Meine Empfehlung

Die Bedeutung des Fühlens

Freitag, 17. März 2017

Die "reine Sicht" oder die Illusionen der Anderen

Durch den Buddhismus habe ich gelernt, mit meiner Wahrnehmung und den Projektionen, die daraus entstehen zu arbeiten. Der Fokus liegt dabei immer darauf, zu achten, wie meine Wahrnehmung Realität formt. Doch im wahren Leben interagiere ich täglich mit den Realitäten, die aus der Wahrnehmung der anderen entsteht. Genauso wie meine Realität den Umgang und die Zusammenarbeit mit anderen beeinflusst, bestimmt die Wirklichkeit der anderen auch mich.

Schon immer fehlte mir diese Dimension der Anderen in der Betrachtung des Lebens, wie sie der Buddhismus lehrt. Spätestens dann, wenn man schmerzhaft betroffen ist durch die Realitäten, die sich andere schaffen, gerät man an die Grenzen dieser Sichtweise der buddhistischen Lehre.

Neulich geschah etwas Unerwartetes in einem meiner Coachings. 

Meine Aufgabe als Coach besteht darin, die Mitarbeiter meines Unternehmens in fachlichen Fragen und beim Erreichen unserer Qualitätsstandards zu unterstützen. In der Regel geht es dabei nicht um Persönliches. Zu Beginn jedes Coachings erkundige ich mich jedoch stets danach, wie es dem Mitarbeiter geht. An diesem Tag und zu dieser Stunde saß ein junger Mann, der mein Sohn sein könnte, vor mir.

Wir hatten uns wenige Tage davor bereits in einem Coaching gegenüber gesessen. Und er hatte mir erzählt, dass andere Kollegen sich Sorgen um ihn machten. Doch er meinte damals, dass es ihm gut ginge und alles super sei. In diesem zweiten Termin wollten wir alles das zu Ende besprechen, wofür das vorherige Coaching nicht ausgereicht hatte. Und so setzte er genau da wieder an, wo er das letzte Mal noch verwundert reagiert hatte, als Kollegen sein Unwohlsein bemerkt hatten.

In der nächsten halben Stunde sprudelte aus ihm heraus, was ihm in den letzten Tagen auf einmal realisieren ließ, dass die Kollegen richtig lagen. Für mich fühlte es sich wie ein langer Moment des erleichterten Ausatmens an, nachdem er sich selbst zugestanden hatte, dass es ihm nicht gut ging.


Ich hörte zu, um herauszufinden, was ihm so stark auf der Seele lag, dass es sich quasi nicht mehr zurückhalten ließ. Und ich gab ihm dafür den Raum, den er sich selbst offenbar vor allem in unserer Zwiesprache zugestand. Ich erlaubte diesen Raum, für alles, was so geballt aus ihm hervorbrach. Und spätestens dann, als er auf seinen bei der Geburt verlorenen Zwillingsbruder zu sprechen kam, wusste ich, warum ich es war, gegenüber der er sich öffnete.


Auch ich habe bei meiner Geburt meine Zwillingsschwester verloren. Und dieser junge Mann hatte mir, kurz nach seiner Einstellung im Unternehmen, bereits davon erzählt. Damals sagte ich ihm spontan, dass auch ich ein allein gebliebener Zwilling bin.

Bekanntlich gibt es keine Zufälle. Aber Koinzidenz. 

Wenige Tage davor hatte ich begonnen, diesem unverarbeiteten Trauma in mir wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Lange Zeit hatte ich es komplett verdrängt, dass mein Start ins Leben nicht einfach gewesen war. Auf einmal dachte ich wieder an sie, diese unbekannte, und doch in neun Monaten mir sicher vertraut gewordene Schwester, die urplötzlich und unvorhergesehen aus meinem Leben verschwunden war.

In vielen Jahren der inneren Praxis habe ich gelernt, mit dem abrupten Auftauchen bestimmter Impulse und Ideen, Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen, zu arbeiten. Gerade wenn etwas Langvergessenes wieder erscheint und Aufmerksamkeit fordert, gehe ich mit dem inneren Geschehen mit. 

Und so hatte ich mir ein Buch gekauft, und gerade begonnen, zu lesen. Darin geht es um neue Forschungen zum Thema des verlorenen Zwillings und des Einflusses, dass dieses frühe Trauma auf Persönlichkeit und Psyche des Betroffenen nimmt. Die Lektüre kostet mich täglich Überwindung, denn mein gesamtes limbisches System geht sofort in Alarmbereitschaft über, wenn ich mich diesen Teil meiner persönlichen Geschichte versuche zu nähern.

Aus Liebe und Fürsorge für das Unbewältigte in meinem Leben habe ich mich jedoch fest entschieden, durch diese Aufarbeitung zu gehen. Und so hatte ich schon ca. 60 Seiten des Buches hinter mich gebracht, als nun dieser junge Mann, mir gegenüber sitzend, diesen dargebotenen Raum für Schmerz mit dem seinen füllte.

Es gab so viele Parallelen in seinem Erleben und meinem. Und weil ich mir selbst bereits Raum für diese Verarbeitung gegeben hatte, war ich bereit dazu, ihn in seiner Realität zu erreichen und zu bestätigen.

Ich kannte alles das so gut, von dem er da sprach: Die starken Gefühle, jemanden ständig zu vermissen und zu suchen, das Unverständnis seitens Familie und Verwandter, die das nicht nachfühlen können und einen zu emotional finden, die Ablehnung, wenn man selbst aus innerem Schmerz Erklärungen sucht und einfordert, der Gefragte sich jedoch nicht zurückerinnern will. Und es berührte mich sehr, als dieser junge Mann davon sprach, dass er denkt, er werde noch verrückt.

