Ursachen, begleitende Umstände und Wirkungen. Insofern gibt es dieses "Ich bin..." dem ich zu entkommen suche, nicht wirklich. Nicht substantiell, sondern ist nicht mehr als eine Gesetzmäßigkeit, die sich immer wieder zeigt. Die ich selbst geneigt bin, mit diesem Label "Ich bin... Josephine" zu versehen. Je öfter ich Geduld übe, mit dem, was da erwachsen ist, desto mehr verstehe ich, dass es da nichts gibt, was mir schaden kann. Mit noch ein wenig mehr achtsamer Geduld und Verständnis für Ursache und Wirkung schwächt sich allmählich ab, was mich vorher noch monströs in ein Korsett merkwürdiger Verhaltensweisen gedrängt hat.

Mich allmählich dessen entsinnend, wie sich mein Herz ganz authentisch verhalten will und parallel dieses einübend, lege ich andere, neue, heilsamere Ursachen. Und irgendwann sind sie reif, ihre Wirkung zu zeigen.


Irgendwann trägt die anfangs so bitter schmeckende Geduld ganz sicher Früchte.

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