"Nein, du wirst nicht verrückt und bist nicht verrückt", sagte ich. "Es kann nur niemand nachvollziehen, was du durchmachst, der das nicht selbst erlebt hat. Du hast Schmerzen, nicht sie." Ja, ja, er habe diese Schmerzen. Dass er verrückt wird, sei seine größte Angst, weil er denkt, nur ihm allein geht das so, dass er solche Schmerzen hat. So antwortete er.
Wie oft hatte ich so von mir gedacht? Dass mit mir etwas grundlegend falsch sein muss, wenn das, was ich sage, für wahr halte und fühle, von niemandem nachvollzogen werden kann? Und in dem Moment, in dem dieser junge Mann alles dies aussprach und ich ihn sein Gutsein bestätigte, wussten wir beide um die Verlässlichkeit unserer Realität.

In gewisser Weise stellt meine Lebenserfahrung die buddhistische Lehre an diesem Punkt der illusorischen, eigenen Realität auf den Kopf. Was gelehrt wird, als Illusion zu betrachten, war von früh an die Wahrheit, während das, was als Wahrheit von anderen übernommen wurde, sich nun als Lüge erweist. Und dieser junge Mann sprach genau von diesen frühen Verlust der eigenen Wahrheit, die dadurch entstand, dass sein Umfeld die Realität des Schmerzes verleugnete, um ihre Illusion einer heilen Welt aufrecht erhalten zu können.

Ich verstehe genau, was er meint, wenn er sagt, er wusste bis vor kurzem nicht, was seine Lieblingsfarbe ist. Oder er erfüllte seiner Mutter jeden Wunsch nach Unterstützung, obwohl er dies nicht für richtig hielt. Und absurd empfand ich sogar die Übereinstimmung unserer beiden Geschichten darin, dass ausgerechnet wir, die wir unseren Zwilling verloren haben, so wenig für uns selbst und zu viel für andere da sind.


Im Buddhismus scheint das auch ein Ideal zu sein. Doch unter den für uns gegebenen Umständen kam es einer kompletten Selbstverleugnung gleich.

Ich erkannte seinen Hunger nach Selbstverwirklichung, als den meinen, das Getriebensein durch den Schmerz, als meine Unrast, das Bedürfnis nach Heilung, als mein Bedürfnis, und den Zorn, damit an der Realität anderer zu scheitern, als ebenso meinen. Und dieser Raum für Schmerz, der zwischen uns entstanden war, füllte sich eine halbe Stunde lang mit Wahrheit, die ebenso real ist, wie die Realität der anderen, Illusion.


"Du hast ein Recht auf Heilung“, sagte ich zu ihm, und meinte damit zugleich alles, was ich in den letzten Jahren für meine Wahrheit und ihr Überleben getan hatte. 


Weil ich weiß, wie wohltuend und stärkend dieser Weg war und immer noch ist, konnte ich diesen Satz mit Herzblut sprechen und ihm so hoffentlich Gewissheit geben. Unter den uns gegebenen Lebensumständen ist alles richtig und in Ordnung, was wir für uns tun müssen.

Er erzählte mir, wie wütend seine Mutter werden kann, wenn er ihr Informationen entlockt, die ihm helfen, sein Schicksal zu verarbeiten. Auch diese Reaktion der Mutter, das Gegenüber lieber zu bekämpfen, als sich Schmerzen zu stellen, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Deswegen geht für mich die im Buddhismus gelehrte Rechnung nicht auf, nur auf die eigene Wahrnehmung und die eigenen Projektionen zu schauen, wenn doch die Projektionen der anderen so viel mächtiger und schmerzvoller in das eigene Leben einbrechen können, als dass ich selbst anderen mit meinen Illusionen zu schaden imstande wäre.

Mein Leben war lange Zeit gekennzeichnet, durch diese, meine innere Wahrheit bekämpfende, verbale und psychische Gewalt. Und da saß er nun, der ebenso allein gebliebene Zwilling, und sprach genau davon.

Wie real ist Realität, wenn sie von mindestens zwei Menschen geteilt wird?

Wie gehe ich damit um, wenn die Illusionen der anderen mich so stark vereinnahmen und schädigen?

Wie kann ich mich selbst als wahr und wirksam erleben, wenn andere dies nicht zulassen?

In diesem Gespräch mit diesem jungen Mann hatte ich das Glück, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun. Wenn ich meiner inneren Wahrnehmung nicht vertraut, auf die auftauchenden Signale nicht geachtet und mir selbst keinen Raum für einen noch nicht überwundenen Schmerz gegeben hätte, wäre dieser Moment nie Realität geworden. Ich wäre nicht vorbereitet oder offen, nicht mitfühlend oder präsent gewesen. Und die wenigen Seiten, die ich im Buch gelesen hatte, haben mir ermöglicht, ihm zu berichten, wie weit die heutigen Forschungen sind, und dass es sich lohnt, für den eigenen Wunsch nach Heilung, diese Bücher heranzuziehen.


Zu jenen Zeiten, als ich noch in dieser falschen, fremden, mir durch andere aufgezwungenen Realität gelebt habe, wäre ich früher oder später am unverarbeiteten Schmerz erstickt. Deshalb gibt es für mich nichts Wichtigeres, als sich sein eigenes, gebrochenes Herz einzugestehen.

Und dieses Herz wird auf dem Weg seiner Heilung immer andere einbeziehen, denn nichts kennt und versteht den Schmerz so genau, wie ein gebrochenes Herz. Daran ist nichts Egoistisches und der Schmerz keine Illusion. Indem ich den Spuren meiner Schmerzen folge, erweitere ich den Raum für Schmerz nicht nur für mich, sondern auch für andere. Und bevor dieser Raum nicht gewährt wurde, gibt es keine Linderung.

Es könnte nichts Buddhistischeres geben, als sich mit Leiden zu beschäftigen. Und woran es im heute gelehrten Buddhismus noch fehlt, ist genau dies: Nicht nur nicht von sich auf andere zu schließen, sondern auch die Schlüsse der anderen auf mich zu betrachten. Sie sind ebenso Teil meines Lebens und erzeugen ebenso eine Form von Realität, die durch Schmerzen Fakten schafft.

Der Weg der Heilung ist ohne das Einbeziehen anderer nicht möglich. Er lässt sich nicht in ständiger Abgeschiedenheit gehen. Inzwischen finde ich es sogar vollkommen legitim, denjenigen, der mir Schmerzen schuf, notfalls auch schmerzhaft aus seiner Illusion zu wecken. Ich finde es gesund, dass dieser junge Mann sich, wenn es sein muss, gegen den Willen seiner Mutter holt, was er braucht. Doch die meisten Alltagsbuddhisten scheuen davor zurück, diesen Weg des Konflikts zu gehen. Viel lieber greifen sie auf diesen ominösen Rat zurück, das bei anderen Wahrgenommene als Illusion oder Projektion des eigenen Geistes zu betrachten.

Mit anderen Worten: Vom Buddhismus konnte ich mir für meine Heilung dieser Fremdbestimmung keinen Rat holen. Ich konnte mich nur auf mein eigenes gebrochenes Herz, und sein gesundes Bedürfnis nach Heilung verlassen.

Und gerade diese halbe Stunde mit diesem jungen Mann bestätigt mich darin, dass dies der Weg der Wahrheit ist. Meiner Wahrheit, die endlich leben und atmen darf. Und in diesem Jetzt, in diesem kleinen Zimmer in meiner Firma, nachmittags um 16 Uhr, auch der Weg seiner Wahrheit. Ich weiß zu 100%, dass ich in diesem Moment, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, das Richtige getan habe, indem ich dieses Gespräch zugelassen habe. In diesem Augenblick haben sich zwei Realitäten getroffen und in der Deckungsgleichheit als eins, real und wahr erwiesen. Dieser Moment hat Erleichterung und Hoffnung gespendet - und auch mir Bestätigung gegeben.


So erlebe ich die Auslegung des Buddhismus in vielen Aspekten als Illusion, die von nicht lebenserfahrenen Lehrenden erzeugt wird. Die Dimension des Du und der Interaktion mit außen scheint in dieser Illusion nicht zu existieren. Diese buddhistische Sicht geht davon aus, dass allein das Verändern der eigenen Wahrnehmung ausreichend wäre, um ein sinnvolles Leben zu führen. Unterschätzt wird dabei die Macht, die andere über uns haben, indem sie sich weigern, um der Fürsorge für den anderen Willen, die eigenen Illusionen aufzugeben.

Wer immer sich vor Schmerzen verschließt, sei es bei sich selbst oder bei anderen, um seine heile Welt zu haben, wird andere verletzen. Und wenn ich dieses schadenbringende Verhalten der anderen beobachte, erachte ich es als meine Pflicht, zu handeln und nicht tatenlos zuzusehen.


Eine Illusion, die durch buddhistische Lehrer erzeugt wird, ist daher auch die Auffassung, dass ein Lehrer immer als rein betrachtet werden sollte. Nicht selten begegnete mir die Ansicht, dass es des Schülers Aufgabe sei, die Aussagen des Lehrers als wahre, reine Lehre des Buddhas zu betrachten, um auch den reinen Segen des Buddhas aus seinen Unterweisungen zu empfangen. In diesem Zusammenhang spricht man gerne von der "Reinen Sicht". Der Schüler sei selbst schuld, wenn er zu dieser nicht fähig sei. Und er hätte die Pflicht dazu, um das Verhältnis zu seinem Lehrer gesund zu halten. Wenn der Schüler in seinem Lehrer und der Art zu lehren etwas Unrechtes und Unreines sehe, sei das letztlich nur des Schülers Projektion. Der Schüler hätte nur Schaden davon, aber keinen Nutzen. Wir, als Unwissende, vielleicht mit wenig Verdienst Versehene, sollten lieber davon ausgehen, dass wir den Lehrer sowieso missverstehen. Denn eine reine Sicht zu haben, erfordere schon einiges an Verdiensten. Also ist es wohl besser, trotz innerer Zweifel davon auszugehen, dass ich mich täusche, der Lehrer aber Recht hat.

So bestechend logisch diese Argumentationskette zu sein scheint, so zweckmäßig für den Lehrer ist sie auch. Sie spiegelt allein die einseitige Sicht und Bedürfnisse des Lehrers wider und dient diesen, während sie aber, nach Worten betrachtet, das Gegenteil zu propagieren scheint. Sie ist ebenso eine Einbahnstraße, wie die Anweisung „alles als Illusion und Projektion zu betrachten“.

Dies als Übungsanweisung zu nutzen, solange man auf dem Meditationskissen sitzt, kann durchaus nützlich sein. Aber für das wahre, interaktive tägliche Zusammenleben mit anderen, ist sie meines Erachtens sogar schädlich. Da brauche ich alle meine Sinne beisammen und die Signale, die sie und mein Herz mir senden, um nicht meine ungesunden Überlebensstrategien einfach nur schön zu reden und zu rechtfertigen, als sie ehrlichen Herzens auf Fairness, Rücksichtnahme und die gesunde Mitte zu prüfen.

Der tibetische Buddhismus scheint mir übertrieben voll, von allen diesen kulturellen Vereinbarungen, die nichts, gar nichts mehr mit Buddhas Weg zu tun haben. Sie dienen der Aufrechterhaltung des monastischen Systems, sind auf ein solches zugeschnitten, navigieren aber zielstrebig am „wahren Leben“ vorbei. Ich vermisse diese natürliche Bodenständigkeit, die nicht auf den eigenen Vorteil, Verehrung und die Schaffung von Verdiensten für arme Laien durch Annahme von Spenden aus ist. So oft muten Belehrungen plötzlich als Rechtfertigung eines Ablasshandels an, der bei uns, in Europa, archaisch und dem Mittelalter entsprungen scheint. 

Geht es nicht einfach darum, auf den Buddha im eigenen Herzen zu vertrauen, der selbst den Weg qualvoller Schmerzen zu nutzen versteht, um sich und anderen Erleichterung und Mut zu spenden? Für mich besteht der Segen der Buddhas genau darin, mich zu lehren, solchen Impulsen, wie dem oben beschriebenen, zu folgen, damit heilsame Koinzidenzen entstehen und ich zur richtigen Zeit, am richtigen Ort bin und das mir mögliche Richtige tue.

Und das immer wieder mir Ehrfurcht einflössende daran ist die Tatsache, dass das Heilsame in dieser Zwiesprache nicht einseitig ist: Ja, ich investierte die Bereitschaft, diesen Raum für Schmerz zuzulassen. Doch ich war nicht diejenige, die heroisch etwas Heilsames für den anderen tat. Er tat für mich ebenso etwas Heilsames, indem er auch meinem Herzen die Ruhe brachte, dass nicht nur mir es so erging.

Ja, vor dieser wechselseitig wohltuenden Koinzidenz habe ich Respekt. Sie zeugt für mich von der Existenz der Buddhas, die nichts anderes im Sinn haben, als einen jeden von uns seinen spezifischen Herzensweg zu eröffnen. Und dieser ist per se, sowohl das eigene Wohl als auch das Wohl der anderen zu verwirklichen. Dieses geschieht zeitgleich, nicht zeitversetzt. Und es geschieht nicht durch einen großen Knall, mit Pomp und Brimborium, sondern zum Beispiel durch ein kleines, halbstündiges Zusammentreffen zweier geöffneter Herzen.

Von Außen betrachtet sicher keine große Sache. Von innen betrachtet kann es lebensrettende Relevanz haben.

Das ist die Echtheit, Bescheidenheit und Wirksamkeit, die ich in Buddhas Denken, Sprechen und Handeln zu seiner Zeit ahne und vermute. Und was davon im tibetischen Buddhismus Gelehrte transportiert nun noch wenigstens einen Hauch dieser Echtheit, nicht kompromittiert durch Geschäftstüchtigkeit und Größenwahn? Wo ist die aktiv tätige Hinwendung zum Du, die andere wirklich so hoch schätzt, dass sie bereit ist, durchs innere Feuer zu gehen? Wo ist die Einsicht, dass genau darin, dem Ruf des eigenen, unbewältigten Schmerzes zu folgen, vielleicht die authentischste und höchste Praxis liegt?

Ich weiß nicht, woher ich sonst die Gewissheit nehme, dass dies kein egoistischer Weg ist, wenn nicht aus dem Herzen, das in sich die Buddha-Natur trägt. Und in genau diesem, manchmal blutenden Herzen, bin ich mir sicher, dass ich diese reine Herzenssicht auch dann noch habe, wenn ich einen Lehrer nicht als rein sehen kann. Dieses Faseln von einer reinen Sicht, die einseitig vom Schüler gefordert wird, während die Eigenverantwortung des Lehrers gegenüber dem unwissenden Schüler im Zusammenhang keine Erwähnung findet, ist nur argumentatorische Haarspalterei, um der eigenen Beweihräucherung und selbsterhaltenden Interessen willen. Das reale Leben ist jedoch keine solche Einbahnstraße.

Was jenen jungen Mann betrifft
, der sich nach dem halbstündigen Redeschwall wieder mit mir gemeinsam der eigentlichen Coachingarbeit zuwendete: Ich bin mir sicher, dass er alle guten Chancen der Welt hat, aus seinem großartigen, wenn auch gebrochenen Herzen, das Beste zu machen, indem er seinen Schmerz verarbeitet. Er ist mutig genug dazu, wild entschlossen und stark. Er hat sehr gute Chancen, diese Heilung viel früher zu schaffen, als ich. Und genau das hat er auch verdient.



Sonntag, 19. Februar 2017

Ein zu deklarierendes Ende, um des neuen Anfangs willen

Gestatte mir, noch einmal zurückzukehren, mein lieber Freund. Zu jener Zeit, als ich dich zum Reiten über die Steppe einlud. Als du mein bangendes Herz erfreutest, indem du schweigend mit mir gingst. Ins Ungewisse, dennoch seltsam Vertraute, jenem Horizont entgegen, der dich in die Heimat gleichermaßen wie in die Fremde zog.

Oder ging es nur mir so? Dieser ständige Zwiespalt, zwischen Heimat und Fremde? Zwischen alt und neu?

Oh nein, uns geht es immer noch beiden so, nicht wahr? Keine Zeit zuvor hat diesen Widerspruch, den fortwährenden Konflikt, je so deutlich gezeigt, wie diese. Eine breite Lücke, einem tiefen Graben gleich, zwischen traditionell Vertrautem und dessen Fremdheit in dieser neuen Welt.

Wir ritten gemeinsam auf dieses Gebirge zu, wir wagten den Aufstieg. Und dann kam jener Moment, wo ich, allen vorangehend, jenes Land betrat, in dem wir unser neues Zuhause fanden.
 
Drei Jahre vergingen. Konstruktive, kreative, unsere Bedürfnisse sichtende und sichernde Jahre. Die Gemeinschaft wuchs, Infrastruktur und Schulen entstanden, Aufgaben und Ämter wurden verteilt und wahrgenommen. Werte wurden gesichert und gestärkt.

Doch ganz angekommen fühlte ich mich nicht. In mir schmerzte und blutete weiter mein Herz und fand keine Ruhe. Ich fand keine Ruhe, nicht wissend, wieso. Also zog ich mich langsam aus der Mitte an den Rand des Geschehens zurück, um mein Herz zu erforschen. Täglich kostete es mich Überwindung, mich dem andauernden Schmerz zu stellen. Ein Schmerz, der mir manchmal älter als die Menschheit schien, so schwer war er einzuordnen und zu verstehen.

Es gab in diesem Land nirgendwo eine Leinwand, die dieses auf besondere, sich Leben für Leben wiederholende, gebrochene Herz hätte abbilden können. Doch die Bilder zu betrachten und die dadurch sich manifestierenden Gefühle und den Schmerz zu verstehen, ist notwendig für jeden liebevollen Wunsch nach Heilung. Lange Zeit kam ich nicht weiter, bis ich aus der Ferne Unterstützung und Hilfe fand. Und dafür bin ich heute sehr dankbar und entschloss mich, dieser Hilfe Rechnung zu tragen.

Doch bis zu dieser Entscheidung vergingen Monate, genau bis heute. Monate, um das volle Ausmaß des Schadens zu ermessen und die Wichtigkeit der jetzt einzuleitenden Heilung in Gänze zu akzeptieren. Oft wollte ich mich vor ihm davonstehlen oder neigte dazu, ihn zu verharmlosen. Irgendwann konnte mein tägliches Scheitern am Fortschritt mich nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass hier und heute die unschätzbare Chance auf Heilung ihr Recht fordert.

Ich muss nun den vehementen Ruf meines gebrochenen Herzens erneut folgen. Und dazu erneut auf den Rücken jenes Pferdes steigen, das am Fuße unseres Gebirges friedlich grast, und auf Reisen gehen.

In den letzten Tagen ging ich in die Mitte meiner Stadt, noch einmal auf den Thron steigend, der als rechtmäßiger Platz mir damals zuerkannt wurde, und habe die Niederlegung aller meiner Ämter verkündet. Ich lasse alles erneut hinter mir und lege alle übernommenen Verpflichtungen in die Hände meiner Liebsten und Nächsten, die ich heute reif dafür weiß.

„Ich bin schon lange überflüssig, inmitten unter euch.“, sagte ich in die versammelte Menge.“Nur habt ihr nicht bemerkt, dass ich als stille Platzhalterin für einen anderen, besseren Anführer diente. Ich bereitete seinem Kommen den Weg. Nicht mehr und nicht weniger. Und wer ist er? Wem mögt ihr nun die Ehre eurer Gefolgschaft erweisen?“

Und ihr, mein Volk, erkanntet sofort Jenen an, den ihr in der Mehrheit für viel geeigneter für diesen Thron erwählt habt, als ich es jemals hätte sein können. Denn sein Herz ist ungebrochen. Ehre, wem Ehre gebührt!

Ich erklärte mich zum erneuten Reisen bereit, ohne jemanden mitzunehmen. Es sei denn, es schlössen sich Freiwillige meinem Weg an.

Und ich bin sicher, dass viele mit mir gehen werden, die für Haus und Hof nicht zu begeistern sind.

So will ich nun auch dir den Stand der Dinge anvertrauen, denn vielleicht erreichte die Verlautbarung meines Aufbruchs dich noch nicht. Und jeder soll, wie immer im Imperium der Herzen, Gelegenheit und Zeit haben, eine bewusste Entscheidung zu fällen.

Und zugleich dient dieser Brief als offiziell deklarierter Endpunkt einer Entwicklung. Ich schließe diese notwendige Phase ab, um erneut über alle Grenzen zu gehen. Jene Grenzen, hinter denen ich dennoch alle Schutzbefohlenen sicher weiß.

Sobald der letzte, gesetzte Punkt auf diesem Brief getrocknet ist, breche ich auf, hinunter, zum Fuß des Gebirges. Wo unsere Pferde sich schon vermehrt haben und zu einer großen Herde angewachsen sind. Ich bin gespannt, wie viele Rücken sich dieses Mal mit abenteuerlustigen Vertrauten füllen werden.

Und dies wird infolgedessen geschehen: Die Welten werden sich verschieben. Ich erinnere den Abend genau, vor einer Woche, als ich den leisen Wind zum ersten Mal über mein Gesicht streichen fühlte, der anlässlich meiner Entscheidung aufkam. Ein Zeichen dafür, dass sich die Sphären leise gegeneinander zu drehen begannen.

Die einen Welten-Sphären rücken näher zueinander, die anderen entfernen sich. So sei es. 
Sie werden sich, in neuen Konstellationen zueinander, irgendwann zur Ruhe begeben. Doch bis es soweit ist, werden noch ein paar Tage vergehen. Sie halten still, wenn sich alle Reisenden zusammengefunden haben werden. Und dann werde ich im Herzen wissen, dass das Ende des Sammelns gekommen ist und wir losreiten werden.
Genauso sei es.

Möge es dem Nutzen und Fortschritt aller dienen, dass ich mich meinen eigenen Wunden stelle und alles tue, was für deren Heilung zu tun ist. Mögen aufgrund dieses Schrittes und durch diesen Schritt alle anderen, die ähnliche Schmerzen leiden, gleichzeitig mit mir davon erlöst werden. So sei es.
Mögen alle hilfreichen Kräfte, Schutz, Nahrung und Geleit, jederzeit für diese Reise zur Verfügung stehen. Genau so wird es sein.

Dies ist das letzte Mal, dass ich mich von dieser Ebene, in diesem Medium, auf diese Art und Weise, bei dir zu Wort melden werde.
  
Andere Länder und Gegenden brauchen andere Worte und Medien. Um der Herzen ihrer Bewohner Willen, passe ich mich an.
 
Und nun, bist du bereit? Reitest du mit mir?


_______________________________

Für jene, die, gleichgültig und kalt, lieben und teilen wollende Herzen zu brechen und für ihre Zwecke zu missbrauchen, zur obersten Strategie ihres Überlebens gemacht haben, sei jenes angekündigt:

Dies ist der Weg der über Jahrhunderte hinweg gebrochenen Herzen, den ich im Sturmwind zu nehmen bereit bin:

Ich werde deine Erwartungen nicht erfüllen.
Ich werde nicht tun, was du mir sagst.
Ich werde nicht dorthin gehen, wohin du mich sendest.
Ich werde nicht freundlich sein, sondern streiten.
Ich werde das Territorium nicht räumen, sondern für mich beanspruchen.
Ich werde nicht tatenlos zusehen, sondern dich mit deinen eigenen Mitteln schlagen.
Und mir wird dabei vollkommen gleichgültig sein, ob du mich dann noch für eine „echte und gute Frau“ hältst.

Ich werde nur eins immerfort verlässlich tun: Lichterloh brennen.

Letztendlich werde ich genau das für dich sein, was du aus mir gemacht hast, in den vergangenen Jahrhunderten schmerzvoller Ignoranz.

Und doch so Vieles mehr. Doch das Viele, was ich stets geduldig für dich und alle anderen war und immer sein werde, das nimmst du nicht einmal mehr wahr. Wie alles, was leise, unaufdringlich und unscheinbar ist. Dem sei nun ein Ende bereitet.

Ich werde dich zwingen müssen, endlich zu sehen, zu hören und zu fühlen, was dir so lange selbstverständlich zu gehören schien und gefällig war. Jetzt rückt an den richtigen Platz, den lange Zeit die Falschen sich zuschrieben: 


Die Wirtin kündigt denen das Gasthaus, die meinten, es zu besitzen. Und mit kraftvollen, knappen, zielgenauen Schlägen schmiedet sie einen jeden Heuchler an die Felsen, vor dem das Monster, genüsslich seine Lefzen leckend, auf seine nächste Mahlzeit wartet...

Dies ist mein Schwur, den ich leiste, für eine neue Ewigkeit. Und wer immer diesen Schwur mit mir gemeinsam bekräftigen möchte, der tue es genau jetzt: So sei es!

Samstag, 28. Januar 2017

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Wenn es ums Lernen und Weiterentwicklung geht, bin ich gerne dabei. Als Mensch, der innerlich dunkle Zeiten erlebt hat, strebe ich hartnäckig danach, die geistigen und psychischen Mechanismen dahinter zu verstehen und zum Positiven zu verändern.

Jeder von uns hat meiner Ansicht nach die Erinnerung an das „Paradies“ in sich - ein untrügliches, gefühltes Bild davon, was gut und richtig ist.  Ich nenne es „Erinnerung“, andere unser Wesen, unsere Natur. Wir streben auf ganz natürliche Weise danach, dieses Wesen zu entfalten und zu verwirklichen. Umso intensiver, je mehr wir mit Wesen und Menschen in unserer Umgebung gesegnet sind, die das gute, gerechte, freudvolle Wesen in uns inspirieren und fördern. 

Unser innerer Sinn für Gerechtigkeit, Echtheit und Wahrheit drängt in diese Richtung - das ist nichts, was uns durch Erziehung beigebracht wird. Unsere ursprünglich vorhandene Ethik und unser Willen, das Beste aus uns für uns und andere herauszuholen, muss unterstützt und gefördert werden.


Lerntraditionen versus persönliche Erfahrung


Die Erziehungswissenschaft in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten hat das anders gesehen. Da war man der Meinung, dass das Schlechte aus uns herausgeprügelt, das Gute in uns eingepaukt werden müsse. Mühsam war es in der Schule: Fürs erfolgreiche Lernen gab es Belohnungen, fürs Versagen harte Strafen.

Obwohl mir persönlich das Lernen in Fachgebieten, die ich mochte, leicht fiel - ich habe im Sinne des Paukens nie wirklich gelernt, versagte ich in Fächern, die mich nicht begeisterten und mir nichts bedeuteten. Das sieht man deutlich an meinem Abiturzeugnis: Von sehr guten bis sehr schlechten Noten war alles dabei. Und ich habe mich wie wahnsinnig bemüht, diesen Trick herauszufinden, wie man komplizierte mathematische Formeln, die Elemente in Chemie oder physikalische Gesetze auswendig lernt. Ich habe mir schwere Vorwürfe gemacht, das nicht geschafft zu haben - und mich für ziemlich blöd gehalten.

Wie immer sah ich das pragmatisch: Weil ich genau wusste, dass ich den komplizierten Formel-Kram für den Rest des Lebens nicht brauchen würde. Ich hatte eine starke, emotionale Sperre und konnte diesen Stoff in mein Gehirn nicht hinein zu bekommen.

Und leider konnte ich diese Fächer, so wenige Jahre nach dem Mauerfall, auch nicht abwählen, wie es heute normal ist. Ich musste uneingeschränkt in allen Bereichen in zwei Jahren das Abitur schaffen. Und ich war froh, nach meinem gnadenlosen Scheitern in den oben erwähnten Fächern, diese sinnlose Beschäftigung hinter mich gebracht zu haben. Ich spürte eine unfassbare Erleichterung. Geschämt habe ich mich trotzdem, für die schlechten Noten. Ich hatte mehr von mir erwartet.

Seit damals bin ich, was Lernen betrifft, ein gebranntes Kind. Ich fragte mich jahrelang, was da mit mir los ist, bewunderte während des Studiums Medizinstudenten, wie sie wahnwitzig dicke Bücher auswendig lernten, und fühlte mich klein und dumm.

Im Laufe der Jahre danach, fand ich jede Menge Neuigkeiten über mich und das Lernen heraus. Ich kannte schon aus dem Studium Phasen, wo mich etwas so gepackt hat, dass ich die Zeit vergaß. Ich saß stundenlang über Büchern. Oft merkte ich erst nach fünf, sechs oder sieben Stunden, dass ich vergessen hatte, zu essen und zu trinken. Und in meiner Meditationspraxis hatte ich erstaunliches Sitzfleisch, wenn es darum ging, etwas über meine inneren Mechanismen, Denk- und Verhaltensmuster zu erfahren.

In meiner Freizeit habe ich, aufgrund dieser Tendenz, mich hartnäckig in etwas verbeißen zu können, immer schon Zeitprobleme. Ich muss aufpassen, womit ich an freien Tagen meine Zeit verbringen möchte. Das könnte in einen derartigen Marathon ausarten, an dem nur der Energiemangel und unabwendbar spürbare Durst mich stoppen kann. Ich denke kurz: „Mach mal Pause!“. Doch sogleich höre ich die Gegenargumentation: „Nein, ich muss erst das noch machen, das noch lesen, das noch nachschlagen, das noch schnell notieren, sonst vergesse ich das ...“ Und dann zögere ich Pausen hinaus, bis der Körper nicht mehr ignorierbar signalisiert, dass gleich nichts mehr geht.

Wie jetzt gerade: Eigentlich habe ich Hunger, aber ... Das Essen steht vorbereitet rechts neben mir auf dem Schreibtisch, aber ... ich will das hier erst zu Ende schreiben. Kennt ihr das?

Das ist in gewisser Weise ziemlich unvernünftig von mir, ich weiß. Ich arbeite dran, mich hier zu disziplinieren und den guten Effekt regelmäßiger Pausen als positiven Erfahrungswert in meinem Gehirn zu etablieren. Da geht noch mehr, gebe ich zu.

Aus dieser Erfahrung heraus ziehe ich den Schluss, dass mein Versagen beim Lernen und Auseinandersetzen mit manchen Themen eben nicht bedeutete, dass ich faul bin. Wieso kann ich bei manchen Dingen hartnäckig und beständig sein? Und bei anderen Sachen, die ich lernen muss, vor Übelkeit und Widerwillen nicht das dazugehörige Buch in die Hand nehmen?


Diese Fragen wurden vor kurzem akut, weil ich, bis Ende Juni, eine nebenberufliche Ausbildung abschließen muss. Und so setzte ich mich vor ein paar Wochen hin, um mir einen Lernplan zu erstellen, um meine spärliche Freizeit damit zu verplanen. Und sofort stellt sich das negative Gefühl in Bezug aufs Lernen ein und stellte mich vor dieses Rätsel. Also dachte ich: „Josephine, sei schlau - informiere dich, was die Lernforscher dazu sagen."



Ein Trick für erfolgreiches Lernen?


Ich kramte alte Notizen und neue Inspirationen heraus, schrieb mir wichtige Eckpunkte zusammen und meinte, den Trick, der mir bisher fehlte, gefunden zu haben: Die Belohnung! Ich habe mich nie, nie, nie für mein tapferes Lernen belohnt. Genau das soll unser Gehirn so dringend brauchen, um freudig zu lernen. Ich nahm mir vor, mir für mein Vorhaben Teilziele zu setzen - und mir passende Belohnungen zu überlegen.

Einen Tag dachte ich darüber nach, nichts. Den zweiten Tag dachte ich darüber nach, nichts. Sollte ich mich mit einem Kinobesuch belohnen? Mit einem guten Essen? Mir irgendwas kaufen? Nichts davon löste innerlich Resonanz aus, weil ich sowieso alles habe, was ich brauche.

Am dritten Tag, da regte sich endlich ein leises Gefühl, als ich wieder einmal den Blick über mein Bücherregal schweifen ließ. Ich blieb an einem vor Monaten mit Begeisterung gekauften, topaktuellen, philosophischen Buch zum Thema „Resonanz“ hängen, das ich unbedingt, unbedingt, unbedingt schon lange lesen will, aber keine Zeit habe. Und das ist nicht das einzige, ungelesene Buch in meinem Regal ...

Gut, dachte ich, du bist wie du bist. Was für den einen Menschen Belohnung ist, erscheint dir keine zu sein - und was für den nächsten Menschen Arbeit ist, das ist für dich Belohnung. Also setzte ich das Lesen solcher Bücher, die jedes mal freudige Neugier in mir auslösen, auf die Belohnungs-Liste.

Trotzdem konnte ich mit diesem „Belohnungs“-Ding keine Freundschaft schließen. Ich dachte darüber nach, was ich in all den Jahren intensivster Arbeit mit mir selbst alles versäumt haben muss, weil ich mich fast nie belohnt habe. Hat „Belohnung“ für mich Relevanz? Oder was ist es, was sich positiv anfühlt? Was empfinde ich als das Gute, was einen positiven Effekt in meinem Gehirn hinterlässt, sodass ich bereit bin, mich auf Meditation und innere Arbeit einzulassen? Ist der positive Effekt, den die Selbstwirksamkeit in mir hinterlässt, nicht eigentlich der Lohn für die Mühe?

Und wenn das stimmt, wird Belohnung dann nicht überbewertet oder falsch verstanden? Oder ist das "Belohnungs"-Ding ein Nebeneffekt unserer Ablenkungs- und Konsumgesellschaft?



Fortschritt ist die beste Belohnung!


Und nach langem Prüfen kam ich zum Ergebnis: Nichts ist für mich wertvoller, als das bewusste Wahrnehmen inneren Fortschritts. Insbesondere, wenn ich diese positive Entwicklung persönlich bewirkt habe. Wenn ich spüre, meinem wahren Herzen damit näher zu sein und dem Guten in mir. Wenn ich von Mal zu Mal spüre, dass der freigelegte Zustand meinem innigsten Wesenskern entspricht, freue ich mich, am Leben zu sein. Ich brauche mir zur Belohnung von außen kein Ereignis, kein Objekt oder anderes zuführen. Im Gegenteil: Ich fühle unendliche innere Fülle und Bedürfnislosigkeit.


Wenn ich ganz im Einklang mit dem innigsten Herzen und seinem ungezwungenen Sinn für Ethik und sozialem Miteinander bin, fühle ich Begeisterung und Freude. Ich fühle die Echtheit des Geschehens. Ich fühle mich zutiefst an meinem Leben beteiligt und mit den Leben anderer verbunden. Das ist der Lohn.

Weiter gedacht, ist es Freude und Begeisterung, die mich wie ein Workaholic ohne Pause genau darauf hinarbeiten lässt. Sie hält mich bei der Stange und nährt mich zutiefst. Der Moment des selbstwirksamen Handelns belohnt mich.

Warum nun schon beispielsweise das Lesen eines Buches über „Resonanz“ für mich Begeisterung und Freude verheißt? Ganz klar: Alle Bücher, die mich zu lesen reizen, haben mit mir und meinem Erleben zu tun. Um beim Beispiel zu bleiben: Das Thema Resonanz ist in meinem Leben allgegenwärtig. Ich schwinge stark mit anderen mit, gehe mit ihnen in Resonanz. Das war häufig ein Fluch. Je mehr ich selbstwirksam mit mir arbeitete, erkannte ich in meiner Resonanzfähigkeit den Segen. Mich interessiert brennend, wie bedeutsam andere Resonanz für ihr tägliches Leben erachten. Oder der positive Nutzen, den bewusst initiierte Arten der Resonanz für das soziale Zusammenleben haben.

Der persönliches Bezug und persönliche Erfahrungen sind es, die Resonanz für mich bedeutsam machen. Und damit die Neugier am Buch wecken. Mich weiterzubilden, bietet Chancen, meine Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit zu erhöhen, beziehungsweise daraus Neues über positive Resonanz zu lernen. Da lauert die offene Frage im Hintergrund: Liefert mir das Buch vielleicht Bestätigung für das, was ich bisher für meine rein persönliche Beobachtung gehalten habe?




Blödsinn also, diese Lernforschung!


Ja, was meine Erfahrungen betrifft, schon. Hierfür fand ich zeitnahe Bestätigung, als ich vor ein, zwei Wochen einen Vortrag vom Neurobiologen Gerald Hüther über das Thema „Potentialentfaltung“ auf DVD sah.

Er fasste in leicht verständlichen Worten zusammen, was ich an mir selbst bereits beobachtet habe: Nach den aktuellen Erkenntnissen der Neurobiologie, lernen wir in den Bereichen und bis ins hohe Alter leicht, für die wir uns begeistern können. Und  eigene Erfahrungen mit der Wirksamkeit des Erlernten machen. Das führt zu Fortschritt oder Potentialentfaltung. Lernbereitschaft und Entwicklungsfähigkeit sind per se in uns angelegt. Dieses Potential zu nutzen, macht uns glücklich, selbstbewusst und selbstbestimmt.

In vielen Lebensbereichen fehlt uns die Ermutigung, uns zu begeistern. Und damit fehlt uns die Erfahrung selbstwirksamen Fortschritts, wie wir sie - so Hüther - bei Kleinkindern gut beobachten können. Unser Bildungssystem und Erziehung ist nicht darauf ausgerichtet. Wir täuschen uns darin, was uns guttut, obwohl wir im Selbstversuch jederzeit die Chance haben, das für uns Wirksame herauszufinden.



Von Meditation über Kontemplation zum selbstwirksamen Handeln: Ein Trial and Error-Workshop 


Das Kalama-Sutra wird häufig zitiert, um uns vor falschen Lehrern und Lehren zu warnen. Ich werfe darauf hier bewusst einmal ein anderes Licht: Der Nutzen des Dharma wird sich in Tiefe und Schnelligkeit dann vollständig auswirken, wenn wir neugierig, voller Begeisterung und prüfend bei der Sache sind. Das Gehirn wird umlernen und wir werden falsche Wahrnehmungs- und Beurteilungsweisen aufgeben, wenn wir vollumfänglich, mit unserem persönlichen Vermögen, an der Dharmapraxis beteiligt sind.

Ich ermuntere gerne zum Prinzip des „Trial and Error“, wie es uns Buddha Shakyamuni in diesem Sutra nahelegte. Nichts wird uns einer raschen Entfaltung unseres wahren Herzenspotentials näher bringen, als auszuprobieren, kritisch zu hinterfragen und das, was das Beste in uns hervorbringt, zu stabilisieren.

Für die Zukunft stelle ich mir vor, dass wir Raum schaffen, in dem wir nicht mehr nur auswendig lernen und stur nachahmen, was andere herausgefunden haben.  Ich stelle mir Räume vor, in denen ich mich mit Dharma wie in einem Workshop auseinandersetze. Ein „Workshop“ mit mir. Das ist es, was den Kern meiner Meditationspraxis faktisch ausmacht.

Weg also, vom Frontalunterricht, hin zum Raum, in dem spielerisch und neugierig ausprobiert werden kann, was Sinn ergibt. Und Sinn ergibt, was sich für mich persönlich als wirksam erweist. Hilfreich dafür, das Beste aus mir zu machen, und andere darin zu ermuntern, das Beste auch aus sich zu machen.


In diesem Raum darf ich unterschiedlich Position beziehen, um herauszufinden, was das in mir bewirkt. Ich darf Infragestellen, auf den Kopf stellen, auseinandernehmen, neu zusammensetzen, zulassen, fallenlassen, vergehen und entstehen lassen.

Und in dieser Beschäftigung sachte die Tendenz dahin erspüren, was sich für mich richtig anfühlt. Und dann lauf ich los und probiere genau das für mich spezifisch Richtige aus. Die daraus resultierenden positiven und negativen Erfahrungen zahlen auf mein Konto an Bedeutung, Begeisterung und Selbstwirksamkeit ein... Und auf geht es, in die nächste Runde „Workshop“ mit mir! ...

Meditationspraxis ist durch und durch aktiv. Im täglichen Versuch, selbstwirksam zu sein, sogar interaktiv. Und nicht eine Millisekunde zweifle ich daran, dass ab einem bestimmten Punkt in diesem Workshop kein Mensch mehr unter Druck gesetzt werden braucht, auch mal gut zu sein. Und an andere zu denken. Das ursprüngliche Bedürfnis der Fürsorge und des Miteinanders erhebt sich, aus der Tiefe deines Herzens, ungekünstelt und ganz von allein.


Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